Brauchtum

Tanzvergnügen

Am 21. Januar ist es wieder soweit: am Abend findet wieder eine Redoute im Renaissancesaal des Dachauer Schlosses statt. Häufig werde ich gefragt, was denn eine „Redoute“ sei? Im 1818 erschienenen Konversationslexikon ist dazu zu lesen: “ein mit Spielen und anderen Vergnügungen verbundener Maskenball“.

Die Redoute entwickelte sich aus dem Faschingsbrauchtum, höfischen Bällen (Bal paré) und auch Maskeraden zu der Festivität, die wir auch heute wieder feiern. Im Venedig des 18. Jahrhunderts bezeichnete ridotto „öffentliche Lokale, in denen während des Carnevals sonst verbotene Glücksspiele erlaubt waren“. Dorthin ging man maskiert, um unerkannt zu bleiben. In München bürgerte sich die französische Bezeichnung redoute wohl nach Max Emanuels Rückkehr aus dem französischen Exil 1715 ein.

Vor allem nach dem deutsch-französischen Krieg waren Redouten in München äußerst beliebt. Man feierte in den Sälen der großen Gasthöfe, Brauereien und im neu erbauten Deutschen Theater Kostümbälle mit Gesangs- und Theaterdarbietungen. Im Vordergrund stand jedoch das gemeinsame Tanzen.

Eröffnet wurde traditionell mit einer Polonaise, danach wurde vor allem Walzer getanzt. Den Höhepunkt jeder Veranstaltung stellte die Münchner Française dar. Dieser Kontratanz, bei dem in Reihen getanzt wurde, entwickelte sich aus der französischen „Quadrille“. In München wurde und wird er von zwei sich gegenüberstehenden Paaren getanzt.

Auch in Dachau wird die „Française“ einer der Höhepunkt des glanzvollen Balls sein. Die in bäuerlicher, bürgerlicher und höfischer Gewandung kostümierten Tänzer werden sich in Reihen aufstellen, um die fünf Touren miteinander zu tanzen. Dabei wird es wohl nicht so turbulent zugehen, wie es der Schriftsteller Josef Ruederer 1906 in seiner Erzählung „Der Fasching“ beschrieb:

„Aber schon rufts zum nächsten Tanz, zur Française. Und da stürzt es wieder aus allen Ecken mit jener Hast, die fürchtet zu spät zu kommen. Man hebt kreischende Weiber über die Brüstung der Logen, man pufft nach allen Seiten, man drängt und schiebt ohne Rücksicht, ohne Pardon. Mit Not und Mühe stellen Tanzordner die einzelnen Schlachtreihen auf. Tönen aber die ersten Klänge, dann löst sich´s in Vorder- und Zurücktreten, in Komplimente und Kußhände, in Balancieren und Drehen. Immer lauter tönt der Jubel, immer kecker fliegen die Röcke – da, bei der vorletzten Tour hebt sich im rasenden Ringelreih das wiehernde Lachen zum bacchantischen Gebrüll… Alle die hochgehobenen Weiber mit fuchtelnden Armen und strampelnden Beinen erscheinen in diesem Augenblick wie ein ungeheures Ganzes, ein Riesenpolyp, der mit den Männern erst Fangball spielte, ehe er sie gänzlich verschlingt. Das ist der Höhepunkt, die eigentliche Sensation des Karnevalfestes!“

Im Dachauer Schloss wird es natürlich gesitteter ablaufen! Dafür wird der Tanzmeister Erich Müller schon sorgen. Ob er die Männer allerdings dazu animieren kann, ihre Tanzpartnerinnen (wie bei Ruederer geschildert) beim sogenannten „Karussell“ in die Höhe zu heben – das werden wir ja sehen….

 

 

Bei den Informationen zur Redoute berufe ich mich auf die Forschungen von Volker D. Laturell: Volkskultur in München – Aufsätze zu Brauchtum, musikalische Volkskultur, Volkstanz, Trachten und Volkstheater in einer Millionenstadt. Buchendorfer, München 1997.

 

Herbergssuche

Was würde ich tun, wenn morgen ein junges Paar in abgetragenen Kleidern, sie hochschwanger, an meiner Tür klingeln und um ein Nachtquartier bitten würde? Diese Frage haben sie sich vielleicht auch schon einmal gestellt, wenn sie an Weihnachten die Vorgeschichte zu Christi Geburt im Evangelium von Lukas gehört haben.

