Autor: Dr. Birgitta Unger-Richter

Wo kommst du denn her?

Ob es sich beim verstärkten Aufkommen von Osterbrunnen wohl um eine Anordnung unseres Ministerpräsidenten handeln könnte? So mutmaßten mein Mann und ich augenzwinkernd beim morgendlichen Frühstücksgespräch, als wir uns über die zunehmende Dekoration von Brunnen mit Immergrün und bunten Eiern im Landkreis Dachau unterhielten. Schließlich ist der Brauch fränkischen Ursprungs und der Ministerpräsident hat dort bekanntlich seine Wurzeln.

Tatsache ist laut Brauchwiki, dass die Bewohner auf den felsigen Hochflächen der Fränkischen Schweiz lange Zeit vom Niederschlagwasser lebten „das sie in Zisternen sowie in künstlich abgedichteten Weihern und flachen Gruben auffingen. Die Ernte hing wesentlich davon ab, dass die Niederschläge zur rechten Zeit und in ausreichender Menge fielen. Quellwasser war aufgrund der geologischen Gegebenheiten knapp und musste mühsam und beschwerlich mit Wasserbutten oder Ochsengespannen transportiert werden.“

Aus diesem Grund waren Sammelbecken und Brunnen besonders wertvoll und wurden geschätzt. Diese Wertschätzung drückte sich auch im jährlichen Schmücken eines Brunnens mit Grün und bunten Eiergirlanden aus, das wohl seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Fränkischen Schweiz verbreitet war. Nach dem 2. Weltkrieg erlebte der Brauch dann einen großen Aufschwung durch den Tourismus.

Das dürfte auch das Stichwort für die Verbreitung dieses Brauchs in Nord- und Süddeutschland sein: die fränkischen Osterbrunnen wurden von vielen Touristen besucht, die die Idee mit nach Hause brachten und in ihrer Heimat umsetzten.

Der Osterbrunnen ist folglich keine Anordnung aus der Staatskanzlei, sondern vielmehr ein Brauch mit Migrationshintergrund und hohem Integrationsfaktor: er kommt ursprünglich aus der Fränkischen Schweiz und ist inzwischen in weiten Teilen Deutschlands angekommen. Dabei ist der ursprüngliche Kontext in den Hintergrund getreten. Die Freude am prachtvollen Schmücken steht an erster Stelle und stimmt auf das Osterfest ein.

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter, Osterbrunnen in Altomünster, St. Altohof.

Weitere Osterbrunnen findet man in Kleinberghofen, Großberghofen und Odelzhausen – und sicherlich noch an weiteren Orten! Schreiben Sie mir doch!

 

 

Kunst und Lebenskunst

Annemarie Kirchner-Kruse (geboren 1889) wollte Malerin werden! Kein einfacher Berufswunsch um die Jahrhundertwende. Die Akademien waren jungen Frauen damals noch verwehrt und eine Ausbildung erhielten angehende Künstlerinnen nur auf eigene Initiative in kostenpflichtigen privaten Malschulen. So machte sich auch Annemarie Kruse zusammen mit ihrer Mutter Anfang des 20. Jahrhunderts nach Paris auf, um an der Académie Matisse zu studieren. Dort lernte sie dann auch den Bildhauer Igor von Jakimov kennen, den sie mit 21 Jahren heiratete. Das Ende ihrer künstlerischen Karriere?

Annemarie Kirchner-Kruses beeindruckende Lebensgeschichte und ihr zeitweiliges Schaffen im Landkreis Dachau waren das Thema einer Lesung zum Internationalen Frauentag am vergangenen Wochenende. Wie sie Zeit ihres Lebens Kunst, Haushalt und Familie unter einen Hut brachte, nötigte allen Zuhörern und Zuhörerinnen großen Respekt ab. Nur ein paar Schlaglichter: während des 1. Weltkriegs verwaltete sie das Gut ihres russischen Ehemanns, bis er wieder aus dem Kriegsdienst heimkehrte. Nach der Flucht vor der Oktoberrevolution (mit zwei kleinen Kindern!) fand sie in Mariabrunn ein Heim im dortigen Roséschlösschen. Mit einfachsten Mitteln versorgte sie die Familie zu Beginn der 20er Jahre und zog nach der Trennung von ihrem Mann die drei gemeinsamen kleinen Kinder alleine groß.

