Kategorie: Allgemein

Hollywood am Petersberg

Knapp hundert Jahre nach der Aufstellung der legendären Buchstaben HOLLYWOOD am 13. Juli 1923 auf den kalifornischen Santa Monica Hills, wurde auch im Landkreis Dachau ein Schriftzug auf einem Berg platziert. Auf dem Saint Peter Hill, besser bekannt als „Petersberg“, prangt seit einigen Wochen ein Schild: „EISENHOFEN 2024“. Das hätten sich die Mönche, die Anfang des 12. Jahrhunderts dort ein Kloster unterhielten, sicherlich noch nicht vorstellen können. Aber selbst in Hollywood hat man schließlich 1984 beim Papstbesuch Johannes Paul II kurzfristig einen Buchstaben entfernt, um in „Holywood“ das kirchliche Oberhaupt zu begrüßen.

Und in Eisenhofen? Auf dem Petersberg? Das Schild hat weniger sakrale als vielmehr weltliche Ursachen: 2024 ist das Festjahr für den Ortsteil Eisenhofen in der Großgemeinde Erdweg. Gerade erst hat der Burschen- und Madlverein eine Fahnenweihe mit einem dreitägigen Fest gefeiert, schon steht der Krieger- und Soldatenverein in den Startlöchern für die Feier seines Jubiläums im Juli.

Der Ort mit seinen um die 1.000 Einwohnern hat ein reges Vereinsleben, zu dem neben den genannten weiterhin die Freiwillige Feuerwehr, ein Obst- und Gartenbauverein, die Jagdgenossenschaft, Brauchtum Maibaum, Heimatgeschichte Eisenhofen, die Böllerschützen und die Bergfreunde beitragen. Und heuer gibt es gleich zwei Anlässe für Feste: Eisenhofen feiert 2024!

Aus diesem Grund wurden die großen Buchstaben auf den Berg gestellt. Und vielleicht weisen sie ja nicht nur auf die aktuellen Feierlichkeiten hin, sondern auch in die Zukunft. Jedes Jahr führt die Theatergruppe Eisenhofen im Tagungshaus unterhalb des Petersbergs ein Theaterstück auf. Wer weiß, vielleicht führt auch der Weg einer der Schauspielerinnen und Schauspieler einmal vom Petersberg nach Hollywood…

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter

Liebe Leser, falls sie sich, angeregt durch den Beitrag, auf die Suche nach EISENHOFEN 2024 machen: leider ist das Schild inzwischen auch Geschichte. Es wurde abgebaut, damit das Feld weiter landwirtschaftlich genutzt werden kann. 

Per Express am Vatertag

Christi Himmelfahrt – nein Vatertag! Der christliche Feiertag, ein Hochfest in der katholischen Kirche, ist heutzutage vor allem als Festtag der Väter bekannt und wird entsprechend gefeiert. Warum diese beiden Ereignisse zusammenfallen, ist nicht geklärt. Vielleicht, weil der Termin zeitnah zum Muttertag am zweiten Sonntag im Mai liegt?

1910 organisierte die Amerikanerin Sonora Louisa Dodd den ersten Vatertag als Anerkennung für die Leistung ihres Vaters William Smart, der im Sezessionskrieg (1861-1865) gekämpft hatte. Nach dem Tod seiner Frau hatte er sich allein um die sechs gemeinsamen Kinder gekümmert. Seine Tochter rief dazu auf, diesen Tag mit Gottesdiensten, Geschenken und gut zubereiteten Speisen zu begehen, wie die Brauchexperten von Brauchwiki berichten. Fortan wurde er in den Vereinigten Staaten im Juni gefeiert. In Deutschland wurde der Vatertag ab 1931 durch einen Herrenausstatter eingeführt: er warb mit dem Slogan und der Aufforderung „Schenkt Krawatten!“ zum Vatertag.

Übrigens feiern an diesem Tag nicht nur Väter. Männer jeglichen Alters nutzen den meist warmen und sonnigen Maitag für einen Ausflug mit dem Rad oder zu Fuß, meist gut versorgt mit Getränken, die auch manchmal im Anhänger oder Bollerwagen mitgeführt werden.

