Heimat

Frautragen

Beim adventlichen „Frautragen“ handelt es sich nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, um einen vorweihnachtlichen Hochzeitsbrauch, bei dem der Bräutigam seine frisch Angetraute über die Schwelle trägt. Es ist auch nicht zu verwechseln mit dem „Frauentragen“, das laut Wikipedia eine Sportart darstellt, bei der Paare Wettläufe über einen 253,5m langen Parcours veranstalten. Dabei geht es über Stock und Stein, durch Wassergräben und Sandgräben. Seit 1992 findet sogar jährlich eine Weltmeisterschaft in Sonkajärvi in Finnland statt. Der Weltrekord liegt bei 55,5 Sekunden.

Das hier gemeinte „Frautragen“ ist ein Brauch, der in der Adventszeit an die Herbergssuche von Maria und Josef erinnert, die in Bethlehem eine Bleibe für die Nacht suchten. Die Figur einer schwangeren Maria wird dabei von Haus zu Haus getragen und dort wird um eine Unterkunft für die Nacht gebeten. Über Stock und Stein und durch Wassergräben und Sandgruben wie in Finnland geht es dabei selten. Eher wird dieser Brauch in besiedelten Gebieten ausgeübt und ist vor allem im katholisch geprägten alpenländischen Raum verbreitet.

Im Landkreis Dachau hat er hingegen wenig Tradition. So bezeichnete Pfarrer Josef Neureuther aus Wollomoos (1878 -1956) das „Frautragen“ zwar als „schönen und sinnigen Adventsbrauch“, der aber „hier kaum jemals heimisch“ gewesen sei. In Altomünster ist er in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts dokumentiert, allerdings mit einer geschnitzten Heiligen Familie, die „von einer Familie aufgenommen, vom Gebetläuten des einen Tages bis zum gleichen des nächsten Tages aufbewahrt und dann weitergegeben“ wurde. (Aichacher Zeitung 13.12.1950)

Seit einigen Jahren gibt es das „Frautragen“ auch in Markt Indersdorf: Ab dem 1. Advent werden in den einzelnen Pfarrgemeinden des Pfarrverbandes Indersdorf Marienfiguren von den Familien der Kommunionkinder beherbergt und jeden Abend in ein neues Zuhause gebracht. Bei der Übergabe wird immer eine kleine Andacht gefeiert.

Ich finde, dass dies auch eine schöne Form der Begegnung und des gegenseitigen Kennenlernens ist, verbunden mit einem Innehalten in der oftmals hektischen Vorweihnachtszeit. Es veranschaulicht das biblische Geschehen und erinnert daran, dass auch heutzutage nicht jeder ein Heim oder eine Heimat hat.

 

Und gibt es diesen Brauch auch bei Ihnen? Ich freue mich auf Ihre Berichte.

Das Foto entstand in der Sakristei der Klosterkirche Markt Indersdorf. Die aus Olivenholz geschnitzten Marienfiguren sind für die einzelnen Pfarrgemeinden des Pfarrverbandes bestimmt.

Mehr zum vorweihnachtlichen Brauchtum und dem „Frautragen“ im Dachauer Land finden sie u.a. bei Robert Böck: Vom Advent bis Heiligdreikönig – Sitte, Brauch und Heiligenverehrung in der Weihnachtszeit, insbesondere im Dachauer Land. In: Ausstellungskatalog Bezirksmuseum Dachau: Auf Weihnachten zu. Altdachauer Weihnachtszeit. 30.11.2003 – 11.01.2004. Hg. Museumsverein Dachau. (hier Zitat Neureuther und Aichacher Zeitung auf S. 21). Albrecht A. Gribl: Häusliche Andacht (Kulturgeschichte des Dachauer Landes Band 6), Dachau 1994, S.138f. und S.146f.

Heimatland?

„Heimatland“ – dieses alte Filmplakat hat sofort meine Neugierde geweckt. Ich fand es bei einem unserer letzten Außentermine im südwestlichen Landkreis in einer ehemaligen Werkstatt.