Und die Kunst, die sie einst nach Paris geführt hatte zu Henri Matisse und Hans Purrmann, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband? Die Kunst war immer eine Konstante in ihrem Leben, wovon ihr noch erhaltenes Werk Zeugnis ablegt: impressionistische Gemälde von Mariabrunn bei Dachau, locker erfasste Ansichten des ehemaligen Gutes Jakimov, seelenvolle Porträts ihrer Kinder und Bekannten, stimmungsvolle Landschaften der Eifel. In ihrer Autobiografie berichtet Annemarie Kirchner-Kruse auch anschaulich über das Leben in Mariabrunn, wo zeitweilig eine kleine Künstlerkolonie bestand, zu der auch eine Weile die Schriftstellerin Regina Ullmann gehörte. Dort wurden Bilder gemalt und gezeichnet, Skulpturen geschaffen, Theaterstücke aufgeführt und Feste gefeiert. Kirchner-Kruses Werke, ihre schriftlichen Erinnerungen und erhaltenen Fotos zeigen die unglaubliche Kreativität der damals dort Lebenden, trotz finanziell schwieriger Rahmenbedingungen.

So zeigte die Lesung, dass Annemarie Kirchner-Kruse eine außergewöhnliche, emanzipierte und für die damalige Zeit moderne Frau war, die Berufung und Familie unter einen Hut brachte. Kunst und Lebenskunst gehörten bei ihr zusammen.

 

 

TITELFOTO: Kulturverein Röhrmoos, Lesung in Mariabrunn

links: Annemarie Kirchner-Kruse mit Familie um 1920 in Mariabrunn. Foto Archiv Dr. Julia Lehfeld.

 

 

 

 

 

 

Die lesenswerten Lebenserinnerungen Annemarie Kirchner Kruses hat Kristina Kargl 2025 im Allitera Verlag herausgegeben. Die Lesung mit der Herausgeberin fand in Mariabrunn im Atelier Vonholdt statt, nur ein paar Schritte vom ehemaligen Wohnort der Künstlerin entfernt. Sie war Teil 3 der Reihe des Kulturkreises Röhrmoos zum Internationalen Frauentag, bei dem schon die Biografien Viktoria von Butlers und der ehemaligen Generaloberin des Franziskanerordens in Schönbrunn, Benigna Sirl, vorgestellt wurden.

 

 

 

Servus Murmeltier!

Am 2. Februar ist in den USA der sogenannte „Murmeltiertag“. Viele erinnern sich sicherlich an den Film aus den 90er Jahren, in dem Bill Murray als Wetterfrosch darüber berichten soll und dabei in eine scheinbar endlose Zeitschleife gerät. Der Filmtitel „Und ewig grüßt das Murmeltier“ gehört mittlerweile zu den geflügelten Wörtern im deutschen Sprachgebrauch. Hintergrund ist ein amerikanischer Brauch, der seit dem 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten am 2. Februar ausgeübt wird. Man beobachtet an diesem Tag ein Murmeltier in seinem Bau: wirft es, wenn es herauskommt einen Schatten, bleibt es winterlich. Ist hingegen kein Schatten zu sehen, dann wird es Frühling.

In Deutschland werden an diesem Tag keine Murmeltiere beobachtet. Doch die Sehnsucht nach dem Frühling zeigt sich bei einigen Bauernregeln, die mit dem Fest der Darstellung des Herrn „Mariä Lichtmess“ verbunden sind, das am 2. Februar in katholischen Gegenden begangen wird: „Wenns an Lichtmess stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit; ist es aber klar und hell, kommt der Lenz wohl nicht so schnell.“ Und eine weitere Regel verheißt, dass jetzt die Tage nach der dunklen Winterzeit länger werden: “Lichtmess verlängert den Tag um eine Stunde für Leute und Hunde.“

Vor der Einführung des elektrischen Lichts sorgten Kerzen für Helligkeit in der dunklen Jahreszeit. Diese wurden am Festtag Mariä Lichtmess in die Kirche gebracht. Dort wurde der Jahresbedarf an Kerzen während der Messe geweiht. Hintergrund dafür war das biblische Ereignis der Vorstellung des jungen Jesus im Tempel. Seine Eltern Maria und Josef brachten ihn, wie es im jüdischen Kulturkreis damals Brauch war, vierzig Tage nach der Geburt zum Tempel. Hier trafen sie nach der Überlieferung auf den alten Simeon, der erkannte, dass Christus der Erlöser und damit das „Licht der Welt“ sei.

Mit Lichtmess wurde früher auch die sogenannte “Lichtarbeit“ beendet, das Arbeiten bei Kerzenlicht in den damals vorwiegend dunklen Stuben. Eine Redensart dazu lautet: „Lichtmess – das Spinnen vergess`, Radl hinter die Tür, die Hacke herfür“ – also das Spinnrad wird verbannt und die Gartenhacke wieder hervorgeholt.

