Allgemein

Die Butterhex

„I glaab, da is heund gwies wieda d´Häx drin“ soll eine Bäuerin in Senkenschlag ausgerufen haben, als ihr beim Arbeiten mit dem Rührfass die Butter gar nicht gelingen wollte. Ihr Nachbar wusste Rat, holte seine Flinte und schoß eine Ladung Schrot ins Butterfass. Als er den Pulverdampf habe aufsteigen sehen, soll er gesagt haben, dass man daran sehe, dass die Hexe jetzt zum Kamin hinausfahren würde.

Eine weitere Begebenheit mit einer Butterhexe ist aus Wollomoos überliefert: als auch dort einer Frau die Milch beim Buttern zu gerinnen drohte, griff sie zu einer List und steckte Dornenzweige ins Butterfass, um die darin versteckte Hexe zu vertreiben. Daraufhin gelang das Buttern und die angebliche „Hexe“ wurde anhand von Verbänden im Gesicht und Armen schnell im Dorf identifiziert. Es war eine eher stille und bescheidene Frau, wie Alois Angerpointner berichtet, die kurz zuvor zehn Pfund Butter erfolgreich auf dem Markt in Aichach verkauft hatte. Dies hatten die Dorfbewohnerinnen mit Erstaunen und auch Neid wahrgenommen.

Gebuttert wird heute nur noch selten auf dem Land. Molkereien haben das übernommen und stellen Butter in großen Mengen her, die wir dann im Supermarkt erwerben können. Auch viele weitere Lebensmittel nehmen wir beinahe selbstverständlich aus den Regalen und Kühltheken mit nach Hause, ohne uns über deren Herstellung groß Gedanken zu machen. Schlechtes Wetter, Naturkatastrophen, Schädlingsplagen – all dies war unseren Vorfahren noch näher als uns. Erklärungen dafür und Hilfe boten ihnen damals der Glaube und der Aberglaube. Bittgänge über die Fluren sollten ein gedeihliches Wachstum der Feldfrüchte befördern, der Wettersegen als Bestandteil der sonntäglichen Gottesdienstliturgie Schutz vor Unwetter und Mißernte bieten. Bei Gewittern zündete man eine schwarze Wetterkerze an und betete den Rosenkranz. In Bergkirchen wurde für gewöhnlich der Heilige Donatus, zuständig für Blitz und Donner, angerufen. Als dort aber Pfarrer Johann Christoph von Froschheim 1738 -1779 im Amt war, übernahm dieser die Abwehr von Unwettern: „Da stand er nun beim Herannahen eines Unwetters im Friedhof zu Bergkirchen, sah gegen Westen hin über das weite Dachauer Moos in Richtung des Ammersees, woher die ‚graabn Wolken aufzogn san‘. Er holte sein altes vergilbtes Rituale heraus, breitete soweit die Arme, geriet in Ekstase. Man mußte ihm links und rechts unter die Arme greifen, ‚weil er wie geistig abwesend war und geisterbeschwörend seine Segnungen abhielt‘ “. Seine Bemühungen müssen wohl von Erfolg gekrönt gewesen sein, weil er großen, auch überregionalen Zulauf erhielt, wie der ehemalige Kreisheimatpfleger Alois Angerpointner in einer Erzählung vermerkt.

Nach all den Bemühungen um eine ertragreiche Ernte wurde auch damals im Herbst im Rahmen der sonntäglichen Messe gedankt. Bis heute feiern wir an vielen Orten Ende September bis Anfang Oktober „Erntedank“. Für Missernten wird heute allerdings zum Glück keine Hexe mehr verantwortlich gemacht – jedenfalls ist mir darüber nichts bekannt.

 

Die Legenden über die „Butterhex“ und Pfarrer Froschmayr kann man nachlesen bei Alois Angerpointner: Altbayerische Sagen. Geschichten und Legenden aus dem Dachauer Land. 3 Bände. Dachau (Bayerland), ab 1977 in mehreren Auflagen erschienen. In der Geschichte des Bergkirchner Pfarrers (Bd.3) zitiert Angerpointner Josef Burghart: Chronik von Bergkirchen. Unveröffentlichtes Manuskript v. 24.06.1948.

Um Lebensmittel geht es auch bei  „Lebens-Mittel-Punkt“ am Tag der Regionen am Petersberg am 03.10.2018.

Zum Foto: Im Freilandmuseum Fladungen kann man als Besucher einen Eimer schleppen und damit einen Eindruck vom  beschwerlichen Alltag in früherer Zeit erhalten.