Der Filmtitel „Heimatland“ sagte mir zunächst nichts. Recherchen im Internet ergaben, dass der Streifen im Jahr 1955 erschien. Kurz gefasst handelt es sich um eine typische 50er Jahre-Geschichte in einer vermeintlich heilen Welt. Thematisiert werden Werte der Nachkriegszeit und Sanktionen für Menschen, die vom strengen Regelgerüst der Zeit abweichen. Dabei wird tief in die Klischeekiste mit feschen Jägern, einem süßen Hund, hübschen jungen Frauen im Dirndl und einem Wilderer gegriffen.

Aber der Titel „Heimatland“ weist auch über die 50er Jahre hinaus, mitten in die immer noch aktuelle Heimat-Debatte, die zu Beginn des Jahres mit der Ankündigung ein „Heimatministerium“ auf Bundesebene schaffen zu wollen, erneut in Fahrt kam. Sehr wohltuend inmitten all der politischen Statements nahm sich eine Serie in der Süddeutschen Zeitung aus, die Heimat von allen Seiten beleuchtete und die neue Heimat z.B. im Internet genauso berücksichtigte (23. 01.2018) wie auch die kulinarische Heimat (10.01.2018). Interessant fand ich auch den Beitrag der österreichischen Schriftstellerin Petra Piuk (09.01.2018), die sich mit den Inhalten des Heimatromans befasste. Ihre aufgelisteten Charakteristika für den klassischen Heimatroman können genauso gut auf altbackene Heimatfilme à la „Heimatland“ angewandt werden: heile Welt, Brauchtum, Naturverbundenheit, Familienidylle, Tierliebe, Hochzeitsglocken… Piuk plädierte dafür, diesen Bildern ehrliche, aktuelle Themen in der Heimat entgegenzusetzen. In die gleiche Richtung dachte die Journalistin Constanze von Bullion, die die Aufgabe eines „Heimatministeriums“ darin sah, ein Ort zu sein „in dem sich das Eigene mit dem Fremden versöhnt“. Das ist für mich eine schöne salomonische und dennoch aufgeschlossene Definition für ein neues „Heimatland“, nicht für neue Filme und Romane, sondern für die sich stetig wandelnden Realitäten unserer Zeit.

 

Zum Thema Heimat lade ich sie herzlich zu meiner Heimat-Sprechstunde – ohne Anmeldung – rezeptfrei! ein:

  • Was hilft gegen Heimweh?
  • Kann man auch unter Heimatklischees leiden?
  • Wann trägt Heimat zum Wohlbefinden bei?
  • Ist Heimat nur ein Symptom oder ein Syndrom?
  • Gibt es Denkmalschutz nur auf Rezept?
  • Kann man Brauchtum verordnen?
  • Was hilft gegen Flächenfraß?
  • Wie schafft man den Balanceakt zwischen Tradition und Moderne?

Es werden keine Patentrezepte ausgestellt – aber es gibt Zeit für ein gemeinsames Gespräch, einen Informationsaustausch und für Anregungen und Fragen.

Aktuell steht kein neuer Termin fest.

Für Kinder und interessierte Erwachsene lesen Andrea Wilfer und ich ab und an aus dem Landkreisbuch „Auf Mäusepfoten durchs Dachauer Land“. Termine sind der Presse zu entnehmen oder beim Bayerland Verlag und der Autorin zu erfahren.

Das FOTO entstand während eines Amtstages in einer ehemaligen Werkstatt im westlichen Landkreis Dachau.

 

 

 

 

In einem fremden Land

Wenn mich jemand nach „Geheimtipps“ im Dachauer Land fragt, dann nenne ich auch die Kirchenbauten der ersten Protestanten. Sie stehen an landschaftlich reizvollen Punkten im Dachauer Hügelland, können gut per Rad erkundet werden und erzählen von der weniger bekannten Geschichte unserer Heimat – ja von einem „fremden Land“,  wie es einer der ersten Siedler nannte.

Die Anfänge der protestantischen Ansiedlung datieren ins beginnende 19. Jahrhundert. Vornehmlich aus der Pfalz und dem Elsass kamen die sogenannten „Überrheiner“. Sie erwartete die schwierige Aufgabe, Moorgegenden zu kultivieren oder landwirtschaftlich vernachlässigte Gebiete wieder nachhaltig zu bewirtschaften. In Karlsfeld entstand die Mooskolonie und im nördlichen Landkreis wurden Weiler und einzelne Höfe in der Gegend um Langenpettenbach und Hilgertshausen übernommen.