Auch wenn das Murmeltier – das wir von dieser Stelle aus herzlich im amerikanischen Punxsutawney grüßen –  heuer keinen Schatten werfen sollte, so nähert sich der Frühling zumindest in den heimischen Bauernregeln mit großen Schritten.

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter. Kein Murmeltier, sondern eine Maus in einem Café bei Mering, die auch Licht ins Dunkel bringt. 

Übrigens gilt Lichtmess auch als das „Bauernneujahr“, weil in ländlichen Gegenden früher das neue Dienstjahr der Knechte und Mägde an diesem Tag begann. Sie erhielten ihren Lohn und hatten ein paar Tage frei. Es bestand auch die Möglichkeit, den Arbeitgeber zu wechseln.

Der 2. Februar ist 40 Tage nach Christi Geburt an Weihnachten. Deshalb gilt Lichtmess auch heute noch im Kirchenjahr als Ende der Weihnachtszeit. Manche Menschen knüpfen auch heute noch daran an, und entfernen den Christbaum und ihre Krippe erst jetzt.

Mehr zu Lichtmess und anderen Festen, die mit Licht und Dunkel verbunden sind finden Sie bei Dorothea Steinbacher: Wenns draussen finster wird, München 2020. Dort auf S.185 das zuletzt genannte Zitat. Die anderen Bauernregeln und weitere Hinweise zum Brauch auf Brauchwiki.  

 

 

 

 

 

Das Glücksschwein

Gerade haben wir Silvester gefeiert und das neue Jahr begrüßt. Dabei wurden auch Glückssymbole, wie vierblättrige Kleeblätter, Schornsteinfeger, Pfennige, Hufeisen und auch Schweine verschenkt. Es gibt sie als Pappfiguren, Seifen oder als essbare Süßigkeiten aus Schokolade oder Marzipan.

Warum wurden gerade diese Symbole gewählt? Fest steht, dass jemand, der eines der seltenen vierblättrigen Kleeblätter findet, wirklich Glück hat. Schornsteinfeger galten seit dem Mittelalter als Glücksboten, weil sie den schädlichen Ruß, der oftmals zu Hausbränden führte aus den Kaminen entfernten. Glückspfenninge verweisen auf Reichtum und Hufeisen schützten Pferde und entwickelten sich so zu einem Symbol für Schutz und Glück. Und wie sieht es mit dem Glücksschwein aus? Schließlich ist das Schwein nicht in allen Kulturen gleichermaßen geschätzt. Bei den Griechen und Römern war es ein Zeichen für Wohlstand. Im jüdischen und muslimischen Kulturkreis wurde und wird das Schweinefleisch hingegen als unrein angesehen. Aber auch in christlichen Gesellschaften wurde das Schwein häufig mit Schmutz und Gefräßigkeit verbunden, schließlich setzte man im Mittelalter freilaufende Schweine zur Müllentsorgung in den Städten ein. Andererseits konnten gemästete Ferkel, die auch mit Essensresten gefüttert wurden und schnell zu großen Schweinen heranwuchsen, gegessen oder mit Gewinn verkauft werden. Man konnte auch auf die zahlreichen Nachkommen hoffen, die eine Sau zur Welt bringt – bis zu zehn Ferkel pro Wurf! Daran erinnert auch heute noch das „Sparschwein“, das ein Mehr an Geld verspricht.

Und da sich in diesem Blog vieles ums Schwein dreht, möchte ich noch ein besonderes Exemplar vorstellen: Im Zuge der Überprüfung des Kunstbestandes im Landratsamt haben meine Kollegin und ich auch das  Holzschwein, das im ersten Stock in einem Pfalztrog lebt, aufgesucht (s. Foto). Es fällt erst auf den zweiten Blick auf – es ist sehr genügsam und blickt den Vorbeigehenden leicht schläfrig an. Der Dachauer Bildhauer und Maler Gerhard Schmidl (1931-2025) hat das Schwein aus Lindenholz lebensecht geschnitzt – wahrscheinlich nicht wissend, dass es einmal eine Art von Haustier im Landratsamt werden würde. Wir wissen nicht viel über diese Skulptur und ihre Geschichte und können deshalb auch nur vermuten, dass es sich womöglich um ein Glücksschwein handelt könnte.

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter, Skulptur Schwein von Gebhard Schmidl.