Im Landkreis Dachau fährt an diesem Tag der „Glonntal-Express“, und das seit nunmehr über 55 Jahren! Der von einer verdeckten Gärtnerfräse bewegte Wagen besteht aus einem „Tankwagen“ und einem „Schlaffwagen“ und war ursprünglich für den Dachauer Kinder-Volksfestzug 1968 gebaut worden. Mit diesem Züglein fahren die Mitglieder des Vereins „Freunde des Vatertags“ an ihrem Festtag durch den Landkreis Dachau und lassen es sich gut gehen. Und wenn der Minizug eine große Steigung zu bewältigen hat, dann steigen die Väter auch mal aus, um die Fräse zu entlasten. Es geht gemächlich und entschleunigt durchs Land. Der „Express“ ist kein Schnellzug, sondern vielmehr ein liebevoll blumen- und fähnchengeschmückter Bummelzug.

 

FOTOS: Vielleicht fährt der „Express“ ja auch bei ihnen vorbei – mein Mann konnte ihn im letzten Jahr in Kleinberghofen sehen und fotografieren.

(K)ein Busserl für den Herrn

Hl. Gräber erleben eine Renaissance! Bereits im letzten Jahr konstatierte der Brauch-Referent beim Landesverein für Heimatpflege, Michael Ritter, dass „die Kulissen für diese Inszenierungen ( …) vielerorts auf Dachböden entdeckt, entstaubt und wieder aktiviert“ würden. Auch im Landkreis Dachau kann man während der Kartage vielerorts in katholischen Kirchen wieder Hl. Gräber aufsuchen.

Am Karfreitag beginnt nach dem Beten des Kreuzweges und der Station „Der hl. Leichnam Christi wird in das Grab gelegt“ die Grabesruhe Christi. Bis zur Säkularisation 1803 wurde in vielen bayerischen Klöstern die Grablegung in einer feierlichen Prozession nachvollzogen. Heute verweisen die erhaltenen Gräber auf dieses szenische Nachvollziehen des Evangeliums.

Als Schulbub durfte der ehemalige Lehrer und Landtagsabgeordnete Blasius Thätter beim Aufbau des Hl. Grabes in seinem Heimatort Großberghofen mithelfen, wie er in seinen 2009 veröffentlichten Erinnerungen „Das Milchholen“ festhielt. Bereits am Morgen des Gründonnerstags wurde der Kirchenraum abgedunkelt, die Altäre verhüllt und das Grab aufgestellt. Die vom Mesner vorgefertigten Tafeln aus Holz wurden in die Kirchenfensteröffnungen gehängt. Die Ritzen verstopften die Buben mit Moos, damit kein Licht mehr in die Kirche fiel. Die Glaskugeln für die Beleuchtung waren mit gefärbtem Wasser gefüllt, das durch Ostereierfarben seine Farbe erhielt. Für den Aufbau hatten „andere Buben … zusammen mit dem Mesner im Altarraum ein zwei Meter hohes Holzgestell mit einer Plattform aufgebaut. Eine schmale Treppe führte hinauf. Links und rechts vom Gestell fügten sie gerade hohe Stellwände ein, die mit Leinwand bespannt waren. Auf deren Fläche waren die Marmorwände, waren die Palmbäume aufgemalt. (…) Nun wurde vorn in der Mitte das heilige Grab dazu gestellt, das aus Holz gefertigt und ebenfalls marmoriert war…“. Bis das Grab mit Verdunkelung aufgebaut war, erinnert sich Blasius Thätter, sei ein ganzer Tag vergangen.

Bereits als kleiner Bub war er vom Hl. Grab beeindruckt: „Die Kirche war völlig abgedunkelt gewesen. Nur im Altarraum strahlten viele Lichter in verschiedenen Farben. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit und ich erkannte, dass vorne ein steinernes Grabgewölbe aufgebaut war, welches den ganzen Altarraum ausfüllte und von den bunten Lichtern umrahmt war…“. Er erzählt weiter, dass der schmerzhafte Rosenkranz gebetet wurde und er am Ende des Kirchenbesuchs aufgefordert wurde, es wie die Mutter zu machen und die Wunden des Gekreuzigten an Händen, Füßen und am Herzen des Heilands zu küssen: „Komm Bub, knie dich hin, tu den Himmelvater schmatzen! Mach es so wie ich.“. Dieser Brauch ist noch als „Himmelvaterschmatzn“ in Petershausen und als „Herrrgott-Abbusseln“ in Röhrmoos bekannt. Heute wird er meines Wissens nicht mehr ausgeübt – kein Busserl für den Herrn!