Krokodil entlaufen

Was war das für eine Aufregung, als vor nunmehr 51 Jahren ein kleines Krokodil im Karlsfelder See abtauchte und von da an nicht mehr gesehen wurde! Das sogenannte „Sommerloch“ , das sich ansonsten im Urlaubsmonat August in der Presse auftut, war schnell gefüllt mit Geschichten um „Emil“. Der Kaiman gehörte einem Dachauer, der ihn ab und an im See baden ließ, damit es ihm in der heimischen Badewanne nicht zu langweilig wurde. Ja, eine wahre Geschichte, für deren Authentizität sich auch die Karlsfelder Heimatforscherin Ilsa Oberbauer verbürgt. Die Geschichte wurde dann sogar als Grundlage für ein Kinderbuch verwendet. Dessen Autor Alexander Paglialunga erfand trotz des anders lautenden Titels „Emil – Der Schrecken vom Karlsfelder See“ eine kindertaugliche Geschichte mit Happy End. Dem realen Emil, so heißt es, sei es aufgrund  der Kälte im Karlsfelder See, wo es in sechs Metern Tiefe selten mehr als 12 Grad habe, zu kalt gewesen. Bei ihm habe deshalb die Kältestarre eingesetzt und er sei nach und nach weggedämmert.

Wie ich auf Emil gekommen bin? Ja, weil es sein könnte, dass ich ihn in einem Vorgarten im Dachauer Hinterland wieder gefunden habe.

Im Sommer bin ich als passionierte Gartlerin besonders aufmerksam, was Blumen, Sträucher, Bäume, überhaupt alles Blühende und Grünende anbelangt. So richtete ich bei meinen Fahrten durch den Landkreis in letzter Zeit verstärkt den Blick auf Gärten. Obwohl die „Versteinerung“ der Vorgärten mit Gabionen und Ruinen, Geröllfeldern und Pflastersteinen voranschreitet, fand ich neben diesen wenig einladenden Elementen auch Interessantes und Kurioses. Nicht nur Skulpturen der  klassischen Antike, sondern auch gewagte Aktfiguren und vor allem Tiere scheinen es den Gartenbesitzern angetan zu haben: Vögel, Insekten, Säugetiere. Der als „König der Steppe“ bekannte Löwe ist dabei Spitzenreiter: er herrscht über zahlreiche Garageneinfahrten und Hauseingänge, häufig mit Wappenschild als Symbol für den Freistaat Bayern. Und dazu sichtete ich auch ein Reptil: Emil? Das Krokodil befindet sich inmitten eines Vorgartens mit anderen Zootieren und scheint sich dort sehr wohl zu fühlen. Und wie ist es dahin gekommen? Darüber schweigt es sich leider aus…

Zum obigen Foto: Mein „Emil“ in Nahaufnahme. Wenn sie noch mehr Beispiele außergewöhnlicher Ideen für Vorgärten sehen möchten, klicken sie die Fotos unten an. Darunter befindet sich auch mein Vorgarten-Haustier – vor Jahren bekam ich eine kleine verrostete Eisenechse (kein Krokodil!) geschenkt, die seitdem auf unserem Tonnenhäuschen lebt.

 

 

 

Haaatschi!!!

Es könnte so schön sein: es ist warm, die Blumen und Gräser blühen, die Natur lockt zum Verweilen im Freien. Wenn da nicht die Pollen wären, die bei empfindlichen Allergikernasen ein kräftiges „Haaatschi!!!!“ auslösen.

Viele greifen da schnell zu einem Taschentuch, das aus einer Plastikverpackung gezogen wird. Vielleicht nehmen sie auch ein Baumwoll-Taschentuch aus der Schublade? Eher unwahrscheinlich. Das Stofftaschentuch ist inzwischen aus der Mode gekommen. Was die Hygiene anbelangt, hat ihm das Papiertaschentuch eindeutig den Rang abgelaufen.

Das war nicht immer so. Erstmals taucht das textile Taschentuch bei den Römern auf, die es je nach Form als Schweißtuch, Serviette oder auch Tuch zum Schneuzen der Nase benutzten. Über das Mittelalter bis in die Neuzeit hinein war es dann vor allem ein Statussymbol des Adels und des Klerus. Kein Wunder, dass diese Taschentücher aus feinstem Material wie Leinenbatist oder Seide waren, für Damen reich verziert, mit Spitzen oder Perlen bestickt. Ab dem 18. Jahrhundert sind dann die ersten bedruckten Taschentücher bekannt. Im 19. Jahrhundert benutzten dann auch  Bürger und Bauern baumwollene Tücher.

