Schlagwort: Gstanzl

Liebe geht durch den Magen

August im Blauen Land in der Nähe von Murnau: in der Kirche findet eine Hochzeit von Freunden statt, die sich nach über fünfundzwanzig Jahren (!) trauen, ihre Beziehung gesetzlich und kirchlich zu untermauern.

Bei der anschließenden Feier gibt es unter den zahlreichen Einlagen der Gäste eine Überraschung: eine Dreiergruppe aus Dachau, wo das Paar viele Jahre lebte, singt ganz besondere Gstanzl beim sogenannten „Tortensingen“. Eine Frau trägt einen von Kerzen gerahmten Kuchen auf einem Tablett herein. Sie wird begleitet von einem Musikanten und einer Sängerin. Nach jeder Strophe, jedem Gstanzl, gehen sie einen Schritt weiter nach vorne zum Brautpaar, bis sie beim letzten Vers mit Glückwünschen für das Paar angekommen sind und das süße Geschenk übergeben. Zuvor gibt es Anekdoten über die lange Verlobungszeit und es wird augenzwinkernd bemängelt, dass die Hochzeiter die Gäste um eine weitere Feier gebracht hätten – da sie ja gleichzeitig Hochzeit und Silberhochzeit feiern würden!

Mein Heimatpflegerinnenherz schlug höher: bisher hatte ich vom Tortensingen nur in Quellen von 1968, einem Aufsatz von 1978 und einigen wenigen mündlichen Berichten gehört. Alle bezogen sich auf Ludwig Thomas „Hochzeit“, wo der Brauch um 1900 geschildert wurde: damals überreichte man dem Brautpaar eine Kreuzigungsgruppe unter einem Glassturz – ein kostbares Geschenk, das dann einen festen Platz im Schlafzimmer bekam und mit dem Myrthenkranz der Braut geschmückt wurde. Im Dachauer Land scheint der Brauch dann „profaniert“ worden zu sein, wie Heinrich Neumaier in den 60er Jahren schrieb. Die Kreuzigungsgruppe wurde durch eine Torte und die getragene Musik durch lustigere Melodien ersetzt.

Und das verbindet den Brauch mit dem der Hochzeitstorte, die heute bei vielen Feiern üblich ist:  Die Süße eines Kuchens oder einer Torte gilt als Symbol für die Liebe, die ja bekanntlich durch den Magen geht.

FOTO: Die Torte beim Tortensingen im August 2026, Birgitta Unger-Richter

Mehr zum Tortensingen mit Literaturangaben findet man in einer Ausgabe von Ludwig Thomas Hochzeit, die 1978 vom Bayerland Verlag in Dachau mit Fotos der Verfilmung und Beiträgen von Horst und Hedi Heres herausgegeben wurde. Heinrich Neumaiers Aufsatz „Die Volkskultur in Dachau und ihre Wiederbelebung“ kann im Artikelarchiv der Zeitschrift Amperland, Heft 4 von 1968 nachgelesen werden. Übrigens war das Tortensingen wohl lange Jahre den Frauen vorbehalten, während die Männer als „Hutsänger“ Verse schmiedeten. 

 

 

Hutsingen

„Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm!“ ist ein beliebter Vers, der die Schrittfolge „vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran“ einleitet. Für mich bedeutete er eine Abwechslung beim Spazierengehen mit den Kindern. Für einen Sängerwettstreit mit gereimten Versen wäre er allerdings nicht geeignet gewesen. Da braucht es schon mehr. Bei solchen „Gstanzl“ werden vier Zeilen gereimt und dann im Dreivierteltakt gesungen. Diese ironischen, witzigen Reime gehören u.a. zum Repertoire des Hochzeitsladers, der so Gäste einlädt, sie bei der Feier begrüßt und immer wieder für gute Stimmung sorgt. Auch im Bereich des süddeutschen Kabaretts werden gerne Gstanzl gesungen. Vielen bekannt sein dürften die Mitglieder der Wellfamilie, die in der Tradition des Roider Jackl politische Botschaften in Gstanzl packen.