 

FOTO: Birgitta Unger-Richter, Das Hl. Grab im Museum in Großberghofen.

Wer Hl. Gräber aufsuchen möchte: im Großberghofener Hutter-Museum ist am Karfreitag geöffnet. Dort befindet sich das dauerhaft installierte Hl. Grab des Ortes. In Langenpettenbach ist es im rechten Seitenschiff aufgebaut, in Hirtlbach und in den Klosterkirche Markt Indersdorf gibt es ebenfalls Hl. Gräber. Weitere Aufstellungen werden in der Tagespresse veröffentlicht. Hintergrundinformationen bietet u.a. ein Beitrag von Fabian Brand über die Tradition der Heiligen Gräber.

 

 

 

Miteinander Leben – Unser Podcast

Heimatpflege zum Hören! Als mich mein Kollege Julius, Integrationsbeauftragter im Landkreis Dachau fragte, ob ich Lust hätte, mit ihm einen Podcast zum Thema Heimatfinden und Heimatgestalten aufzunehmen, war ich begeistert: schließlich möchte ich in der Heimatpflege auch immer wieder neue Wege beschreiten, inhaltlich und medial.

Mit dem Medienzentrum in der Steinstrasse war schnell das perfekte Tonstudio gefunden, wo uns Tobias Lind bestens betreute. Nachdem die rechtlichen Eckpunkte und bürokratischen Hürden gemeistert waren, legten wir los und stürzten uns ins Podcast-Abenteuer.

Wir lernten interessante Menschen kennen, erfuhren berührende Geschichten und hatten sehr viel zu lachen! Mit Niels reisten wir in das Berlin der Jahrhundertwende, wo sich seine dänischen Vorfahren angesiedelt hatten. Wir erfuhren von Dardan, welcher Zufall Pate gestanden hatte, dass er im Land seiner Kindheit nicht italienisch, sondern deutsch gelernt hatte und Rita erzählte uns über unkomplizierte Fahrstunden und Gastfreundschaft in Ungarn. Nuala wiederum berichtete uns von ihren Anfängen in Deutschland, wo sie in Niederbayern leider erleben musste, dass das in Schottland gelernte Deutsch hier nicht gesprochen wurde. Evi sprach über ihre Erlebnisse als Brückenbauerin zwischen Dachauer Trachtlern und internationalen Tanzgruppen. Und das sind nur ein paar Schlaglichter auf unsere bisherigen Gespräche.

Wir haben vor, weiterhin spannende Gesprächspartner einzuladen und freuen uns schon sehr darauf. Dabei ist es uns ein Anliegen deutlich zu machen, dass unsere Heimat allen offensteht, die in ihr leben und sie gestalten wollen. Wir wollen zeigen, wie bunt unser Landkreis dadurch schon geworden ist und wie uns diese Vielfalt bereichert. Deshalb heißt unser Podcast „Miteinander Leben“ – was mehr als nur ein Titel sein soll.

 

Foto: Logo Julius Fogelstaller, Landkreis Dachau

Die Folgen unseres Podcasts finden sie auf Spotify, Apple und auf der Webseite des Landkreises Dachau. Ein herzliches Dankeschön geht an alle, die uns im Vorfeld beraten und unterstützt haben: Tobias Lind, Stefanie Feicht, Sina Török, Dardan Kolic, Dr. Bernadetta Czech-Sailer und alle Gäste, die spontan zugesagt haben. Besonders danken möchte ich meinem Kollegen Julius, der sich in die Technik rund um den Podcast eingearbeitet hat und das Logo mit Musik entwickelt hat. Und von unserer ersten Probeaufnahme gibt es hier schon einmal einen kurzen Einblick in das „Making of“:

 

 

 

 

 

„Sie hupen – wir trinken“ …

… stand auf einem Schild am Straßenrand, das ich bereits zweimal im Landkreis Dachau sah. So ließ sich ein Geburtstagskind von den vorüberfahrenden Autofahrern feiern, indem es bei jedem Hupton mit seinen Mitfeiernden anstieß.

