Kategorie: Allgemein

Früher war mehr Lametta

Mit dem heute schon fast sprichwörtlich gewordenen „früher war mehr Lametta“ verknüpft sich die Erinnerung an Loriots unvergessliche „Weihnachten bei den Hoppenstedts“. In diesem Film des deutschen Humoristen von 1976 wurde von Opa Hoppenstedt die angeblich zu sparsame Dekoration mit diesen Silberfäden am Christbaum beklagt. 2015 stellte auch die letzte Firma deren Produktion ein, nachdem die Nachfrage massiv gesunken war. Der einst bleihaltige Glitzerschmuck war und ist ja auch aus ökologischer Sicht nicht mehr zeitgemäß.

Und wer hat diesen Christbaumschmuck erfunden? Da mehren sich die Hinweise, dass die Ursprünge in Franken liegen. Eine Frau, Sybilla Maria aus Freystadt heiratete im 17. Jh. in den „Drahtzieherbetrieb Heckel“ in Allersberg ein und brachte mit ihrem Wissen frischen Wind in die Produktion. Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete sie Johann Jakob Gilardi. Zusammen waren sie sehr erfolgreich: sie verarbeiteten „leonischen Draht“ (das sind vergoldete oder versilberte Metalldrähte) zur Herstellung von Borten, Fransen, Schnüren, Stoffen und Gewändern. Als dann im 19. Jahrhundert der Christbaumschmuck im Bürgertum immer beliebter wurde, konnten die Nachfahren der Gilardis auf ihrem Handwerk aufbauen und produzierten Lametta, das sie 1882 auf der ersten Bayerischen Landes-Gewerbe-Industrie- und Kunstausstellung in Nürnberg präsentierten. Übrigens reklamiert u.a. auch die Fa. Riffelmacher & Weinberger aus dem fränkischen Roth für sich, einer der ersten Produzenten von Lametta zu sein.

Über 140 Jahre nachdem das Lametta erstmals vorgestellt wurde, ist es bereits Geschichte – Christbäume glitzern heute eher durch elektrische (blinkende) Lichterketten, bunte Glaskugeln oder goldene Kunststoffgirlanden. Bei diesem Glanz würde sich vielleicht auch Opa Hoppenstedt nicht über das fehlende Lametta beschweren…

 

FOTO: „Lametta“ fürs Haar fand ich dieses Jahr in einem Modegeschäft in Dachau Ost. Es wurden auch Ohrringe mit Christbaumkugeln, Elchgeweihe als Haarreif etc. angeboten –  alles um sich passend zum schillernden Christbaum selbst zu  dekorieren. Aber natürlich gibt es auch weiterhin Anhänger natürlicher Schmuckelemente wie Kugeln, Strohsterne, Schokokringel oder Gebäck mit Bienenwachskerzen als Beleuchtung. Lametta vermissen sie sicherlich nicht.

Mit diesem Beitrag wünsche ich allen Bloglesern, Heimatpflegeinteressierten und -unterstützern ein frohes Weihnachtsfest und danke für die gute Zusammenarbeit im vergangenen Jahr!  

 

Wie im Paradies –

mag sich der eine oder andere gefühlt haben, wenn es an Weihnachten allerlei Leckereien nach der adventlichen Fastenzeit gab: Fleisch, Knödel, Lebkuchen.

Als kleines Paradies wird auch ein adventliches Gesteck, das früher im Voralpenland und in Österreich verbreitet war, bezeichnet: das „Paradeisl“.  Ein Paradeisl ist eine Art von katholischer Variante des Adventskranzes mit Kerzen, die auf vier Äpfeln stecken, die wiederum mit Holzstäben oder Zweigen zu einer Pyramide verbunden werden. Angelehnt an die liturgischen Farben wählte man früher drei violette Kerzen und eine rosa am dritten Adventssonntag „Gaudete“ (Freut euch). Heute werden vor allem rote Kerzen verwendet.