Es gibt auch Wettbewerbe im Gstanzlsingen, wozu das früher im Dachauer Land verbreitete Hutsingen gehört. Für 1870 ist erstmals ein solches Hutsingen bekannt. 1930 wurde es dann von einem Volksmusiker, dem Kiem Pauli, in Erdweg wieder in Erinnerung gebracht. In den 50er Jahren belebte Berufschullehrer Heinrich Neumaier diese Art von Sängerwettstreit. Zuletzt gab es 2021 ein Hutsingen beim Poetischen Herbst in Sickertshofen. Traditionell konnte man sich dabei einen Hut ersingen: wer beim zehnminütigen Vortrag einen zu erratenden Begriff möglichst oft und in zahlreichen Variationen in Reimen unterbrachte, konnte als 1. Preis einen Velourshut, als zweiten einen Filzhut und drittens Würste gewinnen. Eine Jury aus Ratsherren, damals Bezirksheimatpfleger Dr. Göttler, Landrat Löwl und Kabarettistin Martina Schwarzmann entschieden neben dem Publikumsapplaus über den Sieger.

Die hohe Kunst des Reimens gepaart mit Witz und Spontaneität war und ist dabei unerlässlich! Gstanzlsingen ist ein geschätzter Brauch, der leider nicht mehr viele Vertreter hat. Schon beim letzten Hutsingen im Dachauer Land suchten wir lange nach drei Teilnehmern.

Der Landesverein für Heimatpflege lädt jetzt zur Fortbildung ein und hofft damit, interessierte Musiker dafür zu gewinnen. Sebastian Göller, einer der beiden Leiter der Abteilung Volksmusik, schreibt dazu in der Einladung: „Es ist eine bayerische Art Kritik zu üben und lachend die Wahrheit zu sagen.“ Und er gibt ein Beispiel: „Gstanzl krahn / ois wia r a Hahn / Oam, dem geht´s oft gengan Strich, / de andern dafür freuen sich.“

Einen Hut kann man bei diesem Workshop noch nicht gewinnen- aber wer weiß, vielleicht finden sich danach wieder ein paar Teilnehmer für ein Hutsingen…

 

TITELFOTO: Das Playmobil-Trachtenpaar im Büro meiner Kollegin Vroni. Danke, dass sie als Model fungieren durften!

Und hier ein paar Eindrücke aus dem Archiv Neumaier, Dachau. Herzlichen Dank an Heinz Neumaier für die Fotos:

Hutsingen im Dachauer Land
  1. Münchner Illustrierte Zeitung von 1935, hier Georg Kellerer
  2. Münchner Illustrierte Zeitung von 1935

Anmeldungen für den Workshop Gstanzl-Singen nimmt der Bayerische Landesverein für Heimatpflege entgegen. Die Gstanzl-Werkstatt ist schon ausgebucht, wie ich erfahren habe: aber bei so großer Nachfrage hoffe ich auf eine Wiederholung. Die Abendveranstaltung um 19.00 Uhr im Freilichtmuseum Massing kann aber besucht werden.

Zum Nachlesen: Heinrich Neumaier: Die Volkskultur im Landkreis Dachau und ihre Wiederbelebung. In: Zeitschrift Amperland 1968, 4.Jg., S.105-110. Robert Böck: Das Hutsingen. Ein Beitrag zur Volkskunde des Dachauer Landes. In: Volksfrömmigkeit und Brauch. Studien zum Volksleben in Altbayern, München 1990, S.179 -205. Siegfried Bradl: Zur Wiederbelebung des Hutsingens im Dachauer Land. In: Zeitschrift Amperland , 2008, 44.Jg., S.294-299.

Auf Youtube gibt es Videos vom Gstanzlsingen, u.a. auch mit dem Roider Jackl.