Die neuen Bewohner brachten ein großes Wissen mit und setzten es tatkräftig in die Praxis um. Von der Mennonitengemeinde in Eichstock ist überliefert, dass ihre Mitglieder mit der Dreifelderwirtschaft, dem Anbau von Klee und intensiver Viehhaltung große Erfolge in der Landwirtschaft erzielten. Auch technischen Neuerungen gegenüber waren sie sehr aufgeschlossen: einzigartig in Bayern war 1847 der Import einer amerikanischen Dreschmaschine, die gemeinschaftlich von zehn Familien genutzt wurde. Die vorhandenen Höfe wurden instand gesetzt und um- oder ausgebaut. Ein Beispiel dafür ist der Hof Eichstock 1, wo 1839 auch der Pfälzer Baustil in einer Hofanlage mit straßenseitigem Eingangstor einen Widerhall fand.

Im überwiegend katholischen Dachauer Land lebten die protestantischen Siedler ihren Glauben in ihren Gemeinschaften und versammelten sich zum sonntäglichen Gebet anfangs im Umland von Kemmoden und auf den Höfen der Siedler wie dem Hammerhof in Stachusried oder dem Tafelhof in Tafern. Taufen, Trauungen und Beerdigungen wurden zu diesem Zeitpunkt noch von katholischen Geistlichen vorgenommen. Mit der Errichtung der Bethäuser in Kemmoden (1829), Lanzenried (1836) und Eichstock (1841) gab es Säle für Gottesdienste und Räume für den Schulunterricht. Auf den dazugehörigen Friedhöfen konnten die toten Gemeindemitglieder bestattet werden. Zuvor wird berichtet, dass das Begräbnis eines Protestanten ohne jedes Aufsehen vor sich zu gehen hatte, nämlich „sine lux et crux“ ohne Licht und Kreuz, und der Pfarrer Zivilkleidung getragen habe.  Ja es wird sogar mündlich überliefert, dass es eine „evangelische“ und eine „katholische Schaufel“ gegeben habe….

Trotz wirtschaftlicher Erfolge und der Schaffung von geistlichen Zentren wurde für viele Siedler das Dachauer Land dennoch nicht zur dauerhaften Heimat. Als 1848 die Revolution ausbrach, formulierte der Mennonit David Ruth seine Sorgen: „Wir hatten große Angst … weil wir in einem fremden Land und nicht katholisch waren“. Über die Hälfte der Protestanten machte sich nochmals auf den Weg nach Amerika – andere blieben und bewohnen mit ihren Nachfahren bis heute das nördliche Hügelland des Dachauer Landkreises.

 

 

Der Geschichte der Protestanten im Landkreis ist eine Ausstellung im Bezirksmuseum Dachau gewidmet. Die Informationen zu diesem Beitrag entnahm ich dem dazu erschienenen Ausstellungskatalog und den darin enthaltenen Aufsätzen von Susanne Pfisterer-Haas und Helmut Funck. Weiterhin: Helmut Funck: Zur Geschichte der Überrheiner. In: Zeitschrift Amperland 2005, Heft 3, S. 88-94.

Die Heimatpflege Dachau erinnert mit „Gegen das Vergessen“ 2017 an die beiden Stifter des Baugrundes für die Gebäude in Lanzenried und Eichstock. 

Auf dem FOTO ist die evangelische Kirche in Kemmoden zu sehen.

Servus beianand!

Vorgestern auf der Autobahn sah ich auf der Gegenfahrbahn Auto an Auto, Stoßstange an Stoßstange, alle auf dem Weg in Richtung Süden, die bayrischen Seen, die Berge – alles beliebte Ausflugsziele am Wochenende und auch für den längeren Aufenthalt. Ich war hingegen auf der Fahrbahn gen Norden in unseren Landkreis unterwegs und kam zügig voran.

Dabei fiel mir wieder ein, dass die April-Ausgabe des Magazins Servus für unser Dachauer Land geworben hatte. Die Redaktion hatte zu „einem Ausflug in ein beschauliches Stück Oberbayern“ eingeladen und zum Besuch aufgefordert: „Da gehen wir jetzt hin“.

