Tanz

Tanzvergnügen

Am 21. Januar ist es wieder soweit: am Abend findet wieder eine Redoute im Renaissancesaal des Dachauer Schlosses statt. Häufig werde ich gefragt, was denn eine „Redoute“ sei? Im 1818 erschienenen Konversationslexikon ist dazu zu lesen: “ein mit Spielen und anderen Vergnügungen verbundener Maskenball“.

Die Redoute entwickelte sich aus dem Faschingsbrauchtum, höfischen Bällen (Bal paré) und auch Maskeraden zu der Festivität, die wir auch heute wieder feiern. Im Venedig des 18. Jahrhunderts bezeichnete ridotto „öffentliche Lokale, in denen während des Carnevals sonst verbotene Glücksspiele erlaubt waren“. Dorthin ging man maskiert, um unerkannt zu bleiben. In München bürgerte sich die französische Bezeichnung redoute wohl nach Max Emanuels Rückkehr aus dem französischen Exil 1715 ein.

Vor allem nach dem deutsch-französischen Krieg waren Redouten in München äußerst beliebt. Man feierte in den Sälen der großen Gasthöfe, Brauereien und im neu erbauten Deutschen Theater Kostümbälle mit Gesangs- und Theaterdarbietungen. Im Vordergrund stand jedoch das gemeinsame Tanzen.

Eröffnet wurde traditionell mit einer Polonaise, danach wurde vor allem Walzer getanzt. Den Höhepunkt jeder Veranstaltung stellte die Münchner Française dar. Dieser Kontratanz, bei dem in Reihen getanzt wurde, entwickelte sich aus der französischen „Quadrille“. In München wurde und wird er von zwei sich gegenüberstehenden Paaren getanzt.

Auch in Dachau wird die „Française“ einer der Höhepunkt des glanzvollen Balls sein. Die in bäuerlicher, bürgerlicher und höfischer Gewandung kostümierten Tänzer werden sich in Reihen aufstellen, um die fünf Touren miteinander zu tanzen. Dabei wird es wohl nicht so turbulent zugehen, wie es der Schriftsteller Josef Ruederer 1906 in seiner Erzählung „Der Fasching“ beschrieb:

„Aber schon rufts zum nächsten Tanz, zur Française. Und da stürzt es wieder aus allen Ecken mit jener Hast, die fürchtet zu spät zu kommen. Man hebt kreischende Weiber über die Brüstung der Logen, man pufft nach allen Seiten, man drängt und schiebt ohne Rücksicht, ohne Pardon. Mit Not und Mühe stellen Tanzordner die einzelnen Schlachtreihen auf. Tönen aber die ersten Klänge, dann löst sich´s in Vorder- und Zurücktreten, in Komplimente und Kußhände, in Balancieren und Drehen. Immer lauter tönt der Jubel, immer kecker fliegen die Röcke – da, bei der vorletzten Tour hebt sich im rasenden Ringelreih das wiehernde Lachen zum bacchantischen Gebrüll… Alle die hochgehobenen Weiber mit fuchtelnden Armen und strampelnden Beinen erscheinen in diesem Augenblick wie ein ungeheures Ganzes, ein Riesenpolyp, der mit den Männern erst Fangball spielte, ehe er sie gänzlich verschlingt. Das ist der Höhepunkt, die eigentliche Sensation des Karnevalfestes!“

Im Dachauer Schloss wird es natürlich gesitteter ablaufen! Dafür wird der Tanzmeister Erich Müller schon sorgen. Ob er die Männer allerdings dazu animieren kann, ihre Tanzpartnerinnen (wie bei Ruederer geschildert) beim sogenannten „Karussell“ in die Höhe zu heben – das werden wir ja sehen….

 

 

Bei den Informationen zur Redoute berufe ich mich auf die Forschungen von Volker D. Laturell: Volkskultur in München – Aufsätze zu Brauchtum, musikalische Volkskultur, Volkstanz, Trachten und Volkstheater in einer Millionenstadt. Buchendorfer, München 1997.

 

Tanze „n“

Bei den Vorbereitungen zum diesjährigen Poetischen Herbst zum Thema „Tanz“ entdeckte ich im Antiquariat Hans Brandenburgs Buch „Der Moderne Tanz“, das 1913 erstmals erschien. Der Schriftsteller hatte damit als einer der ersten ein Buch über Tanzkunst jenseits des klassischen Balletts geschrieben. Die Illustrationen stammen zu einem großen Teil von seiner Frau, der auch in Dachau bekannten Künstlerin Dora Brandenburg-Polster. Auffallend sind auch die Schwarzweißfotos von einzelnen Tänzern, Paaren und Gruppen in exotischem Ambiente, in ausgefallenen Posen und scheinbar völlig losgelösten Bewegungen.

Diese Art des Ausdruckstanzes wurde an Orten praktiziert, die die alten Künstlerkolonien ablösten und zu Stätten eines umfassenden alternativen künstlerischen Lebensgefühls wurden: in Hellerau wurde unter Jacques Dalcroze moderner Ausdruckstanz mit Anlehnungen an die Philosophie Rudolf Steiners erprobt, während in nächster Nähe die Hellerauer Werkstätten unter Mitwirkung Richard Riemerschmids modernes Kunsthandwerk schufen. Auf dem Schweizer Monte Verità fanden Maler, Bildhauer, Dichter, Vegetarier und Sozialromantiker mit Visionären zusammen, die den Ausdruckstanz als emotionalen Bestandteil ihrer Lebensweise pflegten.

In Dachau neigte sich die Blüte der Künstlerkolonie währenddessen ihrem Ende zu. Obwohl es vereinzelt neue künstlerische Ansätze in Musik und Theater gab (wie bei Aloys Fleischmann, Hermann Stockmann) war moderner Tanz kein Thema in Dachau.

Hans Brandenburg, der durch seine Heirat enge Beziehungen zu Dachau hatte (seine Frau war die Schwägerin des Dachauer Arztes Dr. Felix Engert), ist das Bindeglied  zu dieser neuen Kunstform. So besuchte auch die Tänzerin Gertrud Leistikow den Engertschen Haushalt in Dachau.

Beim diesjährigen Poetischen Herbst zum Thema Tanz , der unter dem Motto „Rundummadum“ stattfindet, haben wir deshalb einen Bildausschnitt aus diesem Buch gewählt: eine Tänzerin, die auf dem „n“ tanzt.