Im 20. Jahrhundert tritt dann das Papiertaschentuch seinen Siegeszug an: 1929 wird das erste Warenzeichen für ein Taschentuch aus reinem Zellstoff  in Nürnberg mit dem Namen „Tempo“ eingetragen – bis heute in Deutschland der Inbegriff des Taschentuchs. In Amerika setzte sich hingegen die Bezeichnung „Kleenex“ durch.

Das „Sacktüchel“ wird heute immer noch gerne als Schnupftuch, modisches Einstecktuch oder bei traditionsbewussten Bayern als „Bschoadtüchel“ verwendet. Wenn sich allerdings ein eindeutiges Kitzeln in der Nase einstellt, dann wird wohl zum bewährten Papiertaschentuch gegriffen. Wie auch immer – in jedem Fall wünsche ich : „Gesundheit!“.

 

 

Dieser Blogbeitrag ist Gabriele Donder-Langer gewidmet, die 1999 mit der Ausstellung „Menschen, Nasen, Taschentücher“ Grundlagenforschung zur Kulturgeschichte des Taschentuchs geleistet hat. Er ist gleichzeitig ein Dank für ihre Arbeit als Heimatforscherin, Archivarin und Museumsbeauftragte in Haimhausen.

Das FOTO zeigt eine Auswahl aus meiner Taschentuchsammlung, zu der auch ein gehäkeltes Beutelchen gehört. Es wurde mir von einer meiner Großtanten geschenkt, damit ich mein schönes Ausgeh-Taschentuch geschützt in der Handtasche mitnehmen konnte.

 

 

 

Heimatland?

„Heimatland“ – dieses alte Filmplakat hat sofort meine Neugierde geweckt. Ich fand es bei einem unserer letzten Außentermine im südwestlichen Landkreis in einer ehemaligen Werkstatt.

Der Filmtitel „Heimatland“ sagte mir zunächst nichts. Recherchen im Internet ergaben, dass der Streifen im Jahr 1955 erschien. Kurz gefasst handelt es sich um eine typische 50er Jahre-Geschichte in einer vermeintlich heilen Welt. Thematisiert werden Werte der Nachkriegszeit und Sanktionen für Menschen, die vom strengen Regelgerüst der Zeit abweichen. Dabei wird tief in die Klischeekiste mit feschen Jägern, einem süßen Hund, hübschen jungen Frauen im Dirndl und einem Wilderer gegriffen.

Aber der Titel „Heimatland“ weist auch über die 50er Jahre hinaus, mitten in die immer noch aktuelle Heimat-Debatte, die zu Beginn des Jahres mit der Ankündigung ein „Heimatministerium“ auf Bundesebene schaffen zu wollen, erneut in Fahrt kam. Sehr wohltuend inmitten all der politischen Statements nahm sich eine Serie in der Süddeutschen Zeitung aus, die Heimat von allen Seiten beleuchtete und die neue Heimat z.B. im Internet genauso berücksichtigte (23. 01.2018) wie auch die kulinarische Heimat (10.01.2018). Interessant fand ich auch den Beitrag der österreichischen Schriftstellerin Petra Piuk (09.01.2018), die sich mit den Inhalten des Heimatromans befasste. Ihre aufgelisteten Charakteristika für den klassischen Heimatroman können genauso gut auf altbackene Heimatfilme à la „Heimatland“ angewandt werden: heile Welt, Brauchtum, Naturverbundenheit, Familienidylle, Tierliebe, Hochzeitsglocken… Piuk plädierte dafür, diesen Bildern ehrliche, aktuelle Themen in der Heimat entgegenzusetzen. In die gleiche Richtung dachte die Journalistin Constanze von Bullion, die die Aufgabe eines „Heimatministeriums“ darin sah, ein Ort zu sein „in dem sich das Eigene mit dem Fremden versöhnt“. Das ist für mich eine schöne salomonische und dennoch aufgeschlossene Definition für ein neues „Heimatland“, nicht für neue Filme und Romane, sondern für die sich stetig wandelnden Realitäten unserer Zeit.