Mit etwas klopfendem Herzen hatte ich den Beitrag gelesen: was würde die Redaktion von unser Gegend zeigen, wie würde das Dachauer Land dargestellt werden? Beim ersten Durchblättern: schöne Bilder, einladende Einkehrmöglichkeiten, Kulturtipps und nur Sonnenschein, blühendes Land, barocke Pracht, lächelnde Bürger. Auch in die oberbayrische Klischeekiste wurde kräftig gegriffen: Tracht, Bier, Wallfahrt. Aber das ist ja nicht verwunderlich –  oder haben sie schon einmal eine Reiseempfehlung mit verregneten Landstrichen und griesgrämigen Bewohnern gesehen, gar mit Wanderrouten durch gesichtslose Gewerbegebiete und Neubausiedlungen?

Deshalb zeigt auch Servus einige Schokoladenseiten des Dachauer Landes, die vielleicht mehr Besucher in den Münchner Norden locken werden. Dennoch glaube ich nicht, dass sich die Besucherströme von Norden nach Süden umkehren werden. Wir werden weiterhin ohne Stau und Stress das Hügelland, die Museen und Kulturangebote genießen können. Und schließlich gibt es ja noch viel mehr bei uns zu entdecken, als der Servus-Artikel vorgestellt hat!

In diesem Sinne bis demnächst, ganz entspannt, vielleicht in einem unserer Biergärten: „Servus beianand!“

 

Mein Tipp: im Juli erscheint im Bayerland Verlag ein Heimatbuch für Kinder. Zwei Mäuse unternehmen eine Entdeckungstour durch den Landkreis. Lassen sie sich überraschen!

Und noch ein Tipp: Mit dem Dachauer Forum besuche ich im Juni Kunsthandwerker im Landkreis.  

Das FOTO entstand beim Ludwig-Thoma-Gartenfest in Mariabrunn im Frühjahr 2017.

Heimat in Serien

Vor Jahren erhielt ich eine Mail einiger Kolleginnen, die mir schrieben,  dass sie einen Ausflug nach Lansing unternehmen würden. „Lansing?“, schrieb ich stirnrunzelnd zurück: „Wo liegt denn Lansing?“

Sie wissen es sicherlich längst: „Lansing“  ist der Drehort der täglichen BR-Serie „Dahoam is Dahoam“ und das bereits seit 2007!

Früher wurde beim Format der „Serie“ wöchentlich eine Folge ausgestrahlt – so in den 80er Jahren die amerikanischen Familiensagas „Dallas“ und „Der Denver-Clan“, die das  Leben der Reichen und Schönen schilderten. In Deutschland entwickelte sich mit der „Lindenstraße“ eine wöchentliche Dauerserie, die das alltägliche Leben der Bewohner eines Mietshauses ohne Glamour schilderte.

Heutzutage muss man nicht mehr eine ganze Woche warten, um die Fortsetzung solcher Geschichten zu erleben. In sogenannten „daily soaps“ kann der Zuschauer täglich in fremde Welten eintauchen, sei es in Vorabendserien oder bei Streamingdiensten. Die zuletzt genannten ermöglichen sogar jederzeit den individuellen Zugriff auf Filme am heimischen Fernseher oder auch unterwegs auf dem Tablet oder Smartphone.

Diese Entwicklung geht weit über Walter Benjamins Analyse hinaus, der sich als einer der ersten in „Das Kunstwerk in den Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit“ mit der Vervielfachung der medialen Kunstwerke auseinandergesetzt hatte. Mitte der 30er Jahre verglich er die neuen Medien der Fotografie und des Films mit Werken der bildenden Kunst und sprach den erstgenannten eine Aura ab –  sie hätten das Besondere und Einmalige verloren.