Die Suche nach einer Unterkunft wird auch heute im volkstümlichen Brauchtum als „Frautragen“ nachvollzogen, wenn symbolisch eine Marienstatue von Haus zu Haus getragen und jeweils für eine Nacht beherbergt wird. So auch in unserem Landkreis z.B. in Markt Indersdorf, wo Maria in der Adventszeit in den Häusern der künftigen Kommunionkinder zu Gast sein darf. Auch in den zahlreichen Krippenspielen, die Kinder in der vorweihnachtlichen Zeit oder auch an Hl. Abend aufführen, ist die Herbergssuche ein Bestandteil des Schauspiels.

Die Herbergssuche ist für viele Menschen aber auch eine reale und bittere Tatsache. Über 2.000 Menschen suchen einen bezahlbaren Wohnraum im Landkreis Dachau. Die Caritas Dachau weist unermüdlich auf diesen Notstand hin und versucht im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen: mit Informationen, Spendenaufrufen, mit Appellen an Wohneigentümer, ihren Wohnraum zu vermieten, an Bauherren und Gemeinden, neuen sozialverträglichen Wohnraum zu schaffen. Auch die Presse setzt sich dafür ein, diesen Missstand aufzuzeigen und Änderungen in die Wege zu leiten.

Denn einen Ort zum Wohnen zu haben, bedeutet nicht nur einfach ein Dach über dem Kopf zu besitzen. Obwohl der moderne Mensch im weltweiten Netz zu Hause sein kann, ist die eigene Wohnung immer noch ein Ort für den persönlichen Rückzug, für Selbstbestimmung und Individualität. Die selbst gestaltete Umgebung kann für viele Heimat sein.

Zurück zu meiner eingangs gestellten Frage: die Unterbringung für eine Nacht wäre sicherlich ein Anfang, den ich auch leisten könnte. Aber erst wenn eine dauerhafte Wohnsituation geschaffen werden könnte, würde das Paar eine Heimat finden.

 

 

 

Mittsommer-Blues

Gestern wunderte ich mich über reges Treiben in meinem Gemüsegarten: da bedienten sich doch einige freche Amseln ausgiebig an den Johannisbeeren! Johannisbeeren, die ihren Namen vom gleichnamigen Heiligen haben, an dessen Gedenktag, dem 24. Juni, sie reif sein sollen.  An „Johanni“ ist auch der Tag der Sommersonnenwende, der sogenannte „Mittsommer“. Viele waren – wie auch ich – aufgrund der letzten Regenwochen geneigt, den Mittsommer mit seiner Sonnenwende zu verdrängen. Haben wir nicht alle befürchtet, dass der halbe Sommer schon vorbei sein könnte, bevor er überhaupt angefangen hat? Wer hoffte da noch auf eine irgendwie passable Ernte von Beerenfrüchten? Ein echter Mittsommer-Blues bahnte sich an…

In den nordischen Ländern ist Midsommar ein Fest, bei dem die Sommersonnenwende mit ausgiebigem Essen, Tanzen und familiärem Beisammensein gefeiert wird – egal wie das Wetter ist. Uns wurde der Midsommar auch durch Werbekampagnen eines schwedischen Möbelanbieters nähergebracht…

Aber wie kam es zur Verbindung von „Johanni“ und Sommersonnenwende? In frühchristlicher Zeit legte die Kirche den Gedenktag Johannes des Täufers auf diesen Tag, weil mit ihm Sonne und Licht verbunden sind, beides Symbole für Christus, als dessen Vorbote Johannes gilt. Die Lichtsymbolik zeigte sich dann auch im Brauchtum: vielerorts wurden in dieser hellen Nacht Sonnwendfeuer entzündet, um die auch getanzt wurde. Auch magische Kräfte wurden dem Feuer nachgesagt: vom Verscheuchen böser Geister hin bis zum Liebeszauber. In Städten wie München war das Sonnwendfeuer im Mittelalter sehr verbreitet, sodass es aufgrund der Brandgefahr zu Verboten kam, die aber das Brauchtum nicht zum Erliegen brachten. Erst im 20. Jahrhundert vereinnahmten die nationalistischen Kreise diesen Brauch, dem sie vermeintlich „germanische“ Wurzeln zuschrieben. So wurde er nach dem Krieg nicht wieder aufgegriffen und verschwand. Heute finden in Oberbayern nur vereinzelt Sonnwendfeuer statt. Wenn, dann veranstalten häufig Vereine gesellige Feiern, die den Charakter eines Dorffestes haben.