 

Zum Thema Heimat lade ich sie herzlich zu meiner Heimat-Sprechstunde – ohne Anmeldung – rezeptfrei! ein:

  • Was hilft gegen Heimweh?
  • Kann man auch unter Heimatklischees leiden?
  • Wann trägt Heimat zum Wohlbefinden bei?
  • Ist Heimat nur ein Symptom oder ein Syndrom?
  • Gibt es Denkmalschutz nur auf Rezept?
  • Kann man Brauchtum verordnen?
  • Was hilft gegen Flächenfraß?
  • Wie schafft man den Balanceakt zwischen Tradition und Moderne?

Es werden keine Patentrezepte ausgestellt – aber es gibt Zeit für ein gemeinsames Gespräch, einen Informationsaustausch und für Anregungen und Fragen.

Aktuell steht kein neuer Termin fest.

Für Kinder und interessierte Erwachsene lesen Andrea Wilfer und ich ab und an aus dem Landkreisbuch „Auf Mäusepfoten durchs Dachauer Land“. Termine sind der Presse zu entnehmen oder beim Bayerland Verlag und der Autorin zu erfahren.

Das FOTO entstand während eines Amtstages in einer ehemaligen Werkstatt im westlichen Landkreis Dachau.

 

 

 

 

Maikäfer flieg!

Maikäfer! Haben sie dieses Jahr schon einen Maikäfer gesehen? Heuer habe ich bisher nur Maikäfer aus Schokolade finden können. Früher war das allerdings anders.

Im Garten meiner Eltern, der auf der einen Seite durch eine Buchenhecke abgeschlossen war, herrschte im Mai oftmals noch ein geschäftiges Treiben, das uns Kindern die Ankunft der Maikäfer anzeigte. Wir pflegten die Büsche zu schütteln, die Käfer einzusammeln und diese dann mit Zweiglein von Buchen und Blättern in einem Schuhkarton zu verwahren, in den wir zuvor viele Löcher gestochen hatten, damit die Käfer Luft bekämen. Heute gruselt es mich beim Gedanken daran – die eingesperrten Tiere tun mir im Nachhinein sehr leid. Aber als Kinder waren wir stolz auf unsere „Beute“-Tiere. Es gab ja auch so viele! Man konnte damals aber auch erahnen, wie sogenannte „Maikäfer-Plagen“ ausgesehen haben mögen, bei denen große Mengen an Käfern über frisch belaubte Nutzpflanzen und Bäume herfielen. So wird u.a. 1911 von 22 Millionen eingesammelten Käfern auf einer Fläche von 1.800 Hektar berichtet. Späteren Maikäferinvasionen versuchte man mit massivem chemischem Einsatz Herr zu werden. Dieses Vorgehen und seine bis heute andauernden Folgen besang Reinhard Mey bereits 1974 kritisch in seinem Chanson „Es gibt keine Maikäfer mehr“.

Vielleicht kennen sie ein weiteres Lied, das von Maikäfern handelt? „Maikäfer flieg“? In der Forschung wird seine Herkunft bisweilen bis zum Dreissigjährigen (1618-48) bzw. Siebenjährigen Krieg (1756-63) zurückverfolgt. Der Liedtext lautet: „Maikäfer flieg – der Vater ist im Krieg – die Mutter ist im Pommerland – Pommerland ist abgebrannt – Maikäfer flieg“. In komprimierter Form wird hier von einem Kind erzählt, das die Eltern verloren hat, von Krieg und Heimatverlust. Die begleitende Melodie stammt vom Wiegenlied „Schlaf Kindlein schlaf“. Es wurde über Jahrhunderte hinweg immer wieder gesungen, mit neuen regionalen Textvarianten versehen und ist bis heute bekannt. Gründe dafür haben Fachleute in der Diskrepanz zwischen Text und Melodie gesehen: kein Mensch könne es deshalb schnell vergessen. Auch der Inhalt als Ausdruck ureigenster menschlicher Ängste wurde für die lange Überlieferung des Liedes ins Feld geführt. Auf jeden Fall ein sehr rätselhaftes Lied, das eigentlich gar nicht als Schlaflied taugt.