Die roten Äpfel verweisen auf den Apfel, dessen Genuß in der Bibel auch mit der Vertreibung aus dem Paradies verbunden ist und gleichzeitig auch als  Symbol für die Fruchtbarkeit gilt. Kaum mehr bekannt ist, dass der 24. Dezember auch der Gedenktag von Adam und Eva ist. An diesem Tag wurden im Mittelalter sogenannte „Paradiesspiele“ aufgeführt. Dazu stellte man vor den Kirchen Bäume mit roten Äpfeln auf, die an den Paradiesbaum erinnern sollten. Ab dem 19. Jahrhundert finden wir dann Christbäume in München, zunächst bei Hofe und in adeligen Kreisen – die protestantischen Königinnen Karoline und Therese von Bayern sollen als erste Christbäume in München aufgestellt haben. Bis zum Einzug des Christbaums in bürgerlichen Haushalten waren vor allem „Paradeisl“ der weihnachtliche Schmuck in den Wohnstuben.

Ein Paradeisl ist schnell gebastelt und war früher wohl eher auch in ärmeren Haushalten zu finden. Sein Ursprung ist deshalb nicht überliefert und gesichert – ob im Bayrischen Wald, Österreich oder Südtirol. Vermutlich wurde es von Wanderarbeitern als adventlicher Tischschmuck in Oberbayern eingeführt.

Heute scheint es wieder ein verstärktes Interesse an diesem adventlichen Gesteck zu geben, wie die Bastelanleitungen im Internet zeigen. Dieses wird dann, wenn es fertig ist meist auf einen Teller gestellt, der mit grünen Zweigen, Nüssen und weihnachtlichem Gebäck geschmückt ist und so durchaus einen paradiesischen Genuss verspricht.

 

FOTO: Ein moderne Version eines Paradeisls hat die Dachauer Keramikerin Claudia Flach modelliert. Gesehen und fotografiert wurde es auf dem Kunsthanderwerkermarkt in Dachau „handsome“ am 19. November 2022.

Wer selbst ein Paradeisl basteln mag, findet dazu Anleitungen im weltweiten Netz oder liest es auf S. 83 in: Angelika Dreyer und Martina Sepp: Klabauf, Klöpfeln, Kletzenbrot. Der Münchner Adventskalender, München (Volk Verlag) 20163 nach. In Dachau findet jeden Dezember der sogenannte „Paradeislabend“ der Ludwig-Thoma-Gemeinde statt. Bei dieser adventlichen Feierstunde mit Lesungen und Musik beleuchten selbstgebastelte Paradeisl den Veranstaltungsraum im Thoma-Haus.

 

Wenn „Hemd und Hose“ am Kirchturm flattern…

Wofür steht eine rot-weiße Fahne am Kirchturm? So eine im Volksmund kurz „Zachäus“ genannte „Zachäusfahne“, bezieht sich auf den Zöllner Zachäus, von dem im Lukasevangelium berichtet wird, dass er auf einen Baum gestiegen sei, um Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem besser sehen zu können (Lk 19, 1-10). Die Legende berichtet, dass Zachäus eine rote Hose und ein weisses Hemd getragen habe, die dabei zerrissen seien.

Am dritten Sonntag im Oktober wird im Evangelium von der Begegnung des Zachäus mit Jesus erzählt. An diesem Sonntag wird auch das allgemeine Kirchweihfest gefeiert, weshalb die rot-weiße Fahne für diesen Festtag steht. Bevor dieser verbindliche Termin für die Feier von Kirchweih festgelegt wurde, feierte man die Weihe der Ortskirchen ganz individuell. Man kann sich vorstellen, dass bei der großen Anzahl an Kirchen praktisch das ganze Jahr über irgendwo eine Kirchweih war. Und eine Kirchweih wurde nicht nur an einem Tag begangen – nein – man feierte meist ausgelassen gleich mehrere Tage. Das war schließlich der Obrigkeit ein Dorn im Auge, sodass nurmehr der dritte Sonntag im Oktober als Kirchweih-Feiertag festgelegt wurde.

Kirchweih war schon immer ein Dorf- und Familienfest. Es wurde üppig gegessen und getrunken, es gab Tanz und Unterhaltung und Märkte wurden abgehalten. Und heute? Gasthäuser, auch bei uns im Landkreis Dachau, bieten häufig das traditionelle Festtagsgericht mit Gans, Knödel und Blaukraut an. Im Bezirksmuseum kann man manchmal eine Kirtahutschn (ein langes Brett, das an Seilen aufgehängt wird) ausprobieren. In Bäckereien und Cafés werden Kirtanudeln angeboten. In Petershausen und Altomünster laden Kirchweihmärkte zum Bummeln und Einkaufen ein. An manchen Orten gibt es einen Kirchweihtanz. Und dann weht da noch der „Zachäus“ am Kirchturm – schauen sie doch mal nach oben…

 

Foto: Zachäusfahne in Thalhausen

Einen Kirchweihtanz bietet z.B. der Pfarrgemeinderat Großinzemoos am Vorabend von Kirchweih an. Zachäusfahnen habe ich bisher in Indersdorf und Thalhausen entdeckt. Wenn sie noch einen weiteren Ort im Landkreis Dachau wissen, dann ergänze ich gerne meine Liste.