Was heute noch gilt ist,  dass man den letzten Spargel an diesem Tag erntet und auch die Rhabarbersaison endet. Das bringt mich zurück zu meinen Johannisbeeren. Den Nachtisch für mein privates Mittsommerfest mit Freunden haben ja bereits die Amseln verspeist. Ich glaube, ich nutze die Gelegenheit und ernte nochmals Rhabarber für ein Tiramisu.  Das hilft auch gegen den Schlechtwetter-Mittsommer-Blues. Aber vielleicht wird es ja auch schön! Dann gilt für mich die Bauernregel: „Wie’s Wetter an Johanni war, so bleibt’s wohl 40 Tage gar.“ Falls nicht, dann halte ich eben Ausschau nach Glühwürmchen, gemäß dem Sprichwort: „Glüh’n Johanniswürmchen helle, schöner Juli ist zur Stelle“.

Grenz-Wertig

Der Begriff „Grenz-Wertig“ kann in zwei Richtungen interpretiert werden. Zum einen bezeichnet er Werte an einer geografischen Grenze und zum anderen stellt er eben diese Wertigkeit von Dingen in Frage. Deshalb habe ich diesen Begriff bewußt als Motto für meine Exkursionen gewählt, die die Teilnehmer einmal jährlich an die Grenzen im Landkreis Dachau führen soll.

Was die erste Bedeutung anbelangt: wir reisen zusammen entlang der Landkreisgrenze in Richtung Fürstenfeldbruck, Aichach-Friedberg, Pfaffenhofen, München. Dabei besuchen wir Baudenkmäler, interessante landschaftliche Abschnitte, historisch bedeutsame Orte. Es geht dabei nicht um ein landkreisweites „Sachschaun“ in Abgrenzung zu den Nachbarlandkreisen. Es geht vielmehr um Informationen zur Kultur- und Heimatpflege die zeigen, wie willkürlich die heutigen politischen Grenzen oftmals gesetzt sind. Drei Beispiele von vielen seien hier genannt: Pfarrverbände wie der in Haimhausen-Fahrenzhausen bilden eine Einheit über Dachau hinaus mit dem Freisinger Kreis. Die Kirche St. Dionysius in Pipinsried schlägt eine Brücke zwischen der Diözese München-Freising und dem Bistum Augsburg. Die Furthmühle trennen nur wenige Meter von der Gemeinde Pfaffenhofen. Heute gehört sie zum Landkreis Fürstenfeldbruck, während sie im 19. Jahrhundert Bestandteil der Besitztümer der Augsburger Familie von Lotzbeck war, der neben Schloss Weyhern auch die ehemalige Hofmark Eisolzried bei Bergkirchen gehörte.

Übrigens abseits der Denkmalpflege: es verläuft auch eine Art sprachlicher Grenze durch den Landkreis Dachau. Der Übergang vom Dialekt des Bairischen zum Schwäbischen manifestiert sich bereits in der Gegend um Altomünster. Auch Trachten, Musik und Brauchtum lassen sich nicht auf politische Grenzen reduzieren….

Aber zurück zum Begriff „Grenz-Wertig“, der im zweiten Sinne eine Kategorie ist, die die subjektive Geschmacksempfindung betrifft: hier treffen Anhänger von Toskanahäusern auf Liebhaber von Bauhaus-Würfeln, Freunde der neuen Ruinenarchitektur auf Gartenzwergidyllen, Tradition auf Moderne.

Kann man diese beiden Grenzwerte zusammenbringen? Ich denke schon. Der Blick auf Werte schärft den Blick für Qualität und beeinflusst den Geschmack. Und in diesem Sinne halte ich es mit Oscar Wilde, der sagte: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“

Werte setzen sich durch – auch über Grenzen hinweg.