Um „Kunst“ geht es in den wenigsten Fällen bei den daily soaps, abgesehen von einigen preisgekrönten Produktionen, die einen hohen ästhetischen Anspruch erfüllen. Vielmehr soll der Zuschauer unterhalten und langfristig als Zuseher gewonnen werden. Schließlich geht es um Einschaltquoten und damit verbundene kommerzielle Interessen. Die Autoren und Filmemacher entwickeln dafür eine eigene Welt mit einer Geschichte in einem festgesteckten Umfeld mit Sympathieträgern, Helden und Anti-Helden. Die Geschichten bauen auf das Wiedererkennen und Mitfühlen der Zuschauer. Dieser ist mit der Lebenswelt der Handelnden vertraut, kennt die Umgebung in der sie leben, die Freunde, Verflechtungen, Charaktere. Sie bieten ihm eine mediale Heimat auf Zeit an.

So ist der Titel der BR-Serie „Dahoam is Dahoam“ meiner Meinung nach nicht nur der Titel für eine Daily Soap aus Lansing, das übrigens in Dachau liegt und auch immer wieder „Live“ besichtigt werden kann. Der Titel verweist darüber hinaus als treffende Charakterisierung auf eine besondere Form von „Heimat“, Heimat in daily soaps,  „Heimat in Serien“.

 

Die Collage auf dem FOTO befand sich auf dem Dachboden eines denkmalgeschützten Hauses.

Herbergssuche

Was würde ich tun, wenn morgen ein junges Paar in abgetragenen Kleidern, sie hochschwanger, an meiner Tür klingeln und um ein Nachtquartier bitten würde? Diese Frage haben sie sich vielleicht auch schon einmal gestellt, wenn sie an Weihnachten die Vorgeschichte zu Christi Geburt im Evangelium von Lukas gehört haben.

Die Suche nach einer Unterkunft wird auch heute im volkstümlichen Brauchtum als „Frautragen“ nachvollzogen, wenn symbolisch eine Marienstatue von Haus zu Haus getragen und jeweils für eine Nacht beherbergt wird. So auch in unserem Landkreis z.B. in Markt Indersdorf, wo Maria in der Adventszeit in den Häusern der künftigen Kommunionkinder zu Gast sein darf. Auch in den zahlreichen Krippenspielen, die Kinder in der vorweihnachtlichen Zeit oder auch an Hl. Abend aufführen, ist die Herbergssuche ein Bestandteil des Schauspiels.

Die Herbergssuche ist für viele Menschen aber auch eine reale und bittere Tatsache. Über 2.000 Menschen suchen einen bezahlbaren Wohnraum im Landkreis Dachau. Die Caritas Dachau weist unermüdlich auf diesen Notstand hin und versucht im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen: mit Informationen, Spendenaufrufen, mit Appellen an Wohneigentümer, ihren Wohnraum zu vermieten, an Bauherren und Gemeinden, neuen sozialverträglichen Wohnraum zu schaffen. Auch die Presse setzt sich dafür ein, diesen Missstand aufzuzeigen und Änderungen in die Wege zu leiten.

Denn einen Ort zum Wohnen zu haben, bedeutet nicht nur einfach ein Dach über dem Kopf zu besitzen. Obwohl der moderne Mensch im weltweiten Netz zu Hause sein kann, ist die eigene Wohnung immer noch ein Ort für den persönlichen Rückzug, für Selbstbestimmung und Individualität. Die selbst gestaltete Umgebung kann für viele Heimat sein.

Zurück zu meiner eingangs gestellten Frage: die Unterbringung für eine Nacht wäre sicherlich ein Anfang, den ich auch leisten könnte. Aber erst wenn eine dauerhafte Wohnsituation geschaffen werden könnte, würde das Paar eine Heimat finden.

 

Auf dem FOTO ist eine der Krippen des in Dachau lebenden Künstlers Walter von Ruckteschell (1884-1941) zu sehen.

 

Heimat – Lebenswelt

„Heimat ist, von wo man als Jugendlicher flüchtet und wohin man im Alter wieder sehnsuchtsvoll zurückkehrt“,  so wurde der Liedermacher und Komödiant Willy Astor in einem Radiobeitrag des Bayrischen Rundfunks in der letzten Woche zitiert. Als Heimatpflegerin wurde ich da natürlich hellhörig und auch nachdenklich.

Als Jugendliche wollte ich möglichst schnell der Heimat den Rücken kehren: es war die Zeit von Interrail, dem grenzenlosen Reisen, Abenteuerlust und Aufbruch. Doch die Reisen machten auch Lust auf andere Veränderungen: das Studium führte mich nach München, und Bayern wurde mir dann zur zweiten Heimat. Ob ich im Alter wieder ins „Ländle“ zurückgehen werde? Ich glaube eher nicht.