Ein neuer Brauch? Ich bin mir nicht sicher, ob das auch weiter verbreitet ist und als „Brauch“ bezeichnet werden kann. Bräuche nennen wir ja immer wiederkehrende Ereignisse, die zu bestimmten Gelegenheiten immer gleich begangen werden – also keine einmaligen oder seltenen Ereignisse.

Ein Brauch im Dachauer Land ist aber auf jeden Fall das Aufstellen von Bäumen anläßlich eines runden Geburtstages. Diese ähneln den Bäumen, die andere freudige Ereignisse begleiten: der Maibaum stimmt auf den Frühling ein, der Hochzeitsbaum auf die traute Zweisamkeit, der Geburtsbaum feiert einen neuen Erdenbürger. Immer handelt es sich um einen geschälten Baumstamm, oftmals weiß-blau bemalt mit begleitenden Schildern. Den Maibaum ziert häufig ein Kranz, den Hochzeitsbaum manchmal ein Brautpaar oder Herz und auf die Geburt eines Kindes macht gerne ein Storch aufmerksam.

Bei den Geburtstagsbäumen hingegen, bildet das aus dem Straßenverkehr bekannte rot umrandete runde Schild mit der Geburtstagszahl den oberen Abschluss. An sich ist dies eher ein Verbotsschild, das mit einer Zahl die Höchstgeschwindigkeit anzeigt. Woher wohl dazu die Idee kam? Ich habe bisher keine Antwort darauf.

Auf den Schildern darunter sind Hinweise auf Hobbies und Vorlieben des Geburtstagskindes angebracht wie das Lieblingsessen oder (Fußball-)Vereine. Auf dem abschließenden unteren Schild eines Baumes wird alles Gute gewünscht und häufig zu einem Umtrunk mit Essen ein Jahr nach dem Geburtstag aufgefordert – wenn der Baum wieder abgebaut wird. So wird bei diesem Brauch gegessen und getrunken – ohne dass man durch Hupen aufgefordert wird.

FOTO: Unger-Richter, Baum in Eisenhofen

Haben sie eine Idee, woher das runde Verbotsschild kommen könnte? Ich freue mich über ihre Kommentare und Anregungen! 

 

Raunächte

„Ist das ihre Wäsche auf dem Speicher?“ fragte mich besorgt meine Nachbarin kurz vor Weihnachten, als wir noch in einem Mehrfamilienhaus in Dachau wohnten, denn es bringe Unglück zwischen den Jahren Wäsche aufzuhängen. Etwas verwundert brachte ich die nasse Wäsche rechtzeitig in die Wohnung zum Trocknen, ohne mir weitere Gedanken zu machen.

Heute weiß ich, dass die zwölf Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar als „Raunächte“ gelten, in denen von altersher angenommen wurde, dass Dämonen und böse Gestalten ihr Unwesen treiben. Man fürchtete sich davor, dass sie Kinder, Frauen und Mädchen belästigten oder herumliegende Gegenstände verschleppten. Es wurde sogar geglaubt, dass „Totenheere“ oder die „wilde Jagd“ durch die Lande ziehen und Unheil verbreiten würden.

Und wie konnte man sich dagegen schützen? Frauen und Kinder sollten nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr nach draußen gehen. Der Haushalt sollte aufgeräumt sein und die Wäsche nicht auf der Leine hängen, Hausarbeit und auch Handarbeiten wie Stricken und Sticken sollten unterlassen werden, denn Unordnung und auch Arbeitstätigkeiten würden von den Dämonen bestraft werden.

Weiterhin war das Räuchern, woher wahrscheinlich auch der Name der „Raunächte“ kommt, ein probates Mittel, um alles Schlechte aus den häuslichen Räumen zu vertreiben. Dazu wurde auf eine Räucherpfanne oder Schaufel Glut gelegt und darauf Weihrauch, geweihte Kräuter oder Teile des Kräuterbuschens von Maria Himmelfahrt gegeben. Damit ging man vom Keller bis zum Speicher. Auf Bauernhöfen wurden auch die Ställe und die Scheune geräuchert. Meist versprengte man zusätzlich Weihwasser und sagte dazu Gebete und Segenssprüche auf.