M(a)ei Baum is weg

Es sind diese Momente, die die Arbeit der Heimatpflege so interessant machen –  Geschichten die das Leben schreibt. Neulich erhielt ich eine Nachricht auf den Anrufbeantworter, die wie ein Hilferuf klang: „Wir haben einen Maibaum, den die Beklauten nicht auslösen wollen, weil er angeblich nicht rechtens gestohlen wurde. Wir wollen ihn aber wieder loswerden! “

Da war ich neugierig, was geschehen war. Mir wurde erzählt, dass 35 junge Männer einen Baum aus einer Nachbargemeinde geklaut hätten, der als Maibaum ausgewiesen und auch über die Ortsgrenze hinaus in den Ort der Maibaumdiebe gebracht worden war. Alles so, wie es normalerweise vonstatten geht. In der Folge müssten die Beklauten ihren Baum mit ausreichend Bier und Brotzeit auslösen und bekämen ihn wieder zurück. Soweit so gut.

Aber dann kam der Pferdefuß: in der Truppe befanden sich fünf Männer, die aus einem anderen Ortsteil der beklauten Großgemeinde stammten. Darauf beriefen sich auch die Brotzeitverweigerer. Also wer hatte Recht?

Es gibt keine juristischen Grundlagen für den Maibaumdiebstahl. Beim Brauchtum wird auf der Grundlage von gewachsenen gemeinsamen Regeln gehandelt. Was wir schriftlich diesbezüglich haben, sind allein gewisse Grundsätze, die von Beobachtern dieses Brauchtums, wie z.B. vom ehemaligen oberbayrischen Bezirksheimatpfleger Paul Ernst Rattelmüller (1924 – 2004) festgehalten wurden, der schrieb: „Maibäume dürfen nur außerhalb der eigenen Gemeinde gestohlen werden. Dies bedeutet, dass man nur in Dörfern, die nicht zur Gemeinde gehören, einen Maibaum stehlen darf. In Dörfern der gleichen Gemeinde ist dies nicht gestattet.“ Folglich riet ich den Maibaumdieben zu einer Rückgabe ohne Auslöse, weil der Diebstahl mit den fünf Ortsteilansässigen einen faden Beigeschmack hätte. Der Anrufer wollte so handeln und den Baum dann nochmals ohne „wenn und aber“ klauen.

Aber es kam dann ganz anders: bevor der gestohlene Baum aus – nennen wir den Ort L. – zurückgebracht werden konnte, wurde er wiederum geklaut und nach S. gebracht. Die Burschen, die dafür verantwortlich waren, wollten ihn in einer Scheune lagern, für die sie noch einen Schlüssel brauchten. Als sie mit dem Schlüssel fünf Minuten später zur Scheune kamen, fanden sie den Platz davor leer. Man hatte ihnen den geklauten Maibaum geraubt und in den Ort P. gebracht!

Wer war nun für die Auslöse verantwortlich?

Da war guter Rat teuer und auch in diesem erweiterten Fall wurde ich um Rat gefragt. Daraufhin beriet ich mich auch mit dem Brauchtumsexperten Michael Ritter vom Landesverein für Heimatpflege. Beide waren wir uns darin einig, dass „Maibaumklau“ ein Brauchtum ist, bei dem es um Spaß, Geselligkeit und auch sportliche Leistung geht. Sobald es in Streit ausartet oder negativ sogar mit „Schandbäumen“ für nicht ausgelöste Bäume endet, geht viel vom Ursprünglichen verloren.

Wir plädieren beide dafür, den Spaß und die Freude wieder in den Vordergrund zu stellen! Bei doch auftretenden Streitigkeiten sollte man sich auf eine versöhnliche Art und Weise verständigen.

Wie die Geschichte im oben geschilderten Fall ausging? Ich hoffe, dass die erste erfolgreiche Maibaumklautruppe ihrer Verpflichtung, den geklauten Baum zu beschützen, nachgekommen ist und den Baum wieder zurückgebracht hat – nachdem sie ihn bei den zuletzt erfolgreichen Dieben ausgelöst hat. Ich hätte aber auch eine Idee, wie man diese außerordentliche Aneinanderreihung von Maibaumdiebstählen abschliessen könnte: a l l e Diebe treffen sich zu einer Brotzeit mit Bier, an der sich a l l e beteiligen – denn so eine Begebenheit gibt es nicht alle Tage. Das sollte man entspannt und zünftig feiern. Prosit!