Übrigens gibt es auch einen Patron der Schweine und Schweinehirten: es ist der Heilige Antonius der Große (seine Lebensdaten sind nicht genau gesichert, um 250 -356 n. Chr.). Er war ein Einsiedler, der vom Teufel in der Gestalt eines Schweins in Versuchung geführt wurde. Und ganz neu ist der Gedenktag des Glücksschweins, der für den 1. Januar ausgerufen wurde – eher ein „kurioser Feiertag“, der sich noch nicht durchgesetzt hat. Zu Glücksbringern gibt es auch einen Beitrag des Bonifatiuswerks auf brauchtum.de. Darin wird der Schornsteinfeger als Überbringer von Neujahrswünschen beschrieben.

 

 

Lasst und froh und munter sein!

– so beginnt ein bekanntes Nikolauslied. Seit vielen Jahrhunderten wird am 5. und 6. Dezember an den Heiligen aus Myra gedacht. „1500 Jahre Tradition, legendäre Überhöhung, frömmste Inbrunst, kitschigste Verniedlichung und gnadenloseste Vermarktung, alljährlicher millionenfacher Aufmarsch von Schoko-Nikoläusen in Supermarktregalen, pädagogische Instrumentalisierung, folkloristische Einvernahme und werbemäßige Trivialisierung hat der große alte Mann erstaunlich gut überstanden…“ – so Gerald Huber in seinem Buch über Weihnachten und seine Bräuche.

Bekannt ist der Heilige Nikolaus vor allem durch Legenden des 6. Jahrhunderts, die sein reales Leben als Bischof überstrahlen. In den Erzählungen erscheint er als wohltätiger Helfer in der Not, der drei armen Frauen eine Mitgift schenkt, Seeleuten in Seenot hilft und Kinder aus Notsituationen rettet. Zu einer pädagogischen Figur wurde Nikolaus erst ab dem 19. Jahrhundert: im Struwwelpeter erscheint er mit rotem Gewand und pelzbesetzter Mütze und steckt drei freche Knaben zur Bestrafung in ein Tintenfass – eine aus heutiger Sicht mehr als fragwürdige Aktion!

Schon zuvor hatte sich das Bild des Heiligen verändert. Durch das Vordringen des Protestantismus verloren Heilige generell an Wichtigkeit. Es zählte nurmehr der Glaube an sich und nicht mehr die vermittelnde Hilfe der Heiligen. Der Reformator Martin Luther versuchte auch das mit dem Gedenktag des Nikolaus verbundene Schenken auf Weihnachten zu verlegen und stattdessen das Christkind als Überbringer der Geschenke zu etablieren. Die katholische Kirche schließlich legte dann im 17. Jahrhundert ein neues Kirchenjahr fest, in dem der Nikolaustag kein allgemein gültiger Feiertag mehr war, wodurch der Nikolaustag an Bedeutung verlor.

Der Nikolaus und der Geschenkebrauch lebten aber weiter. In einer Predigt des Augustinermönchs Abraham a Sancta Clara (1644-1709) lesen wir:„Es ist eine uralte Gewohnheit, daß der Nikolaus Geschenke bringt. Er kommt aber eine Nacht vorher, um die Kinder zu prüfen und zu examinieren, ob sie auch (…) gut unterwiesen sind in Glaubenssachen, im Buchstabieren, Silbenteilen, Lesen und Schreiben. Im Rechnen? In Sprachen?“ A Santa Clara führte weiterhin aus, dass auch das Wohlverhalten abgefragt wurde.

Bis heute gibt es eine Belohnung für „brave“ Kinder, die allerdings nicht mehr geprüft – oder wie Abraham a Santa Clara schrieb „examiniert“ werden. Denn Schwerpunkt war und sollte sein, wie der Brauchforscher Becker-Huberti schreibt, vor allem die „positive Verstärkung“: Kinder sollten im Sinne des gütigen Nikolaus mit Lob auf den rechten Weg  gebracht werden. Der Besuch des Heiligen sei von jeher nicht als „angsteinflößendes Spektakel“ gedacht gewesen. Heutzutage sagen Kinder ein kleines Gedicht auf, überreichen ein selbst gemaltes Bild oder singen ein Lied. Manchmal ist es auch „Lasst und froh und munter sein…“

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter, Schoko-Nikoläuse im Supermarkt.

Mehr zum Nikolaus und vorweihnachtlichen Bräuchen bieten: Manfred Becker-Huberti: Feiern, Feste, Jahreszeiten. Lebendige Bräuche im ganzen Jahr. Freiburg 2001 und Gerald Huber: 1200 Jahre Weihnachten. Ursprünge eines Fests, München 2019.