Vielleicht meinte Willy Astor ja auch nicht nur das physische dauerhafte Zurückkehren in die Heimat. Ich denke, dass man häufiger in der Erinnerung an besondere Erlebnisse, vor allem in der Kindheit, in die „emotionale Heimat“ zurückreist.

Dieses Erinnern und Nachdenken über das eigene Leben haben Schriftsteller literarisch in Autobiografien verwoben. Sie haben damit ihre vergangene und/oder aktuelle Lebenswelt festgehalten. Ihre persönlichen Lebenserfahrungen sind dabei häufig eng mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft.

Das war eine der Überlegungen, die mich dazu bewogen hatten das Thema des diesjährigen „Poetischen Herbst“ zu wählen: „Lebenswelt(en) – Autobiografien im Dachauer Landkreis“. Die Idee ist, mit persönlichen Textdokumenten eine poetische Brücke zum Landkreis Dachau zu bauen und den Blick auf verschiedene Zeiten und Umstände, auf politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen in unserer näheren Heimat zu lenken.

Was erlebten die Protestanten im katholisch geprägten nördlichen Dachauer Hügelland, als sie im 19. Jahrhundert ankamen? Wie lebt man als Dachauer im 20. Jahrhundert mit dem Wissen um das ehemalige Konzentrationslager in nächster Nachbarschaft? Wie steht es um das Rollenverständnis der Geschlechter? Wo steht die junge Generation? Wieviel Veränderung verträgt unsere Gesellschaft?

Gedanken dazu gibt es beim Poetischen Herbst 2016 . Wir laden sie herzlich dazu ein, ihre Heimat mit den Augen anderer neu zu sehen!

 

FOTO: Herbst im Schwarzwald.

 

 

 

 

Heimat kulinarisch: Wurstsalat

„Was kochst du denn für deine Gäste, die an deinem Geburtstag kommen werden?“, fragte mich unlängst eine gute Freundin aus meiner ersten Heimat. „Wurstsalat“ war meine Antwort, weil ich auf einen Biergartenabend hoffte. „Ja, das gab es an meinem Geburtstag auch“, lautete ihre Antwort. Was dann folgte war ein Austausch darüber, wie in Baden-Württemberg und Bayern der Wurstsalat zubereitet wird. Mal abgesehen von der Art die Wurst zu schneiden, in Bayern „Radl“ in Schwaben „Streifen“, unterscheiden sich auch die Zutaten: Lyoner, Stadtwurst, Göttinger ja auch Leberkäse fand ich bei meinen weit angelegten Testessen in bayrischen Gasthöfen, Biergärten und privaten Haushalten. In Baden-Württemberg, betonte meine Freundin, gehe es jedoch nicht ohne Schwarzwurst. „Aber die bekomme ich hier ja nicht“- seufzte ich, worauf meine Freundin versprach, bei einem der nächsten Besuche eine solche mitzubringen.

Das brachte mich darauf, darüber nachzudenken, was mir aus meiner ersten Heimat im Alemannischen fehlen könnte. Auf dem Kultursender „arte“ , der sich dem kulturellen Verständnis zwischen Deutschland und Frankreich widmet, gibt es dazu im Magazin „karambolage“ ein Format das heißt: „ce qui me manque“ – „was mir fehlt“.  Hier berichten Franzosen in Deutschland und Deutsche in Frankreich, was sie  – obwohl sie gut integriert sind –  in ihrer neuen Heimat vermissen. Bemerkenswert ist, dass es dabei häufig um Dinge rund ums Essen geht. Eine Deutsche vermisst in Paris ihren Eierpicker, eine aus dem Kamerun gebürtige Französin ihren afrikanischen Steinmörser, die Redakteurin der Sendereihe Claire Doutriaux kann sich ein Leben in Deutschland ohne Austern nicht vorstellen. Für die deutsche Journalistin Jeanette Konrad gehören zu Weihnachten selbstgebackene Weihnachtsplätzchen, für die glücklicherweise immer ihre Großmutter mit Päckchen sorgt.