 

 

 

Do you speak Bavarian?

Das haben wahrscheinlich bisher wenige Touristen in Bayern einen Einheimischen gefragt. Als Umgangssprache für Einheimische und Touristen wird die Standardsprache benutzt, die gleichzeitig die Basis für eine Verständigung im gesamten deutschsprachigen Raum darstellt.

Letzte Woche lud der Bayernbund ins Gasthaus Zieglerbräu nach Dachau ein, um sich der Frage „Ist Bairisch erwünscht, geduldet, verfemt, aussterbend oder lebendig?“ zu widmen. Das Podium war überwiegend mit „native speakers“ aus Bayern besetzt – eine Ausnahme war die Diskussionsleitung, die „Quotenfrau“, die gleichzeitig auch einen anderen Dialekt, nämlich das Plattdeutsche vertrat.

Insgesamt wurde von Podium und Publikum eine Lanze für den Dialekt gebrochen. Er sei bildreicher als die Standardsprache und von der Anzahl der Wörter her kürzer. Von daher eigne sich Dialekt  auch als Schnellform beim modernen Kommunizieren per Smartphone – was Jugendliche auch häufig nutzten. Trotzdem nehme die Anzahl der Dialektsprecher ab. Abhilfe soll deshalb schon von Klein auf in Kindergärten und Schulen geleistet werden, wozu eigens ein Projekt „MundART WERTvoll“ gestartet wurde. Kinder würden dabei spielerisch ans Dialektsprechen herangeführt. Positive Beispiele auch aus der Praxis wurden genannt.

Alles schön und gut, seufzte ich da innerlich, auch dass die UNESCO 2009 den bairischen Dialekt als Kulturgut würdigte, ihn aber auch als bedroht einstufte. Denn ich sehe eine Parallele zwischen der Entwicklung des Brauchtums und der des Dialekts: beide reagieren auf die jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und verändern sich mit den Bedürfnissen der Menschen. Beide unterliegen einem eigendynamischen Prozess, der manchmal Überraschendes wie die neu aufgeflammte Liebe zur Trachtenmode hervorbringt.

In den Aufbruchsjahren der 60er und 70er Jahre galt Dialekt als provinziell und altmodisch. Als Reaktion auf die Globalisierung und internationale Kommunikation hat sich aber in verschiedensten Bereichen eine Rückbesinnung auf das Regionale ergeben, die häufig auch mit „Heimat“ verbunden wird. Dazu gehört auch der Dialekt, der mancherorts eine Art von „Renaissance“ erfährt.

Wenn wir die Akzeptanz des Dialekts erhöhen wollen und eine Wiederbelebung desselben anstreben, dann können wir auf die inzwischen etablierte Sprachwissenschaft zurückgreifen und auf die Praxis des Gesprochenen. Obacht aber bei der Klischeefalle! Zum Bairischreden gehört nicht unweigerlich das Tragen von Dirndl und Lederhose. Auch die korrekte Aussprache von „Oachkatzlschwoaf“ als Eignungstest für Preußen ist ein „Schmarrn“. Auf keinen Fall sollte Dialekt ein „muss“ werden, so wie es die Schriftsprache lange Zeit war.

Dialekt sprechen ist  ein Ausdruck der Kultur einer Gegend – zu recht ein Kulturgut im Sinne der UNESCO. In unserem Landkreis ist der Dialekt gekennzeichnet durch das Aufeinandertreffen von Bairisch und Schwäbisch – da fühle ich mich auch sprachlich daheim.

Im Dialekt zu Hause ist übrigens auch der gebürtige Brite, Professor Dr. Anthony Rowley, der in München am Lehrstuhl für Germanistik tätig ist. Er gilt als einer der versiertesten Kenner des bairischen Dialekts. „Do you speak Bavarian?“ versteht sich bei ihm von selbst – schön wäre es, wenn es das für uns auch wäre.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

C+M+B – Die magischen Denkmalschützer

Am Wochenende sind sie wieder von ihrer Mission zurückgekehrt: die Sternsinger, die in der Zeit um den Dreikönigstag am 6. Januar unterwegs waren, um Gaben für arme und benachteiligte Kinder in der Welt zu sammeln. An vielen Orten zogen die Weisen aus dem Morgenland gewandet als Könige mit Krone und festlichen Kleidern von Tür zu Tür, um dort mit einem Lied oder Gedicht ihr Anliegen vorzutragen.