Am Sonntag, den 7. Dezember kommt der Nikolaus nicht nur in Privathaushalte, sondern auch in das Hutter-Museum in Großberghofen. Dort werden auch gemeinsam Nikolauslieder gesungen werden! Das Museum ist geöffnet und Kinder können Mosaike basteln. Im Freien gibt es Bratwürste und Glühpunsch. 

 

 

 

 

 

Pole-Position

„Mit uns sitzen sie in der ersten Reihe“ – so warben die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ab dem Ende der 80er Jahre für ihr Programm. Das hätte auch ein Slogan der Kirchen in vergangenen Jahrhunderten gewesen sein können. Damals war der Sitzplatz in der Kirche nicht frei wählbar. Es gab die Männer- und die Frauenseite und die reservierten Plätze, wie Pfarrer Martin Dubberke in einer kleinen Geschichte des Kirchengestühls festgehalten hat: „Für einen Sitzplatz in der Kirche musste man zahlen.“ In sogenannten „Stuhlregistern“ wurden Preis und Dauer einer Miete festgelegt. Das war sowohl in evangelischen als auch in katholischen Kirchen der Fall. Und Sitzplätze wurden auch vererbt bzw. waren an Hofstellen gebunden. Dabei waren Plätze möglichst vorne begehrt: von dort aus hatte man einen unverstellten Blick auf den Zelebranten und die Liturgie und auch beim Austeilen der Kommunion war man zuerst an der Reihe – in der „Pole-Position“.

In Odelzhausen, wo mein Foto entstand, zeigt die Anbringung der Schilder auch eine gesellschaftliche Rangordnung: in der ersten Reihe durften die Angehörigen der Gutsherrschaft sitzen, in der zweiten Reihe Kirchenvertreter wie der Benefiziat und der Expositus, daneben die Akademiker wie der Lehrer, der Arzt und der Tierarzt. In der dritten Reihe folgten dann die Bauern mit Grundbesitz und Vertreter des ortsansässigen Handwerks wie der Müller. Noch vornehmer hatte es der Hofmarksherr Franz Xaver Unertl in Schönbrunn: er saß nicht in einer Bankreihe, sondern hatte sich einen eigenen Platz in seiner Kirche bauen lassen. Er verfolgte in einem Oratorium, einer Art Logenplatz auf Emporenhöhe, sehr vornehm mit Fenstern und balkonartiger Brüstung, den Gottesdienst von oben.

An privilegierte Plätze in der Kirche  erinnern nur noch die teilweise vor Ort verbliebenen Namensschildchen. Heute herrscht freie Platzwahl, manche Kirchenbesucher haben über die Jahre ihre Lieblingsplätze gefunden und viele sitzen lieber ganz hinten. Der Platz in den ersten Bankreihen – die „Pole-Position“– scheint heute kein Thema mehr zu sein und ist nurmehr Geschichte.

 

Foto: Birgitta Unger-Richter, Namensschilder in der Kirche St. Benedikt in Odelzhausen

Mehr zur Kirche in Odelzhausen bietet Hans Schertls Webseite kirchenundkapellen. Er listet weitere Kirchen auf, in denen  Schildchen erhalten sind: „Solche Namensschilder sind auch noch in den Kirchen von Ainhofen, Altomünster, Dachau, Eglersried, Ebertshausen, Einsbach – Hl. Blut, Glonn, Langenpettenbach, Puchschlagen, Asbach und in der Taxakapelle erhalten.“ Im Kapitel „Strukturwandel“ schreibt Franz Keiner, Dorf- und Hofmark Odelzhausen, Landshut 1992,  S.270-275 über die Veränderungen in Odelzhausen um 1900, u.a die Zunahme der Gemeindeangehörigen, die „keinerlei landwirtschaftliche Tätigkeit ausübten…. zu diesem Personenkreis zählten neben den zwei Geistlichen und den beiden Lehrkräften neuerdings ein Arzt (seit 1892), ein Apotheker (seit 1891)…“.  Außerhalb des Landkreises Dachau fand ich die Forschungen zur Kirchenstuhlordnung im schwäbischen Gültstein sehr interessant. 

Hutsingen

„Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm!“ ist ein beliebter Vers, der die Schrittfolge „vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran“ einleitet. Für mich bedeutete er eine Abwechslung beim Spazierengehen mit den Kindern. Für einen Sängerwettstreit mit gereimten Versen wäre er allerdings nicht geeignet gewesen. Da braucht es schon mehr. Bei solchen „Gstanzl“ werden vier Zeilen gereimt und dann im Dreivierteltakt gesungen. Diese ironischen, witzigen Reime gehören u.a. zum Repertoire des Hochzeitsladers, der so Gäste einlädt, sie bei der Feier begrüßt und immer wieder für gute Stimmung sorgt. Auch im Bereich des süddeutschen Kabaretts werden gerne Gstanzl gesungen. Vielen bekannt sein dürften die Mitglieder der Wellfamilie, die in der Tradition des Roider Jackl politische Botschaften in Gstanzl packen.