Die kurzen Beiträge von etwa zwei Minuten Länge beginnen immer mit dem Namen und der Herkunft des Porträtierten und mit dem Zusatz, dass derjeinige nicht wirklich unglücklich sei, weil ihm schließlich nur eine Kleinigkeit zum perfekten Glück fehle.

In diesem Sinne würde mein Beitrag so anfangen: „Ich komme aus Baden-Württemberg und lebe seit einer gefühlten Ewigkeit in Bayern. Ich liebe die bairische und internationale Küche und koche gerne mit und für die Familie und Freunde. Aber die weichen schwäbischen Brezeln, nicht zu stark gebacken und mit eher teigiger und gleichzeitig luftiger Konsistenz finde ich nur selten in Bayern. Das ist aber nicht tragisch, weil ich immer wieder aus Baden-Württemberg Brezeln mitgebracht bekomme, zu denen ich dann häufig bayrische Weißwürste serviere.“

Um auf meine eingangs genannte Freundin zurückzukommen – sie meinte, dass sie in mein nächstes „care-Paket“ noch Schwarzwurst legen würde. Dann müssen wir uns nur noch einigen, wie wir die Wurst für den gemeinsamen Wurstsalat schneiden werden….

Haben sie auch Dinge, die sie vermissen? Die bei ihnen kulinarische Heimatgefühle erzeugen? Und auf die sie ungern verzichten? Schreiben sie mir doch…

 

Der Wurstsalat auf dem FOTO ist eine Eigenkreation.

Deafs a bissal mehra sei?

Manchmal entdecke ich bei meinen Fahrten durch den Landkreis nicht nur landschaftlich wunderschöne Orte, schmucke Kirchenbauten und stattliche Bauernhöfe, sondern auch die Zeugnisse einer voranschreitenden Zersiedelung mit kunterbunten Neubauten und Zitaten der Baugeschichte aus der ganzen Welt. Wir haben Almhütten, Toskanahäuser, modernistische Kuben, ja sogar Fachwerkbauten und Bungalows, alles vereint in dicht gedrängten Neubausiedlungen, wo jeder Besitzer stolz auf seinen einzigartigen Fassadenfarbton ist…

So verändern sich unsere Dörfer im Landkreis Dachau.

Aber wie lebt es sich in so einem bunten Dorf? Wo erhält der Dorfbewohner seine Lebensmittel? Die lauten Hausfassaden verheißen Lebendigkeit, täuschen jedoch häufig darüber hinweg, dass ein geselliges Dorfleben nurmehr ansatzweise vorhanden ist, dass das Leben untertags in der nahen Großstadt stattfindet, der Einkauf auf dem Nachhauseweg, die Freizeit im privaten Rückzugsraum.

Welches Dorf hat denn heute noch ein geöffnetes Wirtshaus, in dem abends beim Bier die Weltlage debattiert oder einfach nur Schafkopf gespielt wird? Welches Dorf hat noch einen Bäcker? Einen Metzger? Oder gar einen Laden, der alles hat?

Aber hier und dort findet man tatsächlich noch einen Kramer! Solche Dorfläden sind dünn gesät, aber es gibt sie. Neulich in Sittenbach entdeckte ich zum Beispiel einen Laden, im Dorfzentrum, neben Kirche und Pfarrhaus. Jeden Tag gibt es dort frische Semmeln und alles, was die Bewohner nötig brauchen – ein gutes Gespräch inklusive. Solche Läden sind nicht nur wie die Discounter in unseren Gewerbegebieten materielle Allesversorger. Sie sorgen gleichermaßen für Leib und Seele, sie bieten den Dorfbewohnern damit auch ein Stück Heimat. Nicht die Marke „Heimat“-Milch, mit der ein Supermarkt plakativ wirbt, sondern das Heimatgefühl beim Besuch des vertrauten Geschäfts.

Sie merken schon – ich breche hiermit eine Lanze für den Dorfladen. Helfen sie diese zu erhalten und kaufen sie dort ein! Oder gründen sie einen Dorfladen in ihrem Ort – wenn dort auch noch Kaffee ausgeschenkt wird, dann komme nicht nur ich garantiert vorbei. Und sollte man mich dann fragen: „Deafs a bissal mehra sei?“ Dann würde ich antworten: „Gerne – noch mehr Dorfläden!“

 

Das FOTOgrafierte Pärchen mit Schwein ziert die Theke einer ehemaligen Metzgerei, die zu einem Gasthaus gehörte.

