Schlagwort: Brauch

Einen Korb geben

Einen Korb geben – das war früher das übliche Geschenk bei Jubiläen und Geburtstagen. Ich erinnere mich noch gut an einen silbernen Henkelkorb, den meine Urgroßmutter in den 70er Jahren geschenkt bekam. In diesem mit Immergrün geschmückten „Fresskorb“ waren Bohnenkaffee, Süßigkeiten, Pralinen und exotische Konserven mit Ananas und Pfirsichen. Auch Alkoholisches, wie Wein und Sekt (Pikkolos) waren dabei. Übrigens war Alkohol auch in den Pralinen  „Edle Tropfen in Nuss“ enthalten, sodass wir Kinder nichts davon angeboten bekamen.

Mein Mann berichtete mir von ähnlichen Erfahrungen: als kleiner Bub bedauerte er sogar seinen Großvater. In dessen Geschenkkorb waren Wein, Wurstwaren und Zigarren! Und gar nichts zum Spielen! Der arme Opa bekam so ein langweiliges Präsent.

Hans Kratzer schrieb 2017 in einem Artikel über „Fresskörbe“ – so wurden sie früher genannt – dass es leider dazu noch keine Kulturgeschichte gebe. Sie seien in den 50er Jahren in der Bundesrepublik aufgekommen und als Zeichen des wachsenden Wohlstands zu deuten.

Heute heißen die Fresskörbe „Geschenk- oder Präsentkörbe“. Ein Blick ins weltweite Netz bietet zahlreiche Alternativen zu den früheren Inhalten. Man kann sich Themenkörbe zusammenstellen, internationale Feinkost oder lokale Schmankerl, die dem zu Beschenkenden auch direkt geliefert werden. Man kann sich aber auch in vielen Geschäften vor Ort einen Korb individuell zusammenstellen, wobei der frühere Henkelkorb ausgedient hat. Es gibt inzwischen auch eckige Pappschachteln oder geflochtene Naturkörbe in verschiedensten Größen.

So einen Korb erhielten auch die Herausgeber der Heimatblätter Röhrmoos. Sie feiern heuer ihr dreißigjähriges Bestehen. Drei Jahrzehnte haben sie Informationen aus ihrem Ort über besondere Begebenheiten, Bräuche und ihre Mitbürger gesammelt. Die Redaktion hat sie bearbeitet, bebildert, in Form gesetzt und einmal im Jahr gedruckt herausgegeben. So ist ein unschätzbar wertvolles Heimatarchiv der Gemeinde entstanden.

Damit dies gefeiert werden und die Redaktion sich für die künftigen Auf- und Ausgaben stärken kann, sind einige Dinge wie Schokolade (Nervennahrung)  und diverse kleinere leckere Überraschungen (für die gute Laune) beigefügt.

Ich habe herzlichst gratuliert und ihnen einen Korb gegeben. Mein Wunsch für die Zukunft: weiterhin viele interessante Beiträge und zahlreiche Leser!

FOTO: Birgitta Unger-Rrichter. Geschenkkorb für Röhrmoos. Der Korb wurde von mir anlässlich der Feier des Jubiläums am 10. Oktober 2026 übergeben. Schwarz-Weiß-Foto: aus dem Familienarchiv meiner Mutter. Meine Urgroßmutter Theresia Rieger erhält zwei Fresskörbe zu ihrem 75. Geburtstag im Jahr 1964.

 

 Lesenswert ist der Artikel von Hans Kratzer: Womit habe ich das verdient? Der Fresskorb ist ein kurioses Phänomen. Im SZ Regionalteil R5 vom 4./5. März 2017. Die Heimatblätter Röhrmoos können über die Gemeinde Röhrmoos bezogen werden.

Liebe geht durch den Magen

August im Blauen Land in der Nähe von Murnau: in der Kirche findet eine Hochzeit von Freunden statt, die sich nach über fünfundzwanzig Jahren (!) trauen, ihre Beziehung gesetzlich und kirchlich zu untermauern.