Dieses auch in unserer Region lebendige Brauchtum gehört zu den sogenannten „Heischebräuchen“, bei denen für Leistungen Geld oder Lebensmittel  verlangt oder gefordert werden („heischen“ wird im Duden mit „verlangen“ übersetzt, im mittelhochdeutschen stand „eischen“ für fordern ). Als Gegengabe übermitteln die Könige den Segen Gottes, den sie mit der Kreideschrift C+M+B und der Jahreszahl bildhaft werden lassen und dem Wohlgeruch des Weihrauchs unterstreichen. Die Kürzel bedeuten „Christus Mansionem Benedicat“- der Herr möge das Haus der Spender segnen und damit schützen.

Als die Sternsinger an unserem Haus den Segen ganz modern in der Form eines Aufklebers angebracht hatten und weiterzogen, wünschte ich mir insgeheim, viele weitere Sternsinger, die segnend durch den Landkreis ziehen, um dort auch den Bauwerken Segen zu bringen, die es am dringendsten nötig haben.

Vor meinem inneren Auge schickte ich sie auf meine ganz persönliche Reise: zu einigen kleinen Bauernhäusern in Oberweilbach, Taxa und Ampermoching, nach Altomünster zur Klosterpforte, zum Gasthaus nach Sulzemoos, zu einer kleinen Hofkapelle im Hinterland, dann nach Dachau zum ehemaligen Gasthaus Hörhammerbräu, zur Holländerhalle auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei, den Gewächshäusern am Kräutergarten und dann weiter zur Ziegler-Villa und dem Seidl-Haus in der Augsburgerstraße.

Dabei stellte ich mir vor, dass der Haussegen sie dadurch vor dem weiteren Verfall bewahren würde. Denn er würde die Bewohner und/oder die Verantwortlichen daran erinnern, dass mit der Haussegnung das Prinzip des „do ut des“ verbunden ist: Jede Gabe muss mit einer Gegengabe vergolten werden.

Sollte dies gelingen, dann würden die drei Weisen, die auch als „Magier“ bezeichnet werden, zu magischen Denkmalschützern.

 

 

Heimatmuseen im Netz(werk)

1. November 2015: die kulturhistorischen Museen im Landkreis sind online! Seit dem ersten Treffen im Juli 2014 hat sich aus einer ersten Idee eine tatkräftige Arbeitsgruppe entwickelt, die gemeinsam in die Zukunft gehen will. Sie hat sich den Namen „MuseenDachauerLand“ gegeben und trifft sich zwei bis dreimal im Jahr in einem der beteiligten Museen. Themen wie Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlungsarbeit werden schwerpunktmäßig diskutiert oder auch Fachleute zu Referaten eingeladen. Der jeweilige Gastgeber stellt sein Haus und seine Sammlung vor und lädt bei einer gemeinsamen Brotzeit zum ungezwungenen fachlichen Austausch ein.

Die meisten der Landkreismuseen, die dem Verbund beigetreten sind, wurden durch private Initiativen gegründet und werden durch Ehrenamtliche weitergeführt: Haimhausen  (1986), Großberghofen (1989), Altomünster (1997) und Karlsfeld (2003). Neugründungen sind das Augustiner-Chorherrenmuseum in Indersdorf (2014) und das Schaudepot in Pasenbach (2015). Eine weitere Gruppe umfasst Einrichtungen, die in die Rubrik „Spezialmuseen“ gehören und sich dort bestimmten Themenbereichen widmen: das Bauernhofmuseum von Herrn Dr. Kammermeier in Ebersbach mit einer Sammlung an bäuerlichem Gerät und Alltagswerkzeug, das Bankmuseum der Volksbank in Dachau und das Brauereimuseum in Altomünster. Ein weiteres Mitglied ist das bereits 1905 gegründete Bezirksmuseum Dachau, das unter professioneller Führung  als kommunale Einrichtung zusammen mit der Gemäldegalerie Dachau und der Neuen Galerie Dachau als „Zweckverband Dachauer Galerien und Museen“ firmiert.