Apropos Schlaf: Wilhelm Buschs Onkel Fritz wurde von einer besonderen Maikäferplage heimgesucht, die ihm Max und Moritz beschert hatten. Was sich so wunderschön lautmalerisch anhört „doch die Käfer kritze kratze / kommen schnell aus der Matratze“ – war eine nächtliche Käferattacke , die ihn um den Schlaf und damit so in Rage brachten, dass er alle tot trampelte mit dem Fazit: „Guckste wohl! Jetzt ist’s vorbei / mit der Käferkrabbelei!“. Das hoffe ich nicht, schon gar nicht was die Schokoladenkäfer anbelangt…

 

 

Zum Lied „Maikäfer flieg“ weise ich auf den sehr interessanten Aufsatz von Lotta Wieden hin, der am 12.04.2015 in der FAZ erschien. Die Informationen zur Maikäferplage entnahm ich dem Artikel zum Maikäfer in wikipedia. Alle Hinweise wurden am 2. Mai 2018 abgerufen.

Auf dem FOTO vergnügen sich zwei (Schokoladen-) Käfer in meinem Garten…

 

Überraschung!

Schütteln sie beim Kauf der genialen Schokoladeneier mit Innenleben diese auch erst einmal? Bei uns in der Familie galt die Regel, dass ein monotones Klack-Klack auf fertige Plastikfigürchen hinweise, kein Scheppern oder diffuses Klackern auf eine Bastelei, die in einer Anleitung verpackt war. Je nach persönlichen Vorlieben wurde dann die vermeintlich eindeutige Wahl getroffen. Aber wie der Name der Eier schon richtig sagt, ist der Inhalt eigentlich eine Überraschung, weshalb wir uns auch oftmals irrten.

Wussten sie, dass es die Kombination von Schokolade und Spielzeug  bereits seit 1974 gibt? Schokoladeneier und andere süße Ostereier waren noch vor dem Zweiten Weltkrieg sehr selten und erlebten erst in der Nachkriegszeit einen Aufschwung. Für meine Großmutter waren noch rote durchsichtige Zuckerhasen, kleine bunte Zuckereier und  „Fondant Eier“, die wie ovale Spiegeleier aussahen, der Inbegriff der Ostersüßigkeiten, mit denen sie die Osternester meiner Kindheit in den 60er- und 70er Jahren bestückte. Meine Schwester und ich bevorzugten hingegen die immer mehr in Mode kommenden Schokoladeneier, vor allem diejenigen, die nicht mit undefinierbaren pastellfarbenen Cremes namens „Knickebein“ gefüllt waren.

Die ersten Eier, die Spielwaren enthielten, waren vor diesem Hintergrund etwas sehr Besonderes, wobei – offen gestanden – die Schokolade für uns erst an zweiter Stelle stand.

Die Idee von Schale und Innenleben hatte jedoch auch vor der Erfindung des Schoko-Spielwareneis immer wieder die Phantasie der Menschen angeregt. Konstant wurde das Ei als Fruchtbarkeitssymbol gesehen und mit dem Frühjahr verbunden, wenn Hühner besonders viele Eier legen.

Die Gnostiker sahen  es als Symbol des neuen Lebens, bei dem sich die Seele (das Küken) vom Irdischen (der Schale) befreie. Im Christentum wurde eine Verbindung zur Auferstehung Christi hergestellt, die an Ostern gefeiert wird: „Wie das Küken aus dem Ei gekrochen, so hat Christus das Grab zerbrochen.“

Aber dass dies die Grundidee hinter dem Überraschungsei gewesen sein könnte, halte ich für eher unwahrscheinlich – das würde mich dann doch sehr überraschen…

Eine schöne Überraschung ist hingegen, dass einige meiner Blogbeiträge bereits 1000 mal gelesen wurden. Ich danke allen Lesern für ihr Interesse!

Die Hinweise zur Symbolik des Eis entnahm ich Pater Eckhard Bieger SJ: Feste und Brauchtum im Kirchenjahr, Leipzig (Benno Verlag) o.J. , S. 83f.

Das FOTO zeigt ein Filzei meiner Tochter, das gut in den Eierbecher eines bekannten Schokoladenproduzenten passt.

 

 

 

 

Fast Food

„Fast Food“ wird in unserer Familie augenzwinkernd hin und wieder auch als Synonym für „beinahe Essen“ verwendet. Wir bezeichnen damit genauso die Fertigprodukte, das sogenannte „Convenience Food“ wie auch misslungene Gerichte , wie z.B. bestimmte „gesunde“ Produkte meiner „Vollwert-Experiment-Wochen“.