Bei der anschließenden Feier gibt es unter den zahlreichen Einlagen der Gäste eine Überraschung: eine Dreiergruppe aus Dachau, wo das Paar viele Jahre lebte, singt ganz besondere Gstanzl beim sogenannten „Tortensingen“. Eine Frau trägt einen von Kerzen gerahmten Kuchen auf einem Tablett herein. Sie wird begleitet von einem Musikanten und einer Sängerin. Nach jeder Strophe, jedem Gstanzl, gehen sie einen Schritt weiter nach vorne zum Brautpaar, bis sie beim letzten Vers mit Glückwünschen für das Paar angekommen sind und das süße Geschenk übergeben. Zuvor gibt es Anekdoten über die lange Verlobungszeit und es wird augenzwinkernd bemängelt, dass die Hochzeiter die Gäste um eine weitere Feier gebracht hätten – da sie ja gleichzeitig Hochzeit und Silberhochzeit feiern würden!

Mein Heimatpflegerinnenherz schlug höher: bisher hatte ich vom Tortensingen nur in Quellen von 1968, einem Aufsatz von 1978 und einigen wenigen mündlichen Berichten gehört. Alle bezogen sich auf Ludwig Thomas „Hochzeit“, wo der Brauch um 1900 geschildert wurde: damals überreichte man dem Brautpaar eine Kreuzigungsgruppe unter einem Glassturz – ein kostbares Geschenk, das dann einen festen Platz im Schlafzimmer bekam und mit dem Myrthenkranz der Braut geschmückt wurde. Im Dachauer Land scheint der Brauch dann „profaniert“ worden zu sein, wie Heinrich Neumaier in den 60er Jahren schrieb. Die Kreuzigungsgruppe wurde durch eine Torte und die getragene Musik durch lustigere Melodien ersetzt.

Und das verbindet den Brauch mit dem der Hochzeitstorte, die heute bei vielen Feiern üblich ist:  Die Süße eines Kuchens oder einer Torte gilt als Symbol für die Liebe, die ja bekanntlich durch den Magen geht.

FOTO: Die Torte beim Tortensingen im August 2026, Birgitta Unger-Richter

Mehr zum Tortensingen mit Literaturangaben findet man in einer Ausgabe von Ludwig Thomas Hochzeit, die 1978 vom Bayerland Verlag in Dachau mit Fotos der Verfilmung und Beiträgen von Horst und Hedi Heres herausgegeben wurde. Heinrich Neumaiers Aufsatz „Die Volkskultur in Dachau und ihre Wiederbelebung“ kann im Artikelarchiv der Zeitschrift Amperland, Heft 4 von 1968 nachgelesen werden. Übrigens war das Tortensingen wohl lange Jahre den Frauen vorbehalten, während die Männer als „Hutsänger“ Verse schmiedeten. 

 

 

Wo kommst du denn her?

Ob es sich beim verstärkten Aufkommen von Osterbrunnen wohl um eine Anordnung unseres Ministerpräsidenten handeln könnte? So mutmaßten mein Mann und ich augenzwinkernd beim morgendlichen Frühstücksgespräch, als wir uns über die zunehmende Dekoration von Brunnen mit Immergrün und bunten Eiern im Landkreis Dachau unterhielten. Schließlich ist der Brauch fränkischen Ursprungs und der Ministerpräsident hat dort bekanntlich seine Wurzeln.

Tatsache ist laut Brauchwiki, dass die Bewohner auf den felsigen Hochflächen der Fränkischen Schweiz lange Zeit vom Niederschlagwasser lebten „das sie in Zisternen sowie in künstlich abgedichteten Weihern und flachen Gruben auffingen. Die Ernte hing wesentlich davon ab, dass die Niederschläge zur rechten Zeit und in ausreichender Menge fielen. Quellwasser war aufgrund der geologischen Gegebenheiten knapp und musste mühsam und beschwerlich mit Wasserbutten oder Ochsengespannen transportiert werden.“

Aus diesem Grund waren Sammelbecken und Brunnen besonders wertvoll und wurden geschätzt. Diese Wertschätzung drückte sich auch im jährlichen Schmücken eines Brunnens mit Grün und bunten Eiergirlanden aus, das wohl seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Fränkischen Schweiz verbreitet war. Nach dem 2. Weltkrieg erlebte der Brauch dann einen großen Aufschwung durch den Tourismus.

Das dürfte auch das Stichwort für die Verbreitung dieses Brauchs in Nord- und Süddeutschland sein: die fränkischen Osterbrunnen wurden von vielen Touristen besucht, die die Idee mit nach Hause brachten und in ihrer Heimat umsetzten.

Der Osterbrunnen ist folglich keine Anordnung aus der Staatskanzlei, sondern vielmehr ein Brauch mit Migrationshintergrund und hohem Integrationsfaktor: er kommt ursprünglich aus der Fränkischen Schweiz und ist inzwischen in weiten Teilen Deutschlands angekommen. Dabei ist der ursprüngliche Kontext in den Hintergrund getreten. Die Freude am prachtvollen Schmücken steht an erster Stelle und stimmt auf das Osterfest ein.

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter, Osterbrunnen in Altomünster, St. Altohof.

Weitere Osterbrunnen findet man in Kleinberghofen, Großberghofen und Odelzhausen – und sicherlich noch an weiteren Orten! Schreiben Sie mir doch!

 

 

Hutsingen

„Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm!“ ist ein beliebter Vers, der die Schrittfolge „vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran“ einleitet. Für mich bedeutete er eine Abwechslung beim Spazierengehen mit den Kindern. Für einen Sängerwettstreit mit gereimten Versen wäre er allerdings nicht geeignet gewesen. Da braucht es schon mehr. Bei solchen „Gstanzl“ werden vier Zeilen gereimt und dann im Dreivierteltakt gesungen. Diese ironischen, witzigen Reime gehören u.a. zum Repertoire des Hochzeitsladers, der so Gäste einlädt, sie bei der Feier begrüßt und immer wieder für gute Stimmung sorgt. Auch im Bereich des süddeutschen Kabaretts werden gerne Gstanzl gesungen. Vielen bekannt sein dürften die Mitglieder der Wellfamilie, die in der Tradition des Roider Jackl politische Botschaften in Gstanzl packen.

Es gibt auch Wettbewerbe im Gstanzlsingen, wozu das früher im Dachauer Land verbreitete Hutsingen gehört. Für 1870 ist erstmals ein solches Hutsingen bekannt. 1930 wurde es dann von einem Volksmusiker, dem Kiem Pauli, in Erdweg wieder in Erinnerung gebracht. In den 50er Jahren belebte Berufschullehrer Heinrich Neumaier diese Art von Sängerwettstreit. Zuletzt gab es 2021 ein Hutsingen beim Poetischen Herbst in Sickertshofen. Traditionell konnte man sich dabei einen Hut ersingen: wer beim zehnminütigen Vortrag einen zu erratenden Begriff möglichst oft und in zahlreichen Variationen in Reimen unterbrachte, konnte als 1. Preis einen Velourshut, als zweiten einen Filzhut und drittens Würste gewinnen. Eine Jury aus Ratsherren, damals Bezirksheimatpfleger Dr. Göttler, Landrat Löwl und Kabarettistin Martina Schwarzmann entschieden neben dem Publikumsapplaus über den Sieger.

Die hohe Kunst des Reimens gepaart mit Witz und Spontaneität war und ist dabei unerlässlich! Gstanzlsingen ist ein geschätzter Brauch, der leider nicht mehr viele Vertreter hat. Schon beim letzten Hutsingen im Dachauer Land suchten wir lange nach drei Teilnehmern.

Der Landesverein für Heimatpflege lädt jetzt zur Fortbildung ein und hofft damit, interessierte Musiker dafür zu gewinnen. Sebastian Göller, einer der beiden Leiter der Abteilung Volksmusik, schreibt dazu in der Einladung: „Es ist eine bayerische Art Kritik zu üben und lachend die Wahrheit zu sagen.“ Und er gibt ein Beispiel: „Gstanzl krahn / ois wia r a Hahn / Oam, dem geht´s oft gengan Strich, / de andern dafür freuen sich.“

Einen Hut kann man bei diesem Workshop noch nicht gewinnen- aber wer weiß, vielleicht finden sich danach wieder ein paar Teilnehmer für ein Hutsingen…

 

TITELFOTO: Das Playmobil-Trachtenpaar im Büro meiner Kollegin Vroni. Danke, dass sie als Model fungieren durften!

Und hier ein paar Eindrücke aus dem Archiv Neumaier, Dachau. Herzlichen Dank an Heinz Neumaier für die Fotos:

Hutsingen im Dachauer Land
  1. Münchner Illustrierte Zeitung von 1935, hier Georg Kellerer
  2. Münchner Illustrierte Zeitung von 1935

Anmeldungen für den Workshop Gstanzl-Singen nimmt der Bayerische Landesverein für Heimatpflege entgegen. Die Gstanzl-Werkstatt ist schon ausgebucht, wie ich erfahren habe: aber bei so großer Nachfrage hoffe ich auf eine Wiederholung. Die Abendveranstaltung um 19.00 Uhr im Freilichtmuseum Massing kann aber besucht werden.

Zum Nachlesen: Heinrich Neumaier: Die Volkskultur im Landkreis Dachau und ihre Wiederbelebung. In: Zeitschrift Amperland 1968, 4.Jg., S.105-110. Robert Böck: Das Hutsingen. Ein Beitrag zur Volkskunde des Dachauer Landes. In: Volksfrömmigkeit und Brauch. Studien zum Volksleben in Altbayern, München 1990, S.179 -205. Siegfried Bradl: Zur Wiederbelebung des Hutsingens im Dachauer Land. In: Zeitschrift Amperland , 2008, 44.Jg., S.294-299.

Auf Youtube gibt es Videos vom Gstanzlsingen, u.a. auch mit dem Roider Jackl.

 

 

 

 

It´s magic!

„It´s magic!“ So kündigt Marianne Sägebrecht alias Jasmin Münchgstettner in Percy Adlons  Film „Out of Rosenheim“ (1987) einen Zaubertrick in  Brenda’s „Bagdad Cafe“ an. Vielleicht nicht gerade Magie oder Zauberkraft, aber zumindest Heilkraft wird vor allem den Kräutern zugesprochen, die traditionell an Mariä Himmelfahrt in die Kräuterbuschen gebunden werden. Dazu zählt das Johanniskraut, das für gute Stimmung sorgen soll,  die Minze, die beim Vertreiben von Kopfschmerzen helfen kann oder der Spitzwegerich, der antiseptisch wirkt. Früher fanden die Gebinde ihren dauerhaften Platz im Herrgottswinkel unter dem Kreuz, wo bei Bedarf Kräuter entnommen werden konnten. So hatte man seine Hausapotheke praktisch in Reichweite. Die Anzahl der Kräuter variierte dabei von 3 bis 99. Beliebt waren seit jeher Zahlen mit hohem Symbolwert: 7 steht für die Tage der Schöpfung und 12 für die Apostel. Auch die Zahl 3 und ihre Vielfachen konnte deren Anzahl bestimmen: 3 x 3 oder 3 x 33 als Symbol für die heilige Dreifaltigkeit. Manche aber schrieben ihnen neben der medizinischen Wirkung auch eine andere magische Kraft zu: Salbei sollte zu Wohlstand und Erfolg führen, Kamille versprach Glück in der Liebe und Arnika sollte gegen Feuer und Hagel schützen.

Die Legende, die sich um die Entstehung des Kräuterbuschen-Bindens rankt, weist ebenfalls wundersame Züge auf: es heißt, dass sich nach Marias Himmelfahrt der Boden um ihre leere Grabstätte in eine Blumenwiese verwandelt habe und es aus ihrem Grab nach Rosen und Lilien duftete. Daran sollen die bunten Kräuterbuschen erinnern, in die manche zusätzlich eine Rose als Mariensymbol stecken.

Und um nochmals auf „Out of Rosenheim“ und die Zaubershow zurückzukommen – für mich liegt ein wesentlicher Teil der Magie im Gesichtsausdruck der beiden Protagonistinnen Jasmin und Brenda: ihr Lächeln verzaubert die Zuschauer bis heute noch. That´s magic!

In diesem Sinne wünsche ich ihnen einen fröhlichen Feiertag!

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter, Kunstpfad zu Corona-Zeiten in Altomünster, der den Spaziergängern auch ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Wer einen Kräuterbuschen zu Mariä Himmelfahrt selber binden möchte, findet dazu zahlreiche Anleitungen, oder geht einfach in den Garten, die Wiese oder den Wochenmarkt und trifft seine individuelle Auswahl an Kräutern und Blumen. Als Ausflugsziel an Mariä Himmelfahrt lockt der Fraumarkt in Jetzendorf im benachbarten Landkreis Pfaffenhofen.

Von Eisbegonien, Kehrschaufeln und praktischen Gartengeräten

Vielleicht sind einige am Morgen von Allerheiligen noch etwas müde vom Feiern der Gruselparties oder vom Süßigkeitenbetteln und schlafen erst einmal aus. Andere begeben sich auf den Friedhof, um ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu gedenken. Der eine oder die andere ist vielleicht auch erschöpft vom Vorbereiten eines Grabes, das an diesem Tag tipptopp sein soll, wenn die Geistlichkeit den Segen spendet. Die Feier auf dem Friedhof ist nämlich auch ein Anlass, um vor dem Winter die Familiengräber gärtnerisch zu gestalten, Verblühtes abzuschneiden, Erde aufzufüllen und herbstlich zu bepflanzen. Dass dabei ein gewisser Wettbewerb und damit verbundener Stress herrschen kann, hat die Kabarettistin Martina Schwarzmann schon vor Jahren festgestellt: sie war auf der verzweifelten Suche nach den vielerorts beliebten Eisbegonien, die schon ausverkauft waren (s.u.).

Und es soll ja ordentlich sein: mir wurde berichtet, dass am Tag vor der Gräbersegnung auch schon Planen über die Gräber gebreitet wurden, damit keine Blätter die sorgfältig hergerichteten Arrangements zerstören. Etwas Praktisches in Sachen Ordnung rund ums Grab sah ich in meiner alten Heimat im südlichen Baden-Württemberg: hier werden hinter den Grabsteinen ganzjährig allerlei nützliche Haushaltsgeräte aufbewahrt. Es finden sich viele Besen und Schaufeln, die die Angehörigen jederzeit – nicht nur an Allerheiligen – nutzen können. Auf anderen Friedhöfen gibt es Gerätehäuschen, wo man alles für die Grabpflege ausleihen kann. Eine mobile Alternative bietet das „Gartengerät De Luxe“, für das ein Versandhändler wirbt: „Nach der abgeschlossenen Arbeit … lässt sich das komplette Friedhofsgerät (Harke, Schaufel und Besen) im praktischen Nylonbeutel verstauen und sauber transportieren.“

Egal für was man sich entscheidet – das Kümmern um das Andenken an die Verstorbenen ist ein schöner Brauch, der viel über die Kultur des Miteinanders von Generationen in einer Gesellschaft aussagt. Dabei ist es auch zweitrangig, ob man sich im Vorfeld für Eisbegonien, Kehrschaufel hinterm Grabstein oder „Gartengeräte De Luxe“ entscheidet.

 

FOTO: Raimund Richter

Traditionell wird der Toten eigentlich an Allerseelen gedacht, am 2. November. Der Brauch hat sich aber verändert und wird heute häufig zusammen mit dem Gedenken an die Heiligen am 1. November gefeiert. Familienmitglieder treffen sich auf den Friedhöfen, zünden Lichter auf den Gräbern an, besuchen einen Gottesdienst und nehmen an der Gräbersegnung teil. Gerne beschließt man den Gang auf den Friedhof mit einem gemeinsamen Mittagessen oder einer Kaffeerunde.

Wer Martina Schwarzmanns Erfahrungen mit der Grabpflege (Eisbegonien) nachhören möchte, findet den Beitrag auf Youtube: https://youtu.be/Qo7j1d7mDPo?si=4La2H4pv8LdyPv4k

 

My kingdom for a horse…

…ruft Shakespeares König Richard III verzweifelt aus, als er sein Pferd verliert und sich die Niederlage in einer entscheidenden Schlacht abzeichnet. Nicht Verzweiflung sondern Hoffnung kennzeichnet hingegen die Teilnehmer bei Leonhardi-, Georgi- oder Stefani-Umritten. Sie alle haben ein Pferd und hoffen auf den Schutz und Segen eines der Heiligen für ihre Reittiere.

Im November finden an vielen Orten wieder Leonhardi-Ritte statt. Als bekannteste gelten diejenigen im Oberland in Kreuth, Bad Tölz, Beneditktbeuern, Lenggries oder Gmund. Als ältester Pfederitt wird derjenige in Inchenhofen im benachbarten Landkreis Aichach-Friedberg genannt. Hier ist seit dem 13. Jahrhundert eine Wallfahrt zum Hl. Leonhard bekannt, die bis heute besteht.

Im Landkreis Dachau wurde 1994 der Brauch des Leonhardirittes in Pasenbach bei Vierkirchen wiederbelebt. Bereits in den 20er Jahren gab es dort Umritte. Heimatforscher Robert Böck hielt die Pferdesegnungen im 18. Jahrhundert für Vorläufer dieses Brauchs. Der Vierkirchner Helmut Größ hat sich mit der Geschichte in Pasenbach auseinandergesetzt und stieß auf den sehr aktiven Leonhardibund, den Mathias Kneißl 1762 gründete und damit die Verehrung des Heiligen beförderte. Leonhardi-Umritte fanden bis 1860 statt. Erst 1924 ist wieder bekannt, dass für fünf Jahre der Brauch wiederbelebt wurde. Die Geistlichen nahmen dabei als Reiter teil, wie uns durch den damaligen Pfarrer Johannes Spötzl überliefert ist: „Nachdem der Gottesdienst für die verstorbenen Mitglieder gehalten war, versammelte sich vor dem Gasthaus Großmann in Esterhofen eine Menge von geschmückten Wagen und Reitern, unter Assistenz des Herrn Pfarrer Huber, Weichs und Herrn Kooperator Hörl, beide ebenfalls zu Pferde und im Chorrock… Nach dem 3. Umzug segnete ich vor dem Mesneranwesen jedes Pferd mit Weihwasser. An dem Umritt nahmen an prominenten Personen noch teil: Herr Pfarrer Ebert, Giebing, Herr Pfarrer Pschorr, Ampermoching, Herr Graf Spreti auf Unterweilbach, Herr Baron Vequel-Westernach auf Kammerberg, Herr Dr. Steinbacher, Schönbrunn, alle beritten. Das Ganze hatte, ohne allen Unfall, einen herrlichen Verlauf. Ein Fest, über dessen Schönheit wir uns alle nicht genug freuen konnten und das noch lange bei den Teilnehmern Tagesgespräch blieb und das uns ermutigt, es künftig, so Gott will, jedes Jahr zu begehen.“

Der Umritt wurde in der Folge jedoch nicht jedes Jahr wieder begangen. Wie in der Presse berichtet wurde, endeten die Festivitäten häufig in Wirthausraufereien. Erst 70 Jahre später wurde die Tradition wiederbelebt und bis heute fortgeführt. Heutzutage nehmen am Ritt nicht nur Reiter teil. Es werden auch wunderschöne Motivwägen mitgeführt mit detailgetreuen Modellen des Benefiziatenhauses, der Kirchen in Vierkirchen und Pasenbach und dem ehemaligen Schloss. Auch Richard III hätte seine Freude daran: so viele Pferde und auch ein Schloß – was braucht es mehr „for a kingdom“?

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter. Detail eines Pferdefuhrwerks von Bartholomäus Ostermair, Mörtelplastik, Bezirksmuseum Dachau, Ende 19. Jh.

Der Leonhardi-Ritt in Pasenbach 2024 findet am 27. Oktober statt. https://www.vierkirchen.de/88/aktuelles/veranstaltungskalender

Zur Wallfahrt in Pasenbch schreibt Robert Böck in: Wallfahrt im Dachauer Land (Bd.7 der Kulturgeschichte des Dachauer Landes), Hg. Museumsverein Dachau, Dachau 1991, S.178 – 182.

Die Motivwägen können auf Anfrage im vom Helmut Größ gestalteten Schaudepot in Pasenbach besichtigt werden. Dort gibt es auch weitere Informationen zur Wallfahrt, dem Leonhardibund und der Ortsgeschichte Pasenbachs. In der nahe gelegenen Kirche St. Leonhard ist auch außen eine Skulptur des Heiligen zu sehen, der zunächst als Einsiedler und später als Mönch lebte, sich sehr für die Gefangenen einsetzte und auch als deren Patron gilt. Er wird mit einer Kutte bekleidet dargestellt und hält Ketten in der Hand. Später wurden die ursprünglichen Gefangenenketten als Viehketten umgedeutet und Leonhard als Patron der Tiere verehrt. Er gilt als einer der 14 Nothelfer. 

Das Zitat über den Leonhardi-Ritt 1924 findet sich auf Hans Schertls Webseite kirchenundkapellen

 

 

 

 

 

„Sie hupen – wir trinken“ …

… stand auf einem Schild am Straßenrand, das ich bereits zweimal im Landkreis Dachau sah. So ließ sich ein Geburtstagskind von den vorüberfahrenden Autofahrern feiern, indem es bei jedem Hupton mit seinen Mitfeiernden anstieß.

Ein neuer Brauch? Ich bin mir nicht sicher, ob das auch weiter verbreitet ist und als „Brauch“ bezeichnet werden kann. Bräuche nennen wir ja immer wiederkehrende Ereignisse, die zu bestimmten Gelegenheiten immer gleich begangen werden – also keine einmaligen oder seltenen Ereignisse.

Ein Brauch im Dachauer Land ist aber auf jeden Fall das Aufstellen von Bäumen anläßlich eines runden Geburtstages. Diese ähneln den Bäumen, die andere freudige Ereignisse begleiten: der Maibaum stimmt auf den Frühling ein, der Hochzeitsbaum auf die traute Zweisamkeit, der Geburtsbaum feiert einen neuen Erdenbürger. Immer handelt es sich um einen geschälten Baumstamm, oftmals weiß-blau bemalt mit begleitenden Schildern. Den Maibaum ziert häufig ein Kranz, den Hochzeitsbaum manchmal ein Brautpaar oder Herz und auf die Geburt eines Kindes macht gerne ein Storch aufmerksam.

Bei den Geburtstagsbäumen hingegen, bildet das aus dem Straßenverkehr bekannte rot umrandete runde Schild mit der Geburtstagszahl den oberen Abschluss. An sich ist dies eher ein Verbotsschild, das mit einer Zahl die Höchstgeschwindigkeit anzeigt. Woher wohl dazu die Idee kam? Ich habe bisher keine Antwort darauf.

Auf den Schildern darunter sind Hinweise auf Hobbies und Vorlieben des Geburtstagskindes angebracht wie das Lieblingsessen oder (Fußball-)Vereine. Auf dem abschließenden unteren Schild eines Baumes wird alles Gute gewünscht und häufig zu einem Umtrunk mit Essen ein Jahr nach dem Geburtstag aufgefordert – wenn der Baum wieder abgebaut wird. So wird bei diesem Brauch gegessen und getrunken – ohne dass man durch Hupen aufgefordert wird.

FOTO: Unger-Richter, Baum in Eisenhofen

Haben sie eine Idee, woher das runde Verbotsschild kommen könnte? Ich freue mich über ihre Kommentare und Anregungen! 

 

Raunächte

„Ist das ihre Wäsche auf dem Speicher?“ fragte mich besorgt meine Nachbarin kurz vor Weihnachten, als wir noch in einem Mehrfamilienhaus in Dachau wohnten, denn es bringe Unglück zwischen den Jahren Wäsche aufzuhängen. Etwas verwundert brachte ich die nasse Wäsche rechtzeitig in die Wohnung zum Trocknen, ohne mir weitere Gedanken zu machen.

Heute weiß ich, dass die zwölf Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar als „Raunächte“ gelten, in denen von altersher angenommen wurde, dass Dämonen und böse Gestalten ihr Unwesen treiben. Man fürchtete sich davor, dass sie Kinder, Frauen und Mädchen belästigten oder herumliegende Gegenstände verschleppten. Es wurde sogar geglaubt, dass „Totenheere“ oder die „wilde Jagd“ durch die Lande ziehen und Unheil verbreiten würden.

Und wie konnte man sich dagegen schützen? Frauen und Kinder sollten nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr nach draußen gehen. Der Haushalt sollte aufgeräumt sein und die Wäsche nicht auf der Leine hängen, Hausarbeit und auch Handarbeiten wie Stricken und Sticken sollten unterlassen werden, denn Unordnung und auch Arbeitstätigkeiten würden von den Dämonen bestraft werden.

Weiterhin war das Räuchern, woher wahrscheinlich auch der Name der „Raunächte“ kommt, ein probates Mittel, um alles Schlechte aus den häuslichen Räumen zu vertreiben. Dazu wurde auf eine Räucherpfanne oder Schaufel Glut gelegt und darauf Weihrauch, geweihte Kräuter oder Teile des Kräuterbuschens von Maria Himmelfahrt gegeben. Damit ging man vom Keller bis zum Speicher. Auf Bauernhöfen wurden auch die Ställe und die Scheune geräuchert. Meist versprengte man zusätzlich Weihwasser und sagte dazu Gebete und Segenssprüche auf.

Auch heutzutage möchte man alles aufgeräumt, eingekauft und hergerichtet haben. Räuchern scheint inzwischen auch wieder Brauch zu werden, wie zahlreiche Alltagsratgeber zeigen. Ob auch das Wäscheabhängen dazu gehört,  weiß ich nicht. Ich mache das jedoch immer noch automatisch vor Weihnachten und denke dabei jedes Jahr an unsere Nachbarin.

 

Foto: Wir haben heuer auch im eigenen Haushalt geräuchert!

Eine Sage aus der Zeit der Raunächte hat sich aus Hirtlbach erhalten: dort wurden Kirchgänger vom Teufel in Versuchung geführt. Wer Lust hat, kann sich die Geschichte von Jörg Baesecke von der Kleinsten Bühne der Welt erzählen lassen. Wer lieber selber liest, kann zum zweiten Band der Altbairischen Sagen, gesammelt von Alois Angerpointner, Dachau 1980, S. 43f. greifen.

 

Zu den Raunächten oder „Rauhnächten“  findet man weiterhin Wissenswertes bei: Alois Angerpointner: Vom Prehentag, der Perchtennacht und der Pefana. Alte Namen für das Fest der Heiligen-Drei-Könige. In:  Amperland Jg.2, 1966, S.02-03. Manfred Becker-Hubert: Feier, Feste, Jahreszeiten. Lebendige Bräuche im ganzen Jahr, Freiburg/Basel/Wien 2001, S.153-54.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der große Kürbis

Zu diesem Blogbeitrag inspirierte mich mein Gemüsegarten: hier wuchs heuer ein (!) Hokkaido-Kürbis. Er ist klein und kompakt, schön orangefarben und ließ mich, wie Linus van Pelt von den Peanuts, von einem großen Kürbis träumen. Nicht dass ich, wie er im Zeichentrickfilm „Der große Kürbis“, mir eine Phantasiegestalt vorgestellt hätte, die mir Geschenke an Halloween bringt. Nein, vielmehr hätte der Kürbis ruhig ein bisschen größer ausfallen können, um zumindest eine Suppe zu ergeben.

Aber meine kümmerliche Ernte brachte mich zumindest auf die Idee, über die Verknüpfung von Kürbissen und Halloween nachzulesen.

Darüber geben verschiedene Quellen recht gut Auskunft: der Kürbis erinnere an einen Betrüger und Trinker mit Namen Jack O. aus Irland. Als er starb hätten, laut Sage, weder der Himmel noch die Hölle ihn haben wollen, da er sogar den Teufel ausgetrickst habe. Allerdings habe der Fürst der Finsternis Mitleid mit ihm gehabt und ihm ein Stück glühende Kohle in einer Rübe mitgegeben, damit er auf seinem einsamen Weg zwischen den Welten ein Licht habe. In Amerika wurde aus der Rübe dann ein Kürbis, der in Erinnerung an den Gauner Jack O´Lantern (Jack mit der Laterne) genannt wurde und häufig gruselige Gesichter eingeschnitten bekam. Sie leuchteten furchteinflößend und sollten auf Geister abschreckend wirken.

Heutzutage zieren solche Kürbisköpfe auch bei uns die Hauseingänge am Abend des 30. Oktober. Obwohl das Gedenken an die Heiligen am 1. November vielerorts mit liturgischen Feiern begangen wird, ist das Fest an dessen Vorabend, „All Hallows Evening“ (d.h. die Nacht vor allen Heiligen) inzwischen populärer. Besonders Familien und Kinder feiern es gerne. Sie verkleiden sich und ziehen von Haus zu Haus, um mit dem Spruch „Süßes oder Saures“ Süßigkeiten zu erbetteln – andernfalls würden Streiche gespielt, also „Saures gegeben“.

So sind auch alle Freunde der Peanuts im zuvor genannten Film kostümiert unterwegs, während Linus auf dem Kürbisfeld auf den großen Süßigkeitenspender, den „Großen Kürbis“ wartet, der leider auch an diesem Abend nicht kommt. Lieber Linus, lass uns zusammen warten: nächstes Jahr kommt er sicher, vielleicht auch in meinen Garten, der „große Kürbis“.

Foto: unser Kürbis, gestaltet von meinem Mann, einem großen Peanuts-Fan, der mich mit den Zeichentrickfiguren von Charles M. Schultz bekannt machte. Ihm ist dieser Beitrag gewidmet: Charlie Brown, seine Familie und Freunde, aber vor allem der Hund Snoopy begleiten uns und unsere Familie seit unserem ersten „Date“.  Noch ein Lesetipp: Dr. Daniela Sandner vom Landesverein für Heimatpflege schreibt sehr unterhaltsam über Pro und Contra zum neuen Brauch „Halloween“.