Vielleicht empfindet der eine oder andere den Begriff „kulturhistorische Museen“ als sperrig; man kann ja genauso gut auch von „Heimatmuseen“ sprechen, nachdem der Begriff der Heimat inzwischen positiv bewertet wird und Heimatmuseen nach und nach das Image des „Verstaubten“ ablegen. Noch 1981 kritisierte der Volkskundler Hans Roth  im Sonderheft 1 der vom Landesverein für Heimatpflege herausgegebenen Zeitschrift „Schönere Heimat“ das Heimatmuseum als „lediglich eine Anhäufung von Altväterhausrat, eine verstaubte Nostalgiesammlung, die Aufbereitung von Gegenständen einer ‚heilen Welt‘, die es seinerzeit wie heute nicht gab und gibt.“ 

Was ist dann heute ein zeitgemäßes Heimatmuseum?

Es ist ein Museum für den Ort und seine Bürger, ein Aushängeschild für die Kultur des Ortes und Botschafter für dessen kulturelle Tradition – ein lebendiger Treffpunkt für alle Gesellschaftsgruppen zum Lernen, Begegnen und Austauschen. Ein Heimatmuseum kann Ausgangspunkt für ein Miteinander von Alt- und Neubürgern sein. Ein Heimatmuseum kann aber auch überregionale Besucher interessieren.

In diesem Sinne ist die Webseite der Heimatmuseen des Dachauer Landes gedacht. Aktuelles und monatliche Empfehlungen laden dazu ein.

Schauen sie doch mal rein: www.museen-dachauer-land.de.

 

 

 

 

Heimat 2.0

Seit der Begriff „Heimat“ sich von seinem teilweise problematischen Image gelöst hat, setzen sich immer mehr Menschen inhaltlich damit auseinander. „Heimat“ ist inzwischen sogar zum Marketingschlagwort geworden, um von der Bauernmilch bis zum Trachtengwand allerlei an den Mann und die Frau zu bringen. Auch die Fernsehserie „Dahoam is Dahoam“ postuliert ein Heimatbild, das an den fiktiven Ort „Lansing“ gebunden ist – und damit, ironischerweise, gar nicht zu soweit weg ist von der Heimat als Utopie, wie Ernst Bloch sie sah…

„Heimat“ folgt heute längst nicht mehr der juristischen Definition des 19. Jahrhunderts für den Ort, wo man geboren wurde. In Zeiten einer modernen mobilen Gesellschaft mit unterschiedlichen Arbeitsplätzen und Wohnorten muss sie immer wieder aufs neue erworben werden. Vielleicht sehnt sich deshalb mancher nach seiner Kindheit als emotionale Heimat.

Womit keiner gerechnet hatte, ist, dass die Mobilität in unseren Tagen eine solche Dimension annehmen würde: dass hunderttausende Menschen auf der Flucht aus ihrer Heimat sind, um Krieg und Not zu entkommen und nun verzweifelt versuchen, eine neue Heimat zu finden.

Dies alles stellt auch die Heimatpflege vor ganz neue Herausforderungen. Und die sich daraus ergebenden Konsequenzen sind heute noch nicht absehbar.

Zu den Aufgaben der Heimatpflege gehört ja zunächst das Bewahren des Brauchtums der jeweiligen Region, der Blick auf die Tradition und den zeitgemäßen Umgang damit.

Viele unserer Traditionen beruhen aber auf einem gemeinschaftsstiftenden Miteinander, etwa beim Singen, Feiern, Musizieren und Tanzen.

Vielleicht lässt sich das ja auch auf die neu entstehenden Gemeinschaften anwenden? Dann werden wir uns besser gegenseitig verstehen und aus der jeweils „fremden Heimat“ kann dann eine neue Heimat werden. Eine Idee dazu: vielleicht wird ja im nächsten Jahr im Mai an dem einen oder anderen Maibaum ein neues Taferl befestigt werden – ein Beitrag der Neubürger aus Syrien oder Afrika….