 

 

Rücke vor bis zur Schlossallee!

So lautet eine der Botschaften auf einer Ereigniskarte bei „Monopoly“, der man immer gerne nachkommt. Nach dem Passieren dieser Straße wartet nämlich als Belohnung eine Auszahlung für die nächste Runde, die beim weiteren Kauf von Straßen und Immobilien äußerst nützlich sein kann.

Das 1904 erfundene Spiel wurde in Deutschland ab 1935 aufgelegt und erfreut sich bis heute größter Beliebtheit. Es gibt aber immer wieder auch Kritik, weil man Monopoly  (hergeleitet von Monopol) auch als Paradebeispiel für den Raubtierkapitalismus sehen kann, mit dem moralisch fragwürdigen Ziel, den Gegner in den Ruin zu treiben.

Als Heimatpflegerin finde ich das Spiel interessant, weil es auch ein Beispiel für die gängige  Wahl von Straßennamen darstellt. In der bis heute bekannten Version von 1953 gibt es die Benennung nach markanten Gebäuden, der Topografie, Städten oder klassischen Dichtern wie Goethe und Schiller – so wie es auch in Städten seit dem 19. Jahrhundert der Fall war.

Auf dem Land wurden Straßenbenennungen vermehrt erst nach dem 2. Weltkrieg eingeführt, als die Dörfer stetig wuchsen und die bisherige Hausnummerierung nicht mehr ausreichte. Neubausiedlungen erhielten dann oftmals thematisch zusammengehörende Bezeichnungen nach Blumen, Bäumen, Künstlern oder lokalen Persönlichkeiten.

In Haimhausen hat jetzt die dortige Heimatforschergruppe ein Buch mit Straßennamen zusammengestellt. Anläßlich des 1250-jährigen Gründungsjubiläums des Ortes machte sich das Autorenteam daran, die Geschichte hinter den Straßenbezeichnungen zu erforschen. Dabei entstand ein äußerst vergnügliches, gut lesbares Heimatbuch, bei dem man viel über die örtlichen Gegebenheiten und Personen erfährt. Besonders im Gedächtnis blieb mir die „Gräfin-Monts-Straße“: Gräfin Monts war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine der ersten Automobilbesitzerinnen im Landkreis Dachau. Und in der „Sonnenstraße“ wohnte der Maler Max Bergmann, der hier 1912 Besuch vom berühmten Künstler Marcel Duchamp erhielt, der als Erfinder des „Ready-mades“ gilt und seinem Freund auch ein solches schenkte.

Und dann ist da noch die „Alleestraße“ – wenn sie auf dieser Straße in den Ort fahren, kommen sie direkt zum Haimhauser Schloß. Geld erhalten sie dafür allerdings nicht. Dafür werden sie mit dem Blick auf ein barockes Juwel belohnt, das François Cuvilliés im 18. Jahrhundert entwarf.

Das Haimhauser Schloß ist heute eine internationale Schule und bei öffentlichen Veranstaltungen zugänglich. Das Straßenbuch ist über das Heimatmuseum Haimhausen erhältlich. Dass die Benennung von Straßen auch reichlich Konfliktstoff bieten kann, zeigt die Veröffentlichung des Deutschen Städtetages, der dazu eine Handreichung herausgegeben hat. Damit bezieht er auch Position zu Diskussionen um Benennungen von Straßen nach Persönlichkeiten, die heute kritisch hinterfragt werden.

FOTO: Birgitta Unger-Richter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was riecht bayerisch? – Frag den Heimatpfleger!

Diese Anregung machte der Landesverein für Heimatpflege, als die Frage nach dem Schutz eines „Sinneserbes“ im Landtag diskutiert wurde. Dabei ging es vor allem um ländliche Gerüche und Geräusche.