Es gibt auch Wettbewerbe im Gstanzlsingen, wozu das früher im Dachauer Land verbreitete Hutsingen gehört. Für 1870 ist erstmals ein solches Hutsingen bekannt. 1930 wurde es dann von einem Volksmusiker, dem Kiem Pauli, in Erdweg wieder in Erinnerung gebracht. In den 50er Jahren belebte Berufschullehrer Heinrich Neumaier diese Art von Sängerwettstreit. Zuletzt gab es 2021 ein Hutsingen beim Poetischen Herbst in Sickertshofen. Traditionell konnte man sich dabei einen Hut ersingen: wer beim zehnminütigen Vortrag einen zu erratenden Begriff möglichst oft und in zahlreichen Variationen in Reimen unterbrachte, konnte als 1. Preis einen Velourshut, als zweiten einen Filzhut und drittens Würste gewinnen. Eine Jury aus Ratsherren, damals Bezirksheimatpfleger Dr. Göttler, Landrat Löwl und Kabarettistin Martina Schwarzmann entschieden neben dem Publikumsapplaus über den Sieger.

Die hohe Kunst des Reimens gepaart mit Witz und Spontaneität war und ist dabei unerlässlich! Gstanzlsingen ist ein geschätzter Brauch, der leider nicht mehr viele Vertreter hat. Schon beim letzten Hutsingen im Dachauer Land suchten wir lange nach drei Teilnehmern.

Der Landesverein für Heimatpflege lädt jetzt zur Fortbildung ein und hofft damit, interessierte Musiker dafür zu gewinnen. Sebastian Göller, einer der beiden Leiter der Abteilung Volksmusik, schreibt dazu in der Einladung: „Es ist eine bayerische Art Kritik zu üben und lachend die Wahrheit zu sagen.“ Und er gibt ein Beispiel: „Gstanzl krahn / ois wia r a Hahn / Oam, dem geht´s oft gengan Strich, / de andern dafür freuen sich.“

Einen Hut kann man bei diesem Workshop noch nicht gewinnen- aber wer weiß, vielleicht finden sich danach wieder ein paar Teilnehmer für ein Hutsingen…

 

TITELFOTO: Das Playmobil-Trachtenpaar im Büro meiner Kollegin Vroni. Danke, dass sie als Model fungieren durften!

Und hier ein paar Eindrücke aus dem Archiv Neumaier, Dachau. Herzlichen Dank an Heinz Neumaier für die Fotos:

Hutsingen im Dachauer Land
  1. Münchner Illustrierte Zeitung von 1935, hier Georg Kellerer
  2. Münchner Illustrierte Zeitung von 1935

Anmeldungen für den Workshop Gstanzl-Singen nimmt der Bayerische Landesverein für Heimatpflege entgegen. Die Gstanzl-Werkstatt ist schon ausgebucht, wie ich erfahren habe: aber bei so großer Nachfrage hoffe ich auf eine Wiederholung. Die Abendveranstaltung um 19.00 Uhr im Freilichtmuseum Massing kann aber besucht werden.

Zum Nachlesen: Heinrich Neumaier: Die Volkskultur im Landkreis Dachau und ihre Wiederbelebung. In: Zeitschrift Amperland 1968, 4.Jg., S.105-110. Robert Böck: Das Hutsingen. Ein Beitrag zur Volkskunde des Dachauer Landes. In: Volksfrömmigkeit und Brauch. Studien zum Volksleben in Altbayern, München 1990, S.179 -205. Siegfried Bradl: Zur Wiederbelebung des Hutsingens im Dachauer Land. In: Zeitschrift Amperland , 2008, 44.Jg., S.294-299.

Auf Youtube gibt es Videos vom Gstanzlsingen, u.a. auch mit dem Roider Jackl.

 

 

 

 

Eine Mammutaufgabe

Ein wahre Mammutaufgabe war das Projekt der Archäologischen Arbeitsgruppe im Hutter-Museum! Was als vage Idee begann, hat jetzt ein Gesicht bekommen: seit Mitte September sind an fünf Orten im Landkreis Dachau Schilder aufgestellt, auf denen man Informationen zu Bodendenkmälern erhält.