Heute geht es  jedoch um das Essen in der Fastenzeit, ein Thema, das angesichts der gut gefüllten Regale mit Schokolade und Osterhasen beinahe vergessen ist. In den 40 Tagen von Aschermittwoch bis Ostersonntag ist für Christen traditionell eine Zeit des Verzichtes. Früher wurde dann, wie an den Freitagen fleischlos gegessen. Aber wie ein Blick in die Geschichte zeigt, hat man es auch in der Vergangenheit mit dem Fasten nicht immer so genau genommen oder ging kreativ damit um.

Als gebürtiger Schwäbin fallen mir da als erstes die „Maultaschen“ ein, die ein Maulbronner Laienmönch namens Jakob erfunden haben soll, um den Mönchen das verbotene Fleisch gut im Nudelteig verborgen auf den Tisch zu bringen. Ich dachte auch an den Biber, der im Mittelalter aufgrund seines mit Schuppen besetzten Ruderschwanzes und seines Lebensraums im Wasser kurioserweise als Fisch definiert wurde – also gegessen werden konnte.

Auch bei der Legende des Hl. Ulrich geht es um Fisch, allerdings in anderer Hinsicht. Es wird erzählt, dass Bischof Ulrich von Augsburg (um 890-973) ein vorbildliches Leben führte. An einem Donnerstagabend soll er mit seinem Kollegen Bischof Konrad gespeist haben. Beide führten ein so anregendes Gespräch, dass sie nicht bemerkten, wie die Zeit verging. Am Morgen erschien ein Bote des Herzogs, mit dem Ulrich wohl im Rechtsstreit war: „Ulrich reichte als Botenlohn den beim Nachtessen nicht verzehrten Rest des Bratens, ein Gänsebein. Der Bote brachte dies dem Herzog, um den Bischof nun seinerseits des Unrechts überführen zu können, dass er am Freitag Fleisch esse; als der Herzog das Gänsebein aus der Umhüllung nahm, hatte es sich in einen Fisch verwandelt.“ (zitiert nach Ökumenisches Heiligenlexikon). Aufgrund dieser Legende wird der Hl. Ulrich deshalb häufig mit einem Fisch als Attribut dargestellt, so auch im Landkreis Dachau. Hans Schertl listet zahlreiche Beispiele auf seiner Webseite der Kirchen und Kapellen auf.

Übrigens war auch Alkohol eher verpönt, der Genuss von Bier hingegen erlaubt. Bier wurde als Stärkungsmittel und Medizin gesehen, denn sogar Hildegard von Bingen hatte ihm heilende Wirkung zugeschrieben.

Klassisches Fast Food wird selbstverständlich weiterhin in entsprechenden Schnellküchen angeboten. Schön fand ich, dass der Fahrlehrer unserer Tochter sie erst neulich bat, doch mal kurz zum „Schachtelwirt“ abzubiegen – eine witzige Bezeichnung für ein Restaurant, in welchem Essen in Tüten und Pappboxen serviert wird. Dort bekommt man ganzjährig vor allem Fleisch in getoasteten Brötchen – auch zur Fastenzeit.

 

Mehr zum Thema Essen gibt es heuer bei der Kulturreihe „Poetischer Herbst“. Wir werden mit vielen Gästen ein Kulturmenü aus Theater, Lesungen und Musik servieren. Das Programm können sie hier nachlesen.

Das FOTO entstand in Ecuador, wo Meerschweinchen als Delikatesse gelten. Als Souvenir kann man deshalb auch einen Meerschweinchen-Koch aus Plüsch erwerben oder, wie mein Mann, fotografieren.

 

 

 

Fred Feuersteins Krawatte

Liebe Krawattenträger – bald ist es wieder soweit: am „Unsinnigen Donnerstag“ sind die Trophäenjägerinnen wieder unterwegs, um mit einem kräftigen Schnitt Schlipse zu durchtrennen.
Als Heimatpflegerin wurde ich schon des öfteren gefragt, ob es dafür historische Wurzeln oder ernsthafte Traditionen gebe? Eine schnelle Antwort wäre, dass gerade am „Unsinnigen“ Donnerstag sich diese Frage ja wohl von selbst verbiete…  Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die seriöse Webquelle Brauchwiki schreibt dazu: „Die Krawattenjagd ist ein Brauch, der seit den 1960er Jahren in Deutschland flächendeckend verbreitet ist. Die Frauen schneiden hier, meist zur „Weiberfastnacht“ (Donnerstag vor Rosenmontag), den Männern die Krawatten ab. Auch dieser Brauch ist als Machtübernahme zu verstehen, hier kommt allerdings auch die Bedeutung der weiblichen Machtdemonstration zum Tragen. Manche sprechen hier gar von einer symbolischen Kastration des Mannes, da die Krawatte ein typisch männliches (…) Kleidungsstück ist.“

Dass Krawatten ein männliches Symbol werden könnten, das haben sich die Erfinder derselben sicherlich nicht gedacht. Es waren nicht die Feuersteins, wie die eine Krawatte auf meinem Foto vielleicht suggerieren mag. Kroatische Söldner hatten sie am Hofe Ludwig XIV populär gemacht, nachdem sie zuvor bereits Bestandteil soldatischer Uniformen gewesen war. Die Binder wurden „à la cravate“- nach kroatischer Art – genannt und avancierten zum modischen Accessoire. Auch Frauen ergänzten damit gerne ihre Reitkleidung. Richtig in Mode kamen Krawatten allerdings erst im 20. Jahrhundert und wurden auch von Frauenrechtlerinnen gerne getragen.

Und heute? Den klassischen Krawattenträger gibt es zunehmend weniger, denn die auch als „Schlips“ oder „Binder“ bezeichneten Textilien sind immer seltener Bestandteil der Dienstkleidung. Der Dresscode in großen Unternehmen verändert sich stetig in Richtung „casual“ und selbst in den Bankinstituten darf es heutzutage legerer zugehen. Dazu kommt, dass immer mehr Frauen verantwortungsvolle Positionen übernehmen. So kann es gut sein, dass sich auch die Bedeutung der Krawatte ändern wird.

Vielleicht wird damit – in nicht mehr allzu ferner Zukunft – die Sammlung einer Kollegin aus dem Landratsamt, die ich für diesen Beitrag fotografiert habe, historische Bedeutung erlangen: als Beleg für einen einstigen Brauch und eine Dokumentation des modischen Wandels der Krawatte. Erstaunlich, was sich Krawattendesigner so alles ausgedacht haben! Mein persönlicher Favorit der Sammlung ist übrigens, wie sie sicherlich erraten haben, das Steinzeit-Exemplar mit Fred Feuerstein und Barney Geröllheimer…

Das FOTO wurde 2017 im Büro einer Kollegin im Landratsamt Dachau aufgenommen. Ihre Sammlung wächst stetig und wird auch immer wieder umdekoriert.

Chewing gum

Eigentlich war es eher ein Zufallsfund: ein Kaugummiautomat in einem Ort im Dachauer Hinterland. Dabei waren wir unterwegs, um alte Bauwerke auf mögliche Denkmalseigenschaften zu überprüfen. „Na, was hältst du denn davon?“, fragte mich mein Kollege und zeigte auf die beiden Automaten. „Ein klarer Fall von Denkmalschutz!“, konterte ich lachend.

Das war der Auftakt für einen Austausch von Erinnerungen aus unserer Kindheit. Die Kaugummiautomaten mit Klarsichtfenster lockten früher gleichermaßen Fans von Süßigkeiten und Schatzsucher an. Man brauchte ein Zehnpfennig(!)stück, legte es in den dafür vorgesehenen Geldschacht, drehte den Knopf und hörte die Kaugummikugel in den mit einer Klappe verschlossenen Sammelbehälter fallen. Welche Farbe würde es wohl sein? Und vielleicht war ja auch eine Zugabe dabei! Was gab es da nicht für begehrenswerte Dinge wie silberne Ringe mit Totenkopfschädel, Schlüsselanhänger oder anderen Krimskrams. Für uns Kinder war das früher eine willkommene Abwechslung auf dem Schulweg  und selbstverständlich auch ein Anreiz das knapp bemessene Taschengeld auszugeben. Der Kaugummi war dabei eher Nebensache, vielleicht vergleichbar mit den später in Mode gekommenen Schokoladen-Überraschungseiern mit Spielzeug und Bastelsätzen.

An den mit Zuckerguß überzogenen leicht säuerlichen Geschmack meiner Kindheits-Kaugummis kann ich mich heute noch erinnern. Er war nicht zu vergleichen mit den in Streifen angebotenen amerikanischen Kauprodukten, die, wie ich recherchiert habe, bereits seit 1893 als „Spearmint“- chewing gum auf dem amerikanischen Markt waren. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass In Deutschland der „chewing gum“ nach dem 2. Weltkrieg seinen Durchbruch und Aufschwung durch die Amerikaner erlebte. Automaten mit Kaugummis wurden in der Folge vor allem in den 50er und 60er Jahren in West-Deutschland aufgestellt. Sie mit Kugeln zu befüllen war eine praktische Idee, die Zugabe von Spielzeug ein kluger Marketing-Schachzug.

So gesehen ist der von uns entdeckte Kaugummiautomat auch ein Stück Kulturgeschichte der Nachkriegszeit. Aber könnte er als Denkmal eingeordnet werden? Das Denkmalschutzgesetz definiert Denkmäler schließlich als „von Menschen geschaffene Sachen oder Teile (…) aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt.“

Sollte dies nicht ausreichen, um ihn als ersten Kaugummiautomat in die bayerische Denkmalliste aufzunehmen, dann habe ich ihm zumindest auf meinem Blog ein Denkmal gesetzt.

 

Wenn sie erraten haben, wo sich die beiden fotografierten Automaten befinden, schreiben sie mir doch. Der Finder erhält auf jeden Fall ein Päckchen Kaugummi, ohne Totenkopfring!  

Das FOTO entstand im westlichen Landkreis. Es gibt aber noch weitere Kaugummiautomaten im Landkreis Dachau, die allerdings neueren Datums sind.

 

 

Ein Zeichen der Hoffnung

„Das schaut ja so unordentlich aus! Was werden die Leute über meine Werkstatt denken!“, rief Amnon Weinstein aus, als ich ihm den Entwurf für unser Konzertplakat zuschickte. „Nein, nein – so sehen wir das nicht“, antwortete ich, „wir wollen doch zeigen, dass hinter dem Konzert eine besondere Geschichte steckt, dass es viel Mühe und handwerkliche Arbeit braucht, um die sehr mitgenommenen Instrumente wieder spielbar zu machen.“

Die Geigen, um die es hier geht, stammen aus der Sammlung Amnon und Avshalom Weinstein in Tel Aviv, die von Amnons Vater Moshe Weinstein begründet wurde. Seine Instrumentenbauer-Werkstatt war die Anlaufstelle für viele Immigranten in Palästina nach dem 2. Weltkrieg. Hier gaben sie ihre häufig von deutschen Geigenbauern gefertigten Instrumente in Weinsteins Obhut. Sie schliefen dort mit vielen weiteren in den Jahren dazu gekommenen Geigen einen wahren „Dornröschenschlaf“, bis Amnon Weinstein eines Tages die Geige eines Auschwitz-Überlebenden zur Restaurierung gebracht wurde, in dessen Korpus er grauen Staub – Asche – fand. Von da an begann er die Geschichte der gesammelten Instrumente zu  erforschen.

Aber die Geigen spielen? Dazu trug maßgeblich der Dresdner Bogenmacher Daniel Schmidt bei, der diese Idee bei einer gemeinsam besuchten Tagung vor etwa 20 Jahren aufbrachte. Seitdem werden die Geigen weltweit in Konzerten gespielt und erzählen von der Geschichte ihrer Besitzer, aber auch von der Rolle der Musik in den Konzentrationslagern.

Vom ersten Moment an, als ich von diesem Projekt hörte, war ich sehr berührt und wünschte mir, dass die Geigen auch in Dachau zu hören wären. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit ist es jetzt soweit: acht Geigen werden mit der Familie Weinstein auf die Reise nach Dachau gehen und hier im Renaissancesaal des Schlosses erklingen. Denn damit, so sehen es Vater und Sohn Weinstein, wird ein Zeichen der Hoffnung gesetzt. Die Geigen stammen von Überlebenden des Holocaust und mit ihnen wird heute Musik gespielt. „Wo Musik ist, ist Hoffnung“, sagt Amnon Weinstein, der viele Familienmitglieder durch den Holocaust verlor.

Er hat sich inzwischen übrigens mit dem Plakatmotiv angefreundet – ein Plakat hängt jetzt inmitten der noch zu restaurierenden Instrumente in seiner Werkstatt.

 

Weitere Informationen zum Konzert Violinen der Hoffnung am 18. Februar 2018 gibt es unter: www.landratsamt-dachau.de/violinenderhoffnung. Mehr über die Geschichte der einzelnen Geigen erfahren sie im zum Konzert erscheinenden Begleitheft und immer wieder auf facebook. Karten gibt es bei muenchenticket   

Die Geigen der Sammlung Weinstein werden vor dem Konzert in einer kleinen Ausstellung gezeigt.

Das FOTO entstand während eines Besuchs in Tel Aviv im Juli 2017 und zeigt die Werkstatt Amnon Weinsteins.