Hin und wieder hört man einen Ausruf, wie: „Hier riecht es aber nach Land!“ Damit ist meistens der durchdringende Geruch von frisch ausgebrachter Gülle auf den Feldern gemeint. Und der findet sich flächendeckend – nicht nur im Landkreis Dachau rund um den Ort mit dem sprechenden Namen „Odel-zhausen“. „Odelzhausen“ wurde aber nicht nach dem Geruch, sondern nach einem Otolt, der hier siedelte (Häuser des Otolt) benannt.

Einen durchdringenden Geruch nehmen Spaziergänger und Radler auch im Mai wahr, wenn sie entlang gelbleuchtender Rapsfelder unterwegs sind. Am Waldrand und in vielen Gärten verströmen der blühende Flieder und der Holunder hingegen einen wunderbaren Duft.

Beim Bulldogtreffen in Indersdorf riecht die Luft nach Diesel, wenn die alten landwirtschaftlichen Gerätschaften in Schwung gebracht werden. Die eine oder andere Oldtimerrallye durch den Landkreis hinterlässt Schwaden von nicht katalysiertem Benzindampf.

Der Sommer scheint mir hingegen vom Holzkohlegeruch der Grillfans geprägt zu sein, der oftmals an den Wochenenden in der Luft hängt. Der Herbst riecht oftmals nach feuchtem Laub, bevor der Winter einen schnell ins Innere flüchten lässt – aber die zahlreichen Weihnachtsmärkte locken mit Glühpunsch-, Lebkuchen- und Bratwürstlduft. Ländliche Gerüche sind vielseitig….

Ob das aber alles als „Sinneserbe“ geschützt und gar als „bayerisch“ definiert werden sollte – da gehen die Meinungen sicherlich weit auseinander. Bewahren sollten wir uns allerdings unsere Rücksichtnahme und Toleranz (von allen Seiten) ; damit würden sich viele Konflikte und auch neue Gesetze erübrigen – meint die Heimatpflegerin aus dem Landkreis Dachau, wenn sie gefragt wird.

 

Und zum Thema „Geräusche“ gibt es sicher noch einen eigenen Beitrag… 

FOTO: Ein auf eine Kachel gemalter blauer Hund auf weißem Grund schnuppert in einem großen umgestürzten Topf. Entdeckt wurde er allerdings nicht in Bayern, sondern in Ham House, Großbritannien.

 

Ein Kamel, ein erwartungsvoller Hochzeiter und ein prämiertes Wirtshaus

Das sind drei meiner Highlights aus dem druckfrischen neuen Heimatbuch der Gemeinde Erdweg. Zu ihrem 50. „Geburtstag“ schenkt sich die Großgemeinde eine Chronik: 1972 entstand im Rahmen der Gebietsreform aus mehreren selbstständigen Altgemeinden eine Verwaltungsgemeinschaft mit Hauptsitz in Erdweg. Darüber wird in diesem Buch auch berichtet – neben vielem anderen.

40 Autoren und 57 Vereine haben dazu beigetragen: ehrenamtliche Heimatforscher, Ortskundige, Neubürger, regionale und überregionale Wissenschaftler, Vereinsvorstände, Vereinsmitglieder, Hobbyfotografen, Sammler und Heimatinteressierte. So bunt wie das Autorenteam, so sind auch die Beiträge, die ein breites Spektrum an Wissen mit vielen Bildern anschaulich vermitteln. Klassische Heimatforschung, Archivrecherchen und mündliche Überlieferungen sind hier bestens vereint.

Und um was geht es bei dem Kamel, dem erwartungsvollen Hochzeiter und dem prämierten Wirtshaus?

Das Wirtshaus am Erdweg ist das älteste Gasthaus im Landkreis Dachau, das an einer ehemaligen Römerstraße liegt und schon immer eine Versorgungsstation am Flussübergang der Glonn war. Es ist das Erkennungszeichen der Gemeinde Erdweg in deren Ortsmittelpunkt – ein markantes Baudenkmal und gleichzeitig Zeichen des bürgerschaftlichen Engagements, das glücklicherweise zu seinem Erhalt geführt hat. 2016 erhielten die IG Wirtshaus und die Gemeinde Erdweg deshalb die Bayrische Denkmalschutzmedaille.

Der erwartungsvolle Hochzeiter ist eine Geschichte aus dem Ortsteil Welshofen um 1900, als ein Bräutigam vor lauter Vorfreude auf seine Künftige auf den Kirchturm stieg, um ihre Ankunft im Dorf frühzeitig zu sehen.

Und das Kamel? Ja, das ist eine Erinnerung des Dachauer Malers und Schriftstellers Carl Olof Petersen, der mit seiner Jagdgesellschaft eines Tages auf ein Kamel im Wald nahe dem Petersberg stieß. Wie es dazu kam? Das möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten.

Wer diese und andere Geschichten nachlesen möchte: bis zum 2. Juli bietet die Gemeinde das Buch zum Vorzugspreis von 50.- € im Rathaus in Erdweg an. Über die Gebietsreform informiert auch die aktuelle Sonderausstellung im Bezirksmuseum in Dachau „LebensRaumOrdnung“.

FOTO: Detail bearbeitet aus C.O.Petersen: Mein Lebenslexikon, München 1934.  

Chicken crossing

In Unterweikertshofen findet sich dieses einzigartige Schild: Vorsicht – hier queren Hühner die Straße!

Ich liebe dieses Schild, das immer für Schmunzeln und gute Laune bei allen sorgt, die es bemerken. Und es passt jetzt auch so gut in die österliche Zeit: schließlich gelten Hühner als Lieferanten der Eier, die für Ostern gekocht und gefärbt werden. Wobei dies nicht immer so gesehen wurde.

Da Hennen nur weiße oder braune Eier legen, wählte man zeitweise als Erklärung für die bunten Ostereier den Märzhasen. Der Chronist für Bräuche im 17. Jahrhundert, Doktor Georg Frank schrieb dazu 1682: „Man macht einfältigen Leuten und kleinen Kindern weis, diese Eier brüte der Osterhase aus und verstecke sie im Garten“. Schließlich würde er auf dem Feld, bevor er loshopple, eine Weile innehalten – dieser Moment sei der des Eierlegens. In manchen Gegenden Deutschlands war laut Volksglaube auch der Storch, Fuchs, Kuckuck oder Kiebitz unterwegs, um die Eier zu bringen. Letztendlich siegte aber der Hase, für dessen Popularität zahlreiche Grußkarten um 1900 und dann die  populäre „Häschenschule“, ein Bilderbuch von 1924, sorgten.

Im Dachauer Land hielt sich jedoch lange die Ansicht, dass der Gockel die Eier bringen würde. Kinder bastelten hier ein Nest, das ihn anlocken sollte. So ist aus Pellheim überliefert, dass ein Gockelnest aus im Boden gesteckten Weidenzweigen gebaut wurde, die oben zusammengebunden wurden. Zwei Seiten waren mit Fichtenreisig abgedeckt und die dritte Seite als Eingang offen gelassen. Der Boden wurde mit Moos bedeckt.

In Erdweg ließ sich der Gockel partout nicht in das vorbereite Nest locken, wie sich ein Zeitzeuge erinnerte – dennoch hätten die Kinder am folgenden Tag bunte Eier im Nest gefunden. In Wollomoos wurde sichtlich etwas nachgeholfen: „Der Gockel entledigt sich seiner Aufgabe sehr gerne, wird er doch von den Kindern schon längere Zeit vorher mit Eierschalen und Brot gefütter “, hielt der Ortspfarrer fest.

Inzwischen wurde in unserer Region der Gockel auch vom Osterhasen abgelöst – zumindest als Eierbote. Gelegt werden die Eier immer noch von den Hühnern – denn die haben ja schließlich Vorrang – zumindest in Unterweikertshofen.

 

FOTO: Schild in Unterweikertshofen, Richtung Langengern. Birgitta Unger-Richter.

 

Zu Osterbräuchen, nicht nur im Dachauer Land, gibt der Ausstellungskatalog des Bezirksmuseums in Dachau „Allerlei ums Osterei“ von 1996 Auskunft (hier auch das Zitat von Sebastian Frank). Im Mai 2022 erscheint die Chronik Erdweg mit einem Beitrag zu örtlichen Bräuchen von Annegret Braun. Dort wird auch der unwillige Gockel erwähnt. Zu Pfarrer Neureuthers Aufzeichnungen über den Gockel in Wollomoos  s. Chronik Altomünster. Hg. Wilhelm Liebhart für den Museumsverein Altomünster, Altomünster 1999, S. 537.

 

 

 

 

 

Auf der Alm daheim

Neulich schrieb mir Herr A. aus Nordhessen: als passionierter Schallplattensammler habe er eine Single aus den 70er Jahren erworben und wolle mehr über seinen Fund „Das Oaduttate Mensch“ vom Gesangsduo Kerscher – Spilk, wahrscheinlich aus Dachau, wissen. Er finde das Lied sehr merkwürdig und fragte, ob das mit dem ihm schwer verständlichen Dialekt zusammenhängen könne? Ich antwortete ihm, dass ich das nicht glaube. Vielmehr handelt es sich um ein mehr als seltsames Lied, das Frauen abschätzig als „das Mensch“ bezeichnet und dabei den abwertenden Begriff „Dutten“ für weibliche Brüste verwendet. Die „Oaduttate“ ist folglich eine Frau mit einer Brust. Und auf diese stößt im Lied der Lenz beim Fensterln auf der Alm und wundert sich…

Oh je! Da wären wir mal wieder beim scheinbar unausrottbaren Klischee Alm! Der Salzburger Brauchtumsforscher Karl Zinnburg stellte dazu sehr treffend fest, dass „über das Almleben … die Städter vielfach recht romantische Vorstellungen“ hätten und „Schnulzenfilme und Heimatromane … diese Auffassung nur bekräftigt“ hätten.

Das „wahre“ Leben auf der Alm schilderte 2012 die in Tandern geborene Drehbuchautorin Karin Michalke in ihrem Buch „Auch unter Kühen gibt es Zicken“. Ihr Beispiel zeigte, dass auch im 21. Jahrhundert wenig Freizeit, dafür viel körperliche Arbeit und Entbehrungen zum Almleben gehören. Dennoch gab und gibt es viele Sennerinnen, die das Leben in den Bergen nicht missen möchten, weil es ihnen eine gewisse Freiheit gab und gibt. Früher entzog es die Frauen der sozialen Kontrolle einer engen und reglementierten Dorfwelt, heute bietet es Distanz zum hektischen von Ökonomie geprägten Leben und Naturnähe. Diese Freiheit war natürlich auch immer Objekt für Spekulationen über die Freizügigkeit auf der Alm – viele Liedtexte thematisieren dies. Eine Sennerin erzählte dazu, dass man ihr angedichtet habe, dass sie jede Nacht Männerbesuch auf der Alm erhalten habe. Diese Verleumdung habe sie sehr verletzt.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Text des von Herrn A. angefragten Liedes umso fragwürdiger.

Schließen möchte ich deshalb mit einem anderen Blick auf die Alm, der von der Sennerin Anni Reiter stammt: „Ich war mit Leib und Seele auf der Alm. Und wenn du das einmal so lange machst, kannst du es nicht mehr lassen. Dann ist es einem einfach seine Heimat, da oben.“

 

FOTO: Tafel vom Altomünsterer Kunstweg 2020/21 im Altowald.

Mein heutiger Dank gilt meinem Fragesteller aus Hessen, der mich auf die singenden Schwestern aus Dachau aufmerksam machte und mich so zu diesem Blogbeitrag inspirierte. Er wies mich auch auf Youtube hin, wo das Lied zu hören ist.

Informationen zum Thema: Karl Zinnburg (1924-1994) wurde zitiert in Helga Maria Wolf: Verschwundene Bräuche, Wien 2015. Die Drehbuchautorin Karin Michalke (bekannt für die Vorlagen zu den Rosenmüller-Filmen „Beste Gegend“, „Beste Zeit“) schrieb ihre Erfahrungen zweier Almsommer in „Auch unter Kühen gibt es Zicken“ 2012 nieder. Porträts von Sennerinnen hat Annegret Braun in „Frauen auf dem Lande“, München 2010 auf S. 42-46 zusammengefasst. Dort auch das Zitat von Anni Reiter.

Basst!

Sicherlich sind sie ihnen auch schon aufgefallen, die leuchtenden elektronischen Tafeln, die vermehrt an Ortseingängen und vor 30er-Zonen stehen. Sie zeigen die gefahrene Geschwindigkeit an, häufig mit einem lachenden Smiley in grün oder einem mit heruntergezogenen Mundwinkeln in rot. Damit verdeutlichen sie, dass man mit dem „richtigen“ Tempo unterwegs ist oder etwas verlangsamen sollte. Manchmal animieren sie auch schon weit vor dem Ort zum Herunterbremsen, um einen dann mit dem Symbol des hochgestreckten Daumens bei der zweiten Tafel  zu belohnen.

Inzwischen interessieren mich bei diesen Tafeln vor allem die Texte, die an einigen Orten zu finden sind:  „Danke“,  „Gute Fahrt“ gehören dazu oder „Guten Morgen“. Und bei all diesen ist mein persönlicher Favorit die Anzeigetafel am Ortseingang von Dachau, nach der Einmündung zum Krankenhaus. Dort erhielt ich bisher die kreativsten Botschaften. Zur Volksfestzeit rief sie zur Teilnahme auf mit „Auf geht’s“, während der Pandemie wünschte sie „Bleiben sie gesund“.  Neulich träumte ich in Gedanken versunken,  dass künftige Anzeigen persönliche Botschaften senden würden wie „Guten Morgen liebe Birgitta, gut geschlafen? Ich wünsche dir einen schönen Tag!“  Eine ähnliche Idee  hatte übrigens der Regisseur Mick Jackson in seinem Hollywoodfilm „L.A. Story“ von 1991. Ohne zuviel vorneweg zu verraten – dort spielte eine Anzeigetafel eine wichtige Rolle, weil sie einem Meteorologen, gespielt von Steve Martin,  zum Happy End in einer Liebesbeziehung verhalf.

Aber bis unsere Tafeln solche Botschaften senden, freue ich mich über weitere kreative Kurzbotschaften, so wie neulich in Oberroth: „Basst!“

 

Foto: Anzeigetafel in Dachau, Ortseingang von Günding kommend.

Übrigens ist im Februar Valentinstag – wäre das eine Idee für die Texter der Anzeigetafeln?

Schwein gehabt

Mit dem 21. Dezember, dem sogenannten „Thomastag“ wurden und werden nicht nur allerlei Orakelbräuche verbunden. Früher traf man an diesem Tag vor allem die Vorbereitungen für das Festmahl an Weihnachten. So wurde Früchtebrot gebacken und ein Schwein geschlachtet. Der Schlachttag auf dem Land war ein Ereignis, an dem auch die Kinder teilnahmen. „Dem aber, der sich aus Ekel oder Furcht vor dem blutigen Geschäft in der warmen Stube verkroch, dem konnte es passieren, dass ihm auf einmal ein blutiger Haxn durch die Tür entgegengestreckt wurde. Das war dann halt der bluadige Thamerl, der mit seinem blutbesudelten Hammer … einen vorübergehenden Schrecken einjagte“ (Gerald Huber). Die Nacht zum 22. Dezember galt als die erste der sogenannten „Raunächte“, in der auch die Perchten ihr Unwesen trieben.

Am 24. Dezember war dann der Spuk vorbei. Man feierte den christlichen Festtag der Geburt Christi. Nach der adventlichen Fastenzeit ohne Fleischgenuss  gab es ein üppiges Mahl: dann kamen nach der Christmette die frischen Blut- und Leberwürste als „Mettenwürste“ auf den Tisch und am 25. Dezember gab es im ländlichen Raum für Bauern und Gesinde Schweinebraten. Bis 1900 kam an Weihnachten nur Schweinefleisch auf den Tisch – erst dann bürgerte sich das Essen einer Weihnachtsgans ein.

Heutzutage geht der Trend auch zum fleischlosen Festtagsmahl. Das Schwein ist eher aus Schokolade oder Marzipan und soll zu Neujahr Glück bringen. So kann die eine oder andere leibhaftige Sau im Stall aufatmen: Schwein gehabt…

 

Foto: eine der Lichtinstallationen der Lightning Karschalls beim Poetischen Herbst 2021 in Bergkirchen, Hoftheater.

Zu Weihnachten und den dazu gehörenden Bräuchen informiert ausführlich Gerald Huber: 1200 Jahre Weihnachten. Ursprünge eines Festes, München (Volk Verlag) 2019. Das obige Zitat findet sich dort auf S. 170. Weiterhin Münchner Bildungswerk (Hg): Klaubauf, Klöpfeln, Kletzenbrot: Der Münchner Adventskalender, München 20163.