Auch heutzutage möchte man alles aufgeräumt, eingekauft und hergerichtet haben. Räuchern scheint inzwischen auch wieder Brauch zu werden, wie zahlreiche Alltagsratgeber zeigen. Ob auch das Wäscheabhängen dazu gehört,  weiß ich nicht. Ich mache das jedoch immer noch automatisch vor Weihnachten und denke dabei jedes Jahr an unsere Nachbarin.

 

Foto: Wir haben heuer auch im eigenen Haushalt geräuchert!

Eine Sage aus der Zeit der Raunächte hat sich aus Hirtlbach erhalten: dort wurden Kirchgänger vom Teufel in Versuchung geführt. Wer Lust hat, kann sich die Geschichte von Jörg Baesecke von der Kleinsten Bühne der Welt erzählen lassen. Wer lieber selber liest, kann zum zweiten Band der Altbairischen Sagen, gesammelt von Alois Angerpointner, Dachau 1980, S. 43f. greifen.

 

Zu den Raunächten oder „Rauhnächten“  findet man weiterhin Wissenswertes bei: Alois Angerpointner: Vom Prehentag, der Perchtennacht und der Pefana. Alte Namen für das Fest der Heiligen-Drei-Könige. In:  Amperland Jg.2, 1966, S.02-03. Manfred Becker-Hubert: Feier, Feste, Jahreszeiten. Lebendige Bräuche im ganzen Jahr, Freiburg/Basel/Wien 2001, S.153-54.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thanks to Thanksgiving

Ein extra großes Dankeschön werden sicherlich die Truthähne sagen, die vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika am Vorabend von Thanksgiving begnadigt werden, also nicht in der Küche des Weißen Hauses landen. Das Verspeisen dieses Geflügels ist nämlich fester Bestandteil der Feierlichkeiten am vierten Donnerstag des Novembers.

Dieser amerikanische Feiertag steht ganz im Zeichen der Dankbarkeit gegenüber der Familie, den Freunden, den Bekannten und Arbeitskollegen. Der Dank gilt aber auch, ähnlich wie beim europäischen Erntedankfest der Natur und der Umwelt, die einen mit vielen Gaben beschenkt. Diese werden dann gerne in reicher Menge aufgetischt und verspeist. Zum Truthahn werden Kartoffelpüree, Kürbiskuchen, Gemüse und Cranberry-Sauce gereicht. Auf einer Webseite las ich, dass Amerikaner pro Kopf an diesem Tag bis zu 4.500 Kalorien zu sich nehmen! Die könne man ja, so der Autor der Informationsseite über das Fest augenzwinkernd, am nächsten Tag beim Durchlaufen der Geschäfte auf der Jagd nach Sonderangeboten wieder abtrainieren: schließlich sei am Freitag nach Thanksgiving „Black Friday“.

Aber zurück zu Thanksgiving, dessen Ursprung wahrscheinlich mit der Besiedelung des amerikanischen Kontinents zusammenhängt. Laut einer Quelle hätten die Pilgerväter 1621 gemeinsam mit dem Stamm der Wampanoag Erntedank gefeiert, um sich für deren Hilfe nach ihrer Ankunft in Amerika zu bedanken. Eine andere Quelle besagt, dass sich spanische Kolonialisten für erhaltene Lebensmittel mit einem Fest beim Volk der Caddo bedankt hätten. Diese kolonialen Wurzeln sind heute teils vergessen, teils in den Hintergrund gerückt. Heute wird das Fest unabhängig von Herkunft und Konfession gefeiert – ein Brauch, der zusammenführt und nicht ausgrenzt.

In unserer bairischen Familie wurde der Brauch durch unsere amerikanische Schwiegertochter eingeführt. Bei uns muss es auch nicht immer einen ganzen Truthahn geben, was die beiden von Joe Biden begnadigten Tiere sicherlich gut finden. Wichtig ist das gemeinsame Essen und Zusammensein und die Dankbarkeit dafür: Thanks to Sophie for Thanksgiving!

 

Foto: Birgitta Unger-Richter, Werbung für Geflügel in der Burgund, Frankreich.

Dieser Beitrag ist Sophie gewidmet: durch sie haben wir neue Bräuche kennengelernt, die unser Leben bereichern.

