Dr. Birgitta Unger-Richter

Ein etwas anderer Denkmaltag

Normalerweise – so fangen aktuell viele Überlegungen an. Also – normalerweise würde ich jetzt nochmals meine Partner für den Tag des offenen Denkmals am kommenden Sonntag anrufen, fragen ob Ort und Zeitpunkt passen, die Teilnehmerzahl der Exkursion abrufen, für die Kaffeepause Kaffee- und Kuchenmenge durchgeben und bei Petrus um einen sonnigen und schönen Tag bitten.

Aber heuer fällt die fast schon traditionell stattfindende Busexkursion mit bis zu 50 Teilnehmern aus, was für jeden verständlich und nachvollziehbar ist.

ABER: ich lade sie hier zu einem Alternativprogramm ein, weil wir doch einen Denkmaltag „light“ auf die Beine gestellt haben, an dem viele Ehrenamtliche Anteil haben. Auch an dieser Stelle vielen Dank an alle, die dazu beitragen!

Wer Kirchenräume musikalisch erleben möchte, kann um 10.30 Uhr nach Jarzt kommen oder um 14.00 Uhr der Mittagsmusik in St. Nikolaus in Haimhausen lauschen. Zum Ausklang gibt es auch eine Soirée mit meditativen Texten in der Indersdorfer Klosterkirche. Führungen bietet das Ehepaar Riedel in Hilgertshausen-Tandern an: von 14.00 bis 17.00 Uhr kann man in Michelskirchen und Gumpersdorf die dortigen Kirchen besichtigen. Alle Kirchen im Pfarrverband Fahrenzhausen-Haimhausen und fünf Kirchen im Pfarrverband Indersdorf sind ebenfalls geöffnet.

Für Familien bietet der Pfarrverband Erdweg mit der Öffnung seines Pfarrzentrums – dem „jüngsten“ Denkmal im Landkreis Dachau –  ein kleines Programm.

Und wenn sie lieber digital am Tag des offenen Denkmals unterwegs sein möchten, dann schauen sie doch auf Hans Schertls fantastische Webseite kirchenundkapellen.de oder besuchen sie den Youtube-Kanal der Haimhauser Pfarrei. So können sie ganz gefahrlos sogar auf das Gerüst der Pfarrkirche steigen und einen Blick auf die Baustelle werfen…

Und wo ich hingehen werde? Man findet mich auf jeden Fall bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Zurück ins Leben“ in Markt Indersdorf um 13.00 Uhr und bei der Präsentation eines digitalen Kirchenführers um 17.00 Uhr in Weng.

Alle offenen Denkmäler und Angebote haben wir auf der Webseite des Landratsamtes zusammengefasst – auch die der Ruckteschell-Villa und dem Friedhof in der Maroldstraße in Indersdorf. Lassen sie sich für einen Sonntagsausflug auf eigene Faust inspirieren! Vielleicht treffen wir uns ja bei sonnigem Wetter und selbstverständlich mit ausreichend Abstand und Maske….

 

FOTO: meine Aphrodite aus Griechenland trägt eine Maske mit Reisemotiven aus aller Welt

Der Tag des offenen Denkmals wird seit 1993 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz organisiert, die dieses Jahr zu einem digitalen Tag  aufgerufen hat. Auf der Webseite der Stiftung finden sie weitere bundesweite Projekte dazu.

Kehrwoche

Letzte Urlaubswoche: Geburtstagsfeier einer Freundin im Garten unter Apfelbäumen. Da kommt im Gespräch die Frage auf: „Du kommst ja ursprünglich aus dem Schwäbischen“, wird meine Nachbarin gefragt, „wie hältst du es denn eigentlich mit der Kehrwoche?“

Die „Kehrwoche“, die auch heute noch mit Schwaben verbunden wird wie Spätzle, Sparsamkeit und Bollenhut (nur ein paar von vielen Klischees) weckt auch bei mir Erinnerungen an das wöchentliche, samstägliche Fegen der Straße und der Kandel (des Rinnsteins). Zum Samstag gehörte auch das Rasenmähen, Autowaschen und das Wegbringen des während der Woche angefallenen Mülls. Eine Müllabfuhr gab es bei uns auf dem Dorf in den 60er Jahren nämlich noch nicht.

Womit wir auch beim Ursprung der Kehrwoche wären, wie ich beim Nachlesen erfuhr: 1714 führte Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg eine „Gassensäuberungsordnung“ ein, die damals grassierenden Krankheiten entgegen wirken sollte. Müll und Unrat sollte geordnet entsorgt werden. Die stark vom Pietismus geprägten folgsamen Schwaben führten diese Tradition in der „Kehrwoche“ bis heute fort, obwohl die gesetzlichen Bestimmungen inzwischen gelockert wurden.

Aber auch in diversen Wohnhäusern, in denen ich in Bayern lebte, war die wöchentliche Reinigung des Treppenhauses Pflicht. Allerdings hatten wir kein so schönes Schild mit „Kehrwoche“ oder “In dieser Woche ist die Reihe an Ihnen“ an der Eingangstür hängen, wie es im schwäbischen Raum verbreitet ist.

Auch gibt es meines Wissens keine volkskundliche Untersuchung wie in Baden Württemberg, die sich mit der wöchentlichen Reinigung und deren Wurzeln, Bestandteilen (Besen und Kehrschaufel) und Durchführung in Stadt und Land beschäftigt.

Heutzutage kommt in mein bayrisches Dorf höchstens zweimal im Jahr die Kehrmaschine der Gemeinde und die Anwohner werden dann gebeten ihre Autos nicht am Straßenrand zu parken. Dennoch drängt es den Schwaben in mir doch ab und zu die Straße zu kehren. Das Kehren und Fegen scheint irgendwo tief in der schwäbischen DNA verwurzelt zu sein. Deshalb konnte ich mir lebhaft vorstellen, wie es einem weiteren Gast auf der Feier, einer bayrischen Schauspielerin, bei ihrem Gastspiel in Schwaben erging. Sie erzählte, dass während einer Probe im Karlsruher Theater die Tür aufging und eine Putzfrau mit laufendem Staubsauger die Bühne betrat. Auf die erstaunten Blicke entgegnete sie: „Lasset sie sich nur net störä“ und saugte unbeirrt weiter, woraufhin die Akteure dennoch die Probe unterbrachen.

Und um auf die Eingangsfrage bei der Feier zurückzukommen: sowohl meine Nachbarin als auch ich bekräftigten schmunzelnd, dass wir das als gebürtige Schwaben nicht so eng sähen und samstags nicht automatisch kehren würden. Aber hin und wieder kann man mich doch auf der Straße mit einem Besen antreffen…

Angeregt zu diesem Blogbeitrag hat mich neben der Geburtstagsfeier auch Roman Deininger, der sich in einem Artikel, der am 24. Januar 2014 in der Süddeutschen Zeitung erschien, auf die Suche nach den Ursprüngen der Kehrwoche machte: „Durch diese saubere Gasse“. Franz Rumpel widmete sich mit seinem Beitrag „Kehren und Bekehrtes“  in: „Schwabenbilder. Zur Konstruktion eines Regionalcharakters“ (einer Ausstellung von 1997) dem Phänomen “Kehrwoche”. Dem Traum vieler von einem Putzhelfer setzte bereits  Johann Wolfgang von Goethe in seiner 1797 erschienenen Ballade “Der Zauberlehrling” ein poetisches Denkmal. 

Das Foto zeigt mich bei einer Kehrpause. Als Studentin durfte ich im ehemals königlichen Schloss Nymphenburg den Besen schwingen – weniger um kunsthistorische Forschungen zu unternehmen als vielmehr das Studentenbudget aufzubessern…

Happy Birthday!!!

Liebe Leser, es ist kaum zu glauben: der Heimatpflege-Blog wird am 31. Juli fünf Jahre alt! Das ist doch ein Anlass, um ein Geburtstagsständchen anzustimmen. Als Heimatpflegerin werde ich „viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen“ singen – mit besonderer Betonung auf „viel Frohsinn sei auch dabei“. Schließlich sollen meine Blogbeiträge Themen zur Heimatforschung und Heimatpflege fundiert, informativ aber auch immer mit einem Augenzwinkern beschreiben.

Mein Blog ist inzwischen auf 70 Beiträge, über 40 Newsletter-Abonnenten und ca. 300 Leser bereits in den ersten Tagen neu veröffentlichter Beiträge angewachsen. Über die Jahre hinweg haben sich dabei einige Spitzenreiter mit mehreren tausend Zugriffen gebildet. Was meinen sie, welche Geschichte bisher am meisten Leser hatte? Mit annähernd 5.000 Klicks führt das legendäre Krokodil Emil aus dem Karlsfelder See die Hitliste an, dicht gefolgt von einem Beitrag zum Thema vorösterliches Brauchtum „Auf die Palme bringen“. Besonders interessiert haben meine Leser auch die Beiträge zum Grüßen „Griaß di“ und der Faschingsbrauch des Krawattenabschneidens “Fred Feuersteins Krawatte”.

Zum Thema “Geburtstag” hatte ich bisher noch nicht gebloggt – nur zur Feier des Namenstages „Josefi“. Früher waren Geburtstage keine Feste, sondern Bestandteil eines harten Alltags. Eine hohe Geburtenrate verbunden mit einer großen Kindersterblichkeit war die Regel. Wichtig war deshalb, dass Kinder schnell getauft wurden, weil nach allgemeiner Auffassung ungetaufte Kinder nicht in den Himmel kommen konnten. Der Pate oder die Patin brachten das Neugeborene deshalb häufig ohne die Mutter, zusammen mit der Hebamme und Familienangehörigen möglichst bald (ein bis zwei Tage nach der Geburt) zur Taufe. Die Neugeborenen erhielten in katholischen Gegenden dann oft den Namen eines Heiligen, dessen Gedenktag – der Namenstag – dann gefeiert wurde. Damit machte man deutlich, dass man christlich getauft war und gleichzeitig einen Fürbitter und Beschützer hatte. Manchmal wurde der Täufling auch nach dem Heiligen des Geburtstages benannt.

Und wer hat am 31. Juli Namenstag? Der Hl. Ignatius von Loyola (1491-1556), Ordensgründer und Mystiker. Als Schutzpatrone für einen Blog hätten vielleicht eher die der Journalisten (Franz von Sales , Maximilian Kolbe) oder Schreiber (Markus, Lucia, Johannes) gepasst? Für Blogger gibt es ja keine ausgesprochenen Fürsprecher unter den Heiligen. Aber vielleicht hält der Hl. Ignatius von Loyola doch schützend die Hand über den Blog? Schließlich bricht er eine Lanze für reflektierte Informationen: „Nicht das Vielwissen sättigt die Seele und gibt ihr Befriedigung, sondern das innere Schauen und Verkosten der Dinge“. In diesem Sinne weiterhin viel Freude beim Lesen und Happy Birthday Heimatblog!

 

 

FOTO: Ausschnitt einer selbstgebastelten Einladungskarte zum Geburtstag meines Sohnes.

Zur Feier des Namenstages fand ich u.a. Hinweise bei kirche-und-leben.de. Bräuche zu Geburt und Taufe im Dachauer Landkreis werden im Ausstellungskatalog des Bezirksmuseum Dachau von 2009: Da ich ein Kind war, S. 29ff. beschrieben. Alle Heiligen und ihre Namenstage, Legenden und Attribute sind im Ökumenischen Heiligenlexikon verzeichnet, auch das Zitat des hl. Ignatius von Loyola.

 

Blumen pflücken verboten!

Am 8. Juli 1912 war es soweit: die erste Lokalbahn fuhr durch den Dachauer Landkreis – allerdings  vorerst nur bis Schwabhausen. Denn erst ein Jahr später, im Dezember 1913 war das letzte Teilstück bis Altomünster vollendet. Zahlreiche Geschichten und Anekdoten ranken sich um das von den Einheimischen liebevoll genannte „Bockerl“ oder „Bummerl“. So wird und wurde augenzwinkernd berichtet, dass Blumen pflücken während der Fahrt im „Alto-Express“ verboten gewesen sei. Tatsächlich kam es vor, dass der Zug auf offener Strecke außerplanmäßig anhielt, wenn z.B. der Schaffner beim Blick aus dem offenen Zugfenster seine Mütze verloren hatte …

Gerne wird auch von der Jubiläumsfeier „60 Jahre Lokalbahn“ erzählt, bei der noch einmal an die Gründerzeit der Bahn erinnert wurde. Die Organisation übernahm ein Festkomitee, das die Zeit um das Jahr 1913 in Anlehnung an Ludwig Thomas Schriften aufleben ließ. Ein von einer Dampflok gezogener Zug beförderte die in Kostümen der Jahrhundertwende und Dachauer Tracht erschienenen Fahrgäste, darunter auch viel Prominenz. So wurde unter anderen am Bahnhof Dachau der königliche Prinz Xaver musikalisch mit dem Defiliermarsch und „literarisch“ von einer Ehrenjungfrau mit Versen begrüßt:

„Heil der königlichen Hoheit,

dem Prinz Xaver Heil, der wo heut

diesen Zug besteigen tat,

der nach Altomünster fahrt….“

Der von Thoma erfundene Landtagsabgeordnete Filser versuchte sich an einer Rede, ein störrischer Ochse wurde in den Viehwaggon eingeladen, Hochzeitslader und ein Brautpaar, Bauern und ihre Frauen lieferten sich schlagfertige Wortgefechte, bis die Abfahrt angekündigt wurde. Der dampfgetriebene Zug zuckelte durch das Dachauer Land, wo an allen festlich geschmückten Bahnhöfen angehalten wurde und besondere Darbietungen auf die Zugreisenden und die Schaulustigen vor Ort warteten: Reden der Bürgermeister und des Prinzen, Begrüßungsmusik und Sketche mit Lokalbezug. In Schwabhausen beklagte sich der Postillon, dass der neumodische Dampfzug ihm die Arbeit wegnähme, in Arnbach wurde der Räuber Kneissl von Polizisten gestellt, in Erdweg gab es eine große Bauernhochzeit mit Tanzboden und Rauferei, in Kleinberghofen versammelten sich viele Trachtler um einen täuschend echt wirkenden Ludwig Thoma, bevor der Zug mit seinen ausgelassenen Fahrgästen am Zielbahnhof Altomünster eintraf.

Viele, die dieses Jubiläum damals erlebt haben, schwärmen noch heute von diesem Ausnahmefest, viele erinnern sich an die Fahrten mit der alten Lokalbahn. Wer heute aus dem Fenster der modernen S-Bahnzüge blickt, sieht sogar teilweise noch die vom Prinzen Xaver geschätzte „liebliche“ Landschaft „von sanften Höhen durchzogen und mit Wäldern bedeckt“, wird aber mit zahlreichen anderen Mitfahrern zügig von A nach B gebracht – ohne unterwegs Blumen zu pflücken…

 

FOTO: Collage. Mehr zum Jubiläum der 70er Jahre bei Hans Günther Richardi und Gerhard Winkler: Ludwig Thoma und die Dachauer Lokalbahn. Geschichte und Jubiläum einer bayerischen Nebenstrecke, Dachau (Bayerland) 1974. Dort auch auf S. 85 das Zitat des Prinzen Xaver und auf S. 80 das Gedicht der Ehrenjungfrau. Im Ausstellungskatalog des Bezirksmuseums Dachau „´s Bockerl“ von 1993 ist die Geschichte der Lokalbahn von den Anfängen bis zur modernen Bahn aufgezeichnet.

Zu Thoma und der Lokalbahn noch ein Nachtrag: In einigen seiner Werke bezog er sich auf die Dachauer Bahn: in „Altaich (=Altomünster)“, 1918, „Der Ruepp“, 1921 und in verschiedenen Artikeln für die Zeitschrift März. Auch zu seinem Dreiakter „Die Lokalbahn“ ließ sich der Schriftsteller während seiner Aufenthalte in Dachau und im Dachauer Land inspirieren. Als das Theaterstück 1902 im Residenztheater in München aufgeführt wurde, war die Bahnlinie nach Altomünster allerdings noch nicht fertig. So wählte Thoma als Schauplatz für sein Stück „Dornstein“ – gleichbedeutend mit Traunstein – und die dortige Lokalbahnstrecke nach Ruhpolding.

Bleibt gesund!

Aufmerksamen Spaziergängern ist sicherlich auch schon aufgefallen, dass seit einiger Zeit an verschiedenen Orten, Plätzen und Wegen bunte Steine mit lustigen Motiven und aufmunternden Botschaften abgelegt werden. In einem Ort an der S-Bahn-Linie nach Altomünster werden Spaziergänger aufgefordert, Steine für eine „Corona-Schlange“ zu bemalen, um sie dann wie beim Dominospiel an vorhandene bunte Kunstwerke anzulegen. Die Anleitung ist mit dem Wunsch verbunden, dass alle weiterhin Abstand halten und gesund bleiben mögen. Auch vor einem Kindergarten in Indersdorf sind kleine Botschaften an die Kindergartenkinder und ihre Eltern zu finden, die den Zusammenhalt untereinander betonen und an das Durchhaltevermögen aller appellieren. Der Münchner Merkur vom 7. Mai 2020 meldete, dass in Vierkirchen Steine als Zeichen der Aufmunterung rund um die Kirche platziert werden sollten und am Petersberg sind in der Basilika Steine vor dem Altar ausgelegt. Auf diese sind die Wünsche einzelner Besucher geschrieben: Glück, Frieden, Freiheit, Vertrauen und Gesundheit.

Steine, zu kleinen Pyramiden oder als Steinmännchen aufgeschichtet, kennt man aus dem Gebirge. Manchmal tragen sie auch eine farbige Markierung, um den Wanderern im Gelände Orientierung zu geben. Steine, die auf Grabsteine gelegt werden, sind auf jüdischen Friedhöfen Ausdruck des Gedenkens an die Verstorbenen. Steine, bunt zu bemalen und mit Botschaften zu versehen, scheint hingegen ein neuer Brauch zu sein, der sich aus anderen Quellen speist. Hier könnten private Bastelvorlieben und das 2018 initiierte „Kindness Rocks Project“ der Amerikanerin Megan Murphy Pate gestanden zu haben. Ich würde ihn in die neuen temporären „Corona-Bräuche“ einreihen, zu denen ich bereits in den vergangenen Wochen einiges geschrieben habe. Im Frühjahr und Frühsommer 2020 sind diese bunten Steine vor allem positive Zeichen, die den Vorübergehenden Gutes wünschen – am häufigsten: “Bleibt gesund!”.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FOTOS: Die Steine auf dem Titel stammen vom Beet vor dem Kindergarten St. Vinzenz in Markt Indersdorf. Ebenso der Marienkäfer und die Traktoren. “Bleibt Gesund” und die Eule habe ich in Kleinberghofen am Bahnweg gesehen. 

 

Maaaaaaaaaamaaaaa!

Wer erinnert sich noch an den musikalischen Hit des Jahres 1968? Eine wohlmeinende Großtante schenkte ihn mir zum Geburtstag: Heintjes „Mama“ oder besser eher „Maaaaaaaaaamaaaaa“. Zum Glück war meine Mutter auch kein Fan dieser Platte und verzichtete gerne auf das Lied zum Muttertag. An diesem Tag stand ich freiwillig früh auf, pflückte auf der Wiese Himmelsschlüsselchen und bereitete möglichst geräuschlos das Frühstück vor – es sollte ja eine Überraschung sein! Manchmal malte ich auch ein Bild, schrieb ein Gedicht ab und verzierte es mit Blümchen oder backte einen Kuchen.

Jahrzehnte später, als ich selbst Mutter geworden war, freute ich mich übers Ausschlafen und die Aufmerksamkeiten meiner Kinder. Manchmal seufzte ich innerlich aber auch ein wenig: nur einmal im Jahr rissen sich die Kinder ums Frühstückmachen, Kuchenbacken, Essen kochen, Tisch abräumen. Ach, wenn doch öfters im Jahr Muttertag wäre!

Aber da lag auch immer ein Schatten über dem Muttertag – schließlich hatten die Nationalsozialisten auch diesen Gedenktag für ihre Zwecke missbraucht, vielfache Mutterschaft heroisiert und mit dem „Mutterkreuz“ ausgezeichnet. Und da waren die miefigen 50er Jahre, wo am Muttertag die „Mutti“ gefeiert wurde, die  vor allem für die häusliche Versorgung der Familie zuständig war (man schaue sich nur die Werbefilme der Zeit an!) und die Emanzipation für lange Zeit unter den Küchentisch fiel. Danach wurde der Muttertag zunehmend zu einem Fest der Floristen, Schokoladenfabrikanten und Parfümhersteller.

Sogar die Erfinderin des Muttertags, der erstmals offiziell 1914 begangen wurde, die Amerikanerin Anna Marie Jarvis (1864-1948) musste miterleben, wie bereits zu ihren Lebzeiten eine verstärkte Kommerzialisierung des Tages einsetzte und hätte ihn am liebsten wieder abgeschafft. Ihre Beweggründe für seine Einführung waren nämlich ganz andere: Jarvis wollte ihrer eigenen Mutter Ann (1832-1905), einer sozial sehr engagierten Frau, die sich im 19. Jahrhundert u.a. für Bildung und gegen Kindersterblichkeit eingesetzt hatte, gedenken. An deren dritten Todestag wurde erstmals ein Gottesdienst gefeiert, nach dem im Anschluß rote und weiße Nelken verschenkt wurden. Eine bescheidene Feier, die 1914 zum nationalen Gedenktag geadelt wurde.

Und dieses Jahr? Dazu fand ich einen Tipp in einem Online-Ratgeber: „Sie könnten einen Überraschungsbesuch mit Maske und mit Blumenstrauß machen. Ein schönes Video aufnehmen und ihr schicken oder einen Video-Chat mit Kaffee und Kuchen verabreden.“ Alles ist möglich – es gibt schließlich keine festgelegten Bräuche für den Muttertag. Hauptsache ich bekomme keine Hitsingle aus dem Jahre 1968…

 

Das FOTO ist eine Collage mit einem Spruch aus meinem Poesiealbum und verschiedenen Aufklebern, die man zum Muttertag verschicken kann.

Diesen Blogbeitrag widme ich meiner Mutter, die leider weiter weg wohnt und nicht spontan besucht werden kann – was ja seit Mittwoch (mit Einschränkungen) wieder möglich wäre.  Am Sonntag rufe ich sie ganz altmodisch einfach auf einen längeren Ratsch an, zum (schwäbisch) „Schwätza“… 

Die trauen sich was!

Ein Stau in der Dachauer Ludwig-Thoma-Straße, und das in Corona-Zeiten! Meine Tochter und ich konnten es kaum glauben. Doch nach der Kurve klärte sich das Ganze auf: eine Kutsche mit einem Hochzeitspaar bewegte sich gemütlich vorwärts, wahrscheinlich in Richtung Altstadt zum Standesamt. „ Viel Glück!“ riefen wir dem Paar beim vorsichtigen Überholen zu und freuten uns, dass sich zwei Menschen gefunden hatten, die sich trauten, gerade in der aktuell schwierigen Zeit.

Um die passende Frau zu finden, fungierte früher der „Hochzeitslader“ oder „Schmuser“, der viel herumkam und potentielle Kandidaten vermittelte. Gefühle waren dabei zweitrangig: es ging in erster Linie darum, dass der materielle Besitz gesichert oder sogar vermehrt wurde. Eine Hochzeit war meist mit der Hofübergabe an die jüngere Generation verbunden, die wiederum mit ihren Nachkommen für den Fortbestand des “Sachs” sorgen sollte. Deshalb waren die Mitgift der Braut, die öffentlich auf dem Kammerwagen zur Schau gestellt wurde und das “Sachschaun” wichtige Bestandteile des Hochzeitsrituals. Diesen und andere Bräuche im ländlichen Raum beschrieb Ludwig Thoma in seinem 1902 erschienenen Roman  „Hochzeit“. Verfilmt wurde der Stoff 1983 von Kurt Wilhelm für den BR im Dachauer Land mit vielen Laiendarstellern, zu denen auch der im wirklichen Leben als Hochzeitslader tätige Franz Eder gehörte. Hochzeitslader waren häufig  nicht nur für das Zustandekommen von Ehen zuständig. Sie waren vor allem eine Art von Zeremonienmeister, die für einen geregelten Ablauf der gesamten Feierlichkeiten sorgten: von der mündlichen Einladung bis zum letzten Brauttanz um Mitternacht. Heutzutage sind statt Hochzeitsladern häufig die Brautpaare selbst Organisatoren oder lassen sich von „Wedding Plannern“ beraten.

Dadurch haben sich seit Thomas Hochzeit viele Bräuche geändert – genügend Stoff für mehrere Blogbeiträge. Auf einen möchte ich mit dem Foto des heutigen Beitrags hinweisen: seit einigen Jahren werden im Landkreis Dachau Brautpaare aus Strohballen aufgebaut. Die Strohfiguren haben immer fröhliche Gesichter und tragen Brautschleier und Zylinder. Manchmal gibt es ein zusätzliches Transparent oder Schild, auf dem den frisch Vermählten gratuliert wird. Alles ist gut sichtbar auf Feldern oder vor Bauernhöfen aufgestellt. Bei diesem Paar feierte sogar schon das Kind der Paares mit, das sich sichtlich sehr über die Hochzeit seiner Eltern freut! Das hätte man sich früher nicht getraut…

 

FOTO: Mit dieser kleinen Familie wurde einem Brautpaar 2018 in Niederroth gratuliert.

Einen prächtigen Kammerwagen kann man hoffentlich bald wieder im Dachauer Bezirksmuseum anschauen: der große Aussteuerschrank, ein großes Bett, Tisch, Stühle, ein Butterfass und sogar ein Vogelbauer sind auf dem Wagen aufgebaut. Die Braut war augenscheinlich eine gute Partie!

Das kriegen wir gebacken!

Ein Aprilscherz? So dachten wir, als wir ein ansprechendes Flugblatt im Briefkasten fanden, das die Eröffnung einer mobilen Bäckerei ankündigte. Ab 1. April werde es morgens frische Backwaren in unserem Dorf geben! Knusprige Brezn, Semmeln, verschiedenste Brotsorten, aber auch süße Teilchen und Kuchenschnitten – da lief uns in der Zeit der beschränkten Einkaufsmöglichkeiten regelrecht das Wasser im Mund zusammen.

Aber vielleicht handelte es sich ja nur um einen Aprilscherz? Und dann wurde man vor dem vermeintlichen Laden mit einem lockeren „April, April!“ begrüßt? Wer würde sich aus unserer Familie im Morgengrauen trauen, auch auf die Gefahr hin, einem Scherz aufzusitzen?