Im Vorfeld der Aktion wurde viel diskutiert. Sollte man auf die Bodendenkmäler aufmerksam machen oder nicht? Schließlich wollte man ja keine Schatzjäger, Sondengänger oder Raubgräber anlocken. Aber wäre es nicht besser auf die Bodendenkmäler hinzuweisen, um sie besser ins Bewußtsein zu bringen und damit gerade vor Mißbrauch zu schützen?

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege teilte die letztere Ansicht und unterstützte das Unterfangen tatkräftig und finanziell. Die Hobbyarchäologen des Vereins setzten daraufhin viel Zeit, Kenntnisse und Beharrlichkeit ein, um die Schilder auf den Weg und an ihren Platz zu bringen. Wo konnten sie aufgestellt werden? Wer war der Grundbesitzer und erteilte die Genehmigung dafür? Wie tief sollten die Fundamente sein – gab es Leitungen im Boden, die gefährdet waren? Wie war es um die Verkehrssicherheit bestellt? Welche offiziellen Genehmigungen waren einzuholen?

Parallel zu all den behördlichen Hürden und den technischen Details wurden die Inhalte für die Tafeln gesammelt, mehrfach überarbeitet und optisch ansprechend gestaltet. Zusätzlich gibt es an jedem Ort jetzt auch einen Informationsflyer.

Die Beschilderung ist eine Werbung für den Schutz unserer archäologischen Denkmäler und öffnet ein Fenster in die Vergangenheit: Reste von Römerstraßen, Befestigungen und Grabhügeln haben Jahrhunderte überdauert. Sie erzählen von der Zeit der Römer und ihrer Verkehrs- und Handelswege, dem Leben im Mittelalter mit Burgen und Siedlungen, den Menschen in ihrer jeweiligen Zeit.

Sie können sich gerne auf die Reise zu einigen der archäologischen Stätten in unserer Heimat machen und dort mehr erfahren. Respekt vor der Geschichte und des Ortes ist dabei selbstverständlich. Bei Fragen rund um den Denkmalschutz sind sowohl die Kreisheimatpflege als auch die Untere Denkmalschutzbehörde ein guter Ansprechpartner. Das Hutter-Museum in Großberghofen bietet für interessierte Besucher eine kleine, aber feine Sammlung zur Archäologie im Landkreis Dachau.

Es gibt noch viel zu tun in der Zukunft, um – auch noch nicht entdeckte – Bodendenkmäler zu schützen. Eine Mammutaufgabe? Jedenfalls hat das Plüschmammut beim gerade abgeschlossenen Schilderprojekt als Maskottchen gute Dienste geleistet.

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter mit Dank an Frau Dr. Mayer, ihr Mammut fotografieren zu dürfen. Wie sie mir kürzlich mitteilte, hat das Mammut auch einen Namen: „Manni“.

Mein großer Dank gilt weiterhin allen Mitgliedern der Archäologischen Arbeitsgruppe, die für das Durchführen des Schilderprojektes verantwortlich waren: das war eine Wahnsinnsarbeit! Chapeau! Hier noch ein Eindruck der Arbeitsgruppe mit Frau Dr. Mayer bei der Standortüberprüfung in Großberghofen. Dort gibt es ein Schild an der Ruhebank mit Blick auf das Areal der ehemaligen Villa Rustica. Das andere Bild zeigt exemplarisch für die anderen Schilder die Aufstellung bei Arnzell. Der Übersichtsplan zeigt die archäologischen Stätten im Landkreis Dachau.

 

 

 

 

 

It´s magic!

„It´s magic!“ So kündigt Marianne Sägebrecht alias Jasmin Münchgstettner in Percy Adlons  Film „Out of Rosenheim“ (1987) einen Zaubertrick in  Brenda’s „Bagdad Cafe“ an. Vielleicht nicht gerade Magie oder Zauberkraft, aber zumindest Heilkraft wird vor allem den Kräutern zugesprochen, die traditionell an Mariä Himmelfahrt in die Kräuterbuschen gebunden werden. Dazu zählt das Johanniskraut, das für gute Stimmung sorgen soll,  die Minze, die beim Vertreiben von Kopfschmerzen helfen kann oder der Spitzwegerich, der antiseptisch wirkt. Früher fanden die Gebinde ihren dauerhaften Platz im Herrgottswinkel unter dem Kreuz, wo bei Bedarf Kräuter entnommen werden konnten. So hatte man seine Hausapotheke praktisch in Reichweite. Die Anzahl der Kräuter variierte dabei von 3 bis 99. Beliebt waren seit jeher Zahlen mit hohem Symbolwert: 7 steht für die Tage der Schöpfung und 12 für die Apostel. Auch die Zahl 3 und ihre Vielfachen konnte deren Anzahl bestimmen: 3 x 3 oder 3 x 33 als Symbol für die heilige Dreifaltigkeit. Manche aber schrieben ihnen neben der medizinischen Wirkung auch eine andere magische Kraft zu: Salbei sollte zu Wohlstand und Erfolg führen, Kamille versprach Glück in der Liebe und Arnika sollte gegen Feuer und Hagel schützen.

Die Legende, die sich um die Entstehung des Kräuterbuschen-Bindens rankt, weist ebenfalls wundersame Züge auf: es heißt, dass sich nach Marias Himmelfahrt der Boden um ihre leere Grabstätte in eine Blumenwiese verwandelt habe und es aus ihrem Grab nach Rosen und Lilien duftete. Daran sollen die bunten Kräuterbuschen erinnern, in die manche zusätzlich eine Rose als Mariensymbol stecken.

Und um nochmals auf „Out of Rosenheim“ und die Zaubershow zurückzukommen – für mich liegt ein wesentlicher Teil der Magie im Gesichtsausdruck der beiden Protagonistinnen Jasmin und Brenda: ihr Lächeln verzaubert die Zuschauer bis heute noch. That´s magic!

In diesem Sinne wünsche ich ihnen einen fröhlichen Feiertag!

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter, Kunstpfad zu Corona-Zeiten in Altomünster, der den Spaziergängern auch ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Wer einen Kräuterbuschen zu Mariä Himmelfahrt selber binden möchte, findet dazu zahlreiche Anleitungen, oder geht einfach in den Garten, die Wiese oder den Wochenmarkt und trifft seine individuelle Auswahl an Kräutern und Blumen. Als Ausflugsziel an Mariä Himmelfahrt lockt der Fraumarkt in Jetzendorf im benachbarten Landkreis Pfaffenhofen.

Do schaug her

Zum Hinschauen gibt es seit einigen Wochen in Kleinberghofen einige große Transparente, die Stationen der Dorfentwicklung vom 19. bis ins 20. Jahrhundert zeigen. Man sieht wie der „Bummerl“ durchs Zeitlbachtal schnauft, der Bahnhof 1913 angelegt wurde, das Maibaumaufstellen vor dem Gasthof Rothenfußer, noch unbefestigte Straßen, den Bau der sogenannten „Siedlung“ in den 70er Jahren und natürlich die bekannte Silhouette des Dorfes mit Mesner-, Schulhaus und der Kirche St. Martin auf dem Berg. Man kann auch Kühe entdecken, die immer noch auf der Wiese mit Blick auf den Ortsteil Eckhofen grasen.

Die historischen Fotos sind eine Einladung, gestern und heute miteinander zu vergleichen. Gleichermaßen ein Angebot für Alteingesessene und für Neubürger, die den Ort auf inzwischen an die 1600 Bewohner wachsen ließen. Die Fotos bieten Informationen zur näheren Heimat und sind gleichzeitig eine Werbung für das Dorfjubiläum, das am dritten Juliwochenende begangen wird. Das Dorf feiert seinen 1100. Geburtstag! Die Vereine haben sich seit Monaten darauf vorbereitet und laden zu einem Festabend am 18. Juli und am Sonntag zu einem ganztägigen Fest rund ums Bürgerhaus mit buntem Programm für Groß und Klein ein.

Für mich als Ortsansässige gibt es noch einen weiteren Anlass zum Feiern: nicht 1100 Jahre aber doch 10 Jahre besteht jetzt der Blog heimatpflege-dachau.de.! Jeden Monat habe ich einen Beitrag zur Heimatpflege im Landkreis Dachau verfasst, insgesamt 120 Beitrage, die nicht nur von vielen treuen Abonnenten gelesen werden.

Unser Dorf-Festkomitee-Mitglied Reinhard Kreitmair hat für das Dorfjubiläum einen wunderbaren Slogan getextet: „1100 Jahre Kleinberghofen – kann Spuren von Heimat enthalten.“ Auch auf heimatpflege-dachau.de kann man Spuren von Heimat entdecken. Es genügt darauf zu schauen und zu lesen: do schaug her!

 

 

Titelfoto: Birgitta Unger-Richter, eines der Transparente am Ortseingang von Eisenhofen kommend. Das Projekt wurde dankenswerterweise von der Stiftung Kunst und Kultur der Sparkasse unterstützt.

Mein Dank geht an Reinhard Kreitmair für den Slogan, der hier nochmals zu Ehren kommt und an Christian Chymyn, der für die Gestaltung des Logos und Plakates verantwortlich ist.