 

 

 

Do you speak Bavarian?

Das haben wahrscheinlich bisher wenige Touristen in Bayern einen Einheimischen gefragt. Als Umgangssprache für Einheimische und Touristen wird die Standardsprache benutzt, die gleichzeitig die Basis für eine Verständigung im gesamten deutschsprachigen Raum darstellt.

Letzte Woche lud der Bayernbund ins Gasthaus Zieglerbräu nach Dachau ein, um sich der Frage „Ist Bairisch erwünscht, geduldet, verfemt, aussterbend oder lebendig?“ zu widmen. Das Podium war überwiegend mit „native speakers“ aus Bayern besetzt – eine Ausnahme war die Diskussionsleitung, die „Quotenfrau“, die gleichzeitig auch einen anderen Dialekt, nämlich das Plattdeutsche vertrat.

Insgesamt wurde von Podium und Publikum eine Lanze für den Dialekt gebrochen. Er sei bildreicher als die Standardsprache und von der Anzahl der Wörter her kürzer. Von daher eigne sich Dialekt  auch als Schnellform beim modernen Kommunizieren per Smartphone – was Jugendliche auch häufig nutzten. Trotzdem nehme die Anzahl der Dialektsprecher ab. Abhilfe soll deshalb schon von Klein auf in Kindergärten und Schulen geleistet werden, wozu eigens ein Projekt „MundART WERTvoll“ gestartet wurde. Kinder würden dabei spielerisch ans Dialektsprechen herangeführt. Positive Beispiele auch aus der Praxis wurden genannt.

Alles schön und gut, seufzte ich da innerlich, auch dass die UNESCO 2009 den bairischen Dialekt als Kulturgut würdigte, ihn aber auch als bedroht einstufte. Denn ich sehe eine Parallele zwischen der Entwicklung des Brauchtums und der des Dialekts: beide reagieren auf die jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und verändern sich mit den Bedürfnissen der Menschen. Beide unterliegen einem eigendynamischen Prozess, der manchmal Überraschendes wie die neu aufgeflammte Liebe zur Trachtenmode hervorbringt.

In den Aufbruchsjahren der 60er und 70er Jahre galt Dialekt als provinziell und altmodisch. Als Reaktion auf die Globalisierung und internationale Kommunikation hat sich aber in verschiedensten Bereichen eine Rückbesinnung auf das Regionale ergeben, die häufig auch mit „Heimat“ verbunden wird. Dazu gehört auch der Dialekt, der mancherorts eine Art von „Renaissance“ erfährt.

Wenn wir die Akzeptanz des Dialekts erhöhen wollen und eine Wiederbelebung desselben anstreben, dann können wir auf die inzwischen etablierte Sprachwissenschaft zurückgreifen und auf die Praxis des Gesprochenen. Obacht aber bei der Klischeefalle! Zum Bairischreden gehört nicht unweigerlich das Tragen von Dirndl und Lederhose. Auch die korrekte Aussprache von „Oachkatzlschwoaf“ als Eignungstest für Preußen ist ein „Schmarrn“. Auf keinen Fall sollte Dialekt ein „muss“ werden, so wie es die Schriftsprache lange Zeit war.

Dialekt sprechen ist  ein Ausdruck der Kultur einer Gegend – zu recht ein Kulturgut im Sinne der UNESCO. In unserem Landkreis ist der Dialekt gekennzeichnet durch das Aufeinandertreffen von Bairisch und Schwäbisch – da fühle ich mich auch sprachlich daheim.

Im Dialekt zu Hause ist übrigens auch der gebürtige Brite, Professor Dr. Anthony Rowley, der in München am Lehrstuhl für Germanistik tätig ist. Er gilt als einer der versiertesten Kenner des bairischen Dialekts. „Do you speak Bavarian?“ versteht sich bei ihm von selbst – schön wäre es, wenn es das für uns auch wäre.

 

FOTO: Die Schlossbergler feiern 2016 im Ludwig-Thoma-Haus Jubiläum.