Unsere Tochter wagte es und wurde nicht enttäuscht! Es ist wahr! Seitdem ist unser Dorf nicht nur mit einem Metzger und Eierverkauf ab Hof versorgt, man kann jetzt morgens auch Backwaren an einem Verkaufswagen erwerben. Bisher mussten wir  für ein Frühstückscroissant das Auto zum Einkauf nehmen oder – zugegebenermaßen selten – eine längere morgendliche Wanderung unternehmen. Dieses Schicksal teilen und teilten ja auch viele Bewohner in anderen Orten im Landkreis, weshalb ich bereits in einem früheren Blogbeitrag eine Lanze für Dorfläden gebrochen hatte.

So genießen wir die neue Möglichkeit sehr und sehen es als einen Lichtblick in der aktuellen Corona-Krise an. Und zum kulinarischen Genuss kommt, dass wir durch den morgendlichen Einkauf auch noch das lokale Gewerbe unterstützen können.

Mit einem frischen Hörnchen oder einer duftenden Semmel beginnt der Tag im Home Office viel besser. Und wenn dann noch die Lieferung unseres jetzt mobilen Buchladens da war, dann setze ich mich voller Zuversicht an meinen Schreibtisch und denke: den Rest kriegen wir doch sicherlich auch noch gebacken…

 

FOTO:  Diese leckeren Bärenkekse fand ich bei einem Bäcker im Elbsandsteingebirge.

Den Titel zu diesem Beitrag verdanke ich meinem Mann, der immer sehr schlagfertig und kreativ ist. Er bekommt dafür ein extra Teilchen vom Bäcker! Und wir hoffen, dass wir damit viele Leser des Blogbeitrags anregen, ihre lokalen Anbieter zu unterstützen – wenn sie das nicht schon längst tun. Denn auch viele Gaststätten haben auf Lieferservice umgestellt.    

Der „Wir-schicken-uns-täglich-Nachrichten-Brauch“

Der tägliche Blick aufs Smartphone, meist gleich nach dem Frühstück, wer kennt das nicht? Wer hat wieder einen Film, ein Bild, eine aufmunternde Nachricht geschickt? Es scheint, als ob Bekannte und Freunde in der gegenwärtigen Corona-Krise zumindest virtuell ein wenig näher zusammenrücken möchten, um sich einen Gruß, ein bisschen Mut, Nähe, Trost und einfach Unterhaltung zu schicken.

Vielleicht werden sich nach der Krise auch einmal Wissenschaftler mit diesem Phänomen ausgiebig befassen, um eine Art von neuem „Brauch“ zu beschreiben. „Brauch“ wird ja definiert als „regelmäßige und wiederkehrende Handlungsvollzüge, die einen klar bestimmbaren Gestaltungsrahmen besitzen“ und in einer Gruppe ausgeübt werden. Ein neuer Brauch neben den „klassischen“ Bräuchen, die den Jahreslauf (Jahreszeiten, Feste) und Lebenslauf (Geburt bis Tod) strukturieren, oder den Bereichen Religion, Region oder Berufen zugeordnet werden können. Auf die derzeitige Situation bezogen wäre das dann ein „Wir-schicken-uns-täglich-Nachrichten-Brauch” via Smartphone, der den Tag strukturiert.

Dazu ein paar Ideen zu einer ersten Unterteilung dieser Botschaften in der Corona-Krise:

  1. Kreativität: Videos und Bilder, die zeigen, wie man ideenreich mit der Quarantäne umgehen kann: Sportübungen mit Klopapierrollen oder DJs am Kochplattenherd. Mein aktueller Favorit ist ein Film mit einem älteren italienischen Herrn, der einer jüngeren weiblichen Stimme aus dem Off verkündet auszugehen, um einen Kaffee zu trinken, die Tür öffnet, und Überraschung (!) sich dann im eigenen Garten wiederfindet, um sich am Küchenfenster sein Getränk geben zu lassen.
  2. Solidarität: Inhalt sind hier Appelle und Botschaften durchzuhalten und sich zu bedanken bei all denen, die das Gesundheits- und Versorgungssysteme am Laufen halten. Dazu zählen Videos mit klatschenden Menschen auf Balkonen und das Video aus Bamberg, das mit dem legendären Partisanenlied „Bella Ciao“ Grüße nach Italien schickt.
  3. Informationen und Pseudo-Informationen: Dazu zählen leider viele krause Verschwörungstheorien und seltsame Ansichten, die ich zum Glück sehr selten bekomme. Aber auch brauchbare Anleitungen zum Anfertigen von Schutzmasken sind dabei.
  4. Schwarzer Humor: Teilweise sehr grenzwertig Beiträge – aber die Geschmäcker sind bekanntlich sehr verschieden.
  5. Einfach lustig und nicht immer tiefgründig: Damit meine ich Botschaften zum Lachen oder Schmunzeln wie das neue Modell eines Sportschuhs in Hausschuhoptik oder der müde Hund, der vom vielen Gassigehen erschöpft am Boden liegt und sich fragt, wer dieser Covid eigentlich sei…

Bräuche sind nicht für alle Zeit festgestanzt und von daher wandelbar. So ist dieser neue Brauch vielleicht auch nur temporär. Aber möglicherweise brauchen wir ihn gerade jetzt als gemeinschaftsstiftendes Miteinander in einer Zeit, wo wir physischen Abstand halten müssen und unsere traditionellen Bräuche nicht ausüben können.

 

Das FOTO entstand im Home Office der Heimatpflegerin.

Mit Filmen und Videos hat sich auch die SZ am Wochenende und am 6. April 2020 befasst und sie u.a. als Gute-Laune-Macher bezeichnet. Bei der Definition für “Brauch” beziehe ich mich auf Dr. Brauch von Brauchwiki, der auf eine diesbezügliche Anfrage am 18.07.2011 antwortete.

 

Die Tannenzapfen-Kapelle – oder: wie man früher abgeschieden lebte

Haben sie schon einmal von der „Butzküahkapelle“ in Haimhausen gehört? Einem achteckigen Zentralbau mit einer kuriosen Innenraumgestaltung aus Naturmaterialien, wie Baumrinden, Muscheln, Ästen, Rinden und Zapfen, die ihr den Namen gab? „Butzküah“ ist nämlich die bairische Bezeichnung für Tannenzapfen. Wer die kleine Barockkapelle, die auch als „Klausenkapelle“ bezeichnet wird geschaffen hat, ist bisher nicht eindeutig geklärt. Aber es wird vermutet, dass einer oder mehrere Einsiedler dafür verantwortlich waren.

Als Einsiedler oder auch als Eremiten bezeichnet man Menschen, die ein Leben in Zurückgezogenheit wählen, häufig in der Wüste. Dazu gehört der mir unvergessene Symeon Stylites der Ältere (geb. 389), von dem berichtet wird, dass er mehrere Jahre auf einer Säule (!) lebte. Komfortabler hatten es dagegen Einsiedler, die im Dienste der Grafen von Haimhausen standen. Sie wohnten in der unter Graf Franz Ferdinand (1687-1724) errichteten „Klause“, an die eine Kapelle angeschlossen war. „Klause“ vom lateinischen „claudere“ abgeleitet, bedeutet „schließen“und war somit  als abgeschiedener Aufenthaltsort für einen Einsiedler gedacht. Der dort lebende „Klausner“ war für den Gottesdienst in der Schlosskapelle zuständig und teilweise sogar für den Schuldienst, als Seelsorger und medizinischer Beistand tätig. Entlohnt wurde er mit „Kost, Trunk, Holz und Licht …, damit er könne zufrieden leben.“ In seiner freien Zeit entstand dann wohl die kuriose Ausstattung der Kapelle.

Aber so einsam und abgeschlossenen war ein Klausner dann wohl doch nicht, denn Franz Ferdinand verfügte 1701: „Wie er dann auch, wann sich die Herrschaft in loco (am Ort) befinden sollte, allzeit die Tafel mit derselben genießen solle“. So scheint es ein netter Zufall zu sein, dass die Klause heute eine Gastwirtschaft beherbergt. Die dazu gehörige Kapelle kann übrigens im Rahmen von Führungen und manchmal am Tag des offenen Denkmals besichtigt werden, oder virtuell auf Hans Schertls Webseite der Kirchen und Kapellen im Landkreis Dachau.

 

Hier finden sie schon einmal ein paar Eindrücke von der Kapelle , die ich bei einem Besuch vor zwei Jahren festhielt.

 

Viele, die wie ich mit meiner Familie in Corona-bedingter Abgeschiedenheit zu Hause leben, bevorzugen sicherlich auch die Haimhauser Einsiedler-Variante mit „Kost, Trunk, Holz und Licht“… Dieses Zitat und die Informationen zu den Klausnern entnahm ich der Chronik der Gemeinde Haimhausen, die Markus Bogner 2003 verfasste. Hier besonders S. 27.