Der große Kürbis

Zu diesem Blogbeitrag inspirierte mich mein Gemüsegarten: hier wuchs heuer ein (!) Hokkaido-Kürbis. Er ist klein und kompakt, schön orangefarben und ließ mich, wie Linus van Pelt von den Peanuts, von einem großen Kürbis träumen. Nicht dass ich, wie er im Zeichentrickfilm „Der große Kürbis“, mir eine Phantasiegestalt vorgestellt hätte, die mir Geschenke an Halloween bringt. Nein, vielmehr hätte der Kürbis ruhig ein bisschen größer ausfallen können, um zumindest eine Suppe zu ergeben.

Aber meine kümmerliche Ernte brachte mich zumindest auf die Idee, über die Verknüpfung von Kürbissen und Halloween nachzulesen.

Darüber geben verschiedene Quellen recht gut Auskunft: der Kürbis erinnere an einen Betrüger und Trinker mit Namen Jack O. aus Irland. Als er starb hätten, laut Sage, weder der Himmel noch die Hölle ihn haben wollen, da er sogar den Teufel ausgetrickst habe. Allerdings habe der Fürst der Finsternis Mitleid mit ihm gehabt und ihm ein Stück glühende Kohle in einer Rübe mitgegeben, damit er auf seinem einsamen Weg zwischen den Welten ein Licht habe. In Amerika wurde aus der Rübe dann ein Kürbis, der in Erinnerung an den Gauner Jack O´Lantern (Jack mit der Laterne) genannt wurde und häufig gruselige Gesichter eingeschnitten bekam. Sie leuchteten furchteinflößend und sollten auf Geister abschreckend wirken.

Heutzutage zieren solche Kürbisköpfe auch bei uns die Hauseingänge am Abend des 30. Oktober. Obwohl das Gedenken an die Heiligen am 1. November vielerorts mit liturgischen Feiern begangen wird, ist das Fest an dessen Vorabend, „All Hallows Evening“ (d.h. die Nacht vor allen Heiligen) inzwischen populärer. Besonders Familien und Kinder feiern es gerne. Sie verkleiden sich und ziehen von Haus zu Haus, um mit dem Spruch „Süßes oder Saures“ Süßigkeiten zu erbetteln – andernfalls würden Streiche gespielt, also „Saures gegeben“.

So sind auch alle Freunde der Peanuts im zuvor genannten Film kostümiert unterwegs, während Linus auf dem Kürbisfeld auf den großen Süßigkeitenspender, den „Großen Kürbis“ wartet, der leider auch an diesem Abend nicht kommt. Lieber Linus, lass uns zusammen warten: nächstes Jahr kommt er sicher, vielleicht auch in meinen Garten, der „große Kürbis“.

Foto: unser Kürbis, gestaltet von meinem Mann, einem großen Peanuts-Fan, der mich mit den Zeichentrickfiguren von Charles M. Schultz bekannt machte. Ihm ist dieser Beitrag gewidmet: Charlie Brown, seine Familie und Freunde, aber vor allem der Hund Snoopy begleiten uns und unsere Familie seit unserem ersten „Date“.  Noch ein Lesetipp: Dr. Daniela Sandner vom Landesverein für Heimatpflege schreibt sehr unterhaltsam über Pro und Contra zum neuen Brauch „Halloween“.

 

 

 

 

Das kommt in die Tüte

Schulanfang – Schultütenzeit! Und was kommt in die Tüte? Früher zeigte schon die Bezeichnung „Zuckertüte“, dass vor allem Süßes darin zu finden war. Bereits 1817 wird berichtet, dass einem Schulanfänger eine „Tüte Konfekt“ mitgegeben wurde. Rund hundert Jahre später erzählte Albert Sixtus in seinem Buch „Der Zuckertütenbaum“ (1920) die Geschichte von einem Baum, an dem im Keller der Schule Zuckertüten wachsen. Wenn diese reif seien, dann sei es für die Kinder Zeit, in die Schule zu gehen.

Eine Geschichte, die mir neu war. Kein Wunder, denn dieser Brauch kam erst relativ spät in den Süden der Bundesrepublik. Er hat seine Wurzeln im protestantischen Osten in Thüringen, Sachsen und Schlesien, wie der Volkskundler Hermann Bausinger herausfand. Dort gab es auch ab 1910 die erste industrielle Produktion von Zucktertüten bei der Firma Nestler im Erzgebirge. In den katholischen Süden kam die hier als „Schultüte“ bezeichnete Tüte erst ab den 50er Jahren mit dem Wirtschaftswunder, zunächst in den Städten und später auf dem Land.

Wissen sie noch, was in ihrer Schultüte war? Meine Schwester, die auf dem Foto aus den 70er Jahren abgebildet ist, meint, dass sie Buntstifte oder Wachsmalkreiden neben Süßem erhalten habe.

Das scheint auch heute noch der Brauch zu sein: Nützliches für den Schulanfang und etwas zum Naschen, um den jetzt beginnenden „Ernst des Lebens“ zu versüßen. Und dann wird heutzutage nach dem ersten Schulbesuch auch mit Eltern, Geschwistern und häufig auch den Großeltern bei Kaffee und Kuchen oder mit einem Restaurantbesuch das Ereignis gefeiert. Manchmal gibt es dann nicht nur eine Tüte, sondern gleich mehrere.

Die „offizielle“ Schultüte wird dabei häufig von den Müttern oder Vätern bereits im Kindergarten gebastelt: rund oder vieleckig mit Motiven wie Märchenfiguren, Astronauten, Comicfiguren, Pferden, Feen – je nach Vorlieben des Schulanfängers. Oben wird sie mit einem Krepppapier oder Stoff zugebunden, sodass man den Inhalt nicht sehen kann. So bleibt die Spannung bis nach dem ersten Schulbesuch bestehen: was wird wohl in der Tüte sein? Buntstifte, Radiergummi, Trinkflasche, Brotzeitbox und auch, wie mir mitgeteilt wurde, manchmal ein Handy und natürlich Süßes, heutzutage häufig gesundheitsbewußt mit weniger Zucker.

Auf jeden Fall stecken in jeder Tüte Dinge, die mit den Augen nicht zu sehen sind. Es sind die guten Wünsche, die alle Eltern ihren Kindern mitgeben: Freude am Lernen, eine nette Klassengemeinschaft und eine verständnisvolle Lehrkraft. Meine Nichte wird übrigens als frischgebackene Lehrerin im Herbst ihr Referendariat beginnen und von ihrer Mutter (auf dem Foto) eine Schultüte erhalten. Ihr und allen Schulanfängern wünsche ich einen guten Start ins Schulleben!

 

FOTO: Dank an meine Schwester für ihr Einschulungsfoto, das ein Schulfotograf gemacht hat. Er brachte eine Schultüte mit Figuren mit und legte eine Fibel vor sie auf den Tisch.

Weitere Informationen zur Schulttüte lieferte Brauchwiki mit weiterführender Literatur und ein Beitrag auf der Webseite des mdr. Wer als Lehrkraft neu im Landkreis Dachau ist, ist herzlich zu einer „Schnuppertour“ mit der Kreisheimatpflegerin am 28. September eingeladen. Bei der nachmittäglichen Busrundfahrt können sie Kunst, Kultur und viele Ansprechpartner kennenlernen. Anmeldungen erfolgen über FIBS.

 

 

 

 

 

 

„Leberkäs ist in“

Nach einem Urlaub voller Pasta, Zucchini, Auberginen, Mozzarella, Weißbrot und Gelato machte ich eine Kaffeepause in Bayern, wo ich in der Kühltheke Brezen mit Leberkäse entdeckte. Eine fand schnell den Weg auf meinen Teller und dann in meinen Magen. Der Leberkäse war dünn aufgeschnitten und mit Gurken und Salat belegt. Etwas ungewöhnlich, aber gut. Ansonsten wird der Leberkäse ja eher in dicken Scheiben, gerne in einer Semmel serviert. So hat er auch Karriere als Fotomodell gemacht, wie mir mein geschätzter Kollege Erik erst neulich verriet. Ich durfte den Leberkäse in unterschiedlichsten Aufnahmen in seinem Kalender bestaunen. Der Bayerischer Rundfunk hatte dem (angeblich) ersten Leberkäskalender 2022 einen Beitrag gewidmet und den Herausgeber des Jahresbegleiters zitiert: „Nackte Frauen sind out! Leberkas ist in!“

Was hätte wohl der Erfinder der Brühwurst vor 200 Jahren dazu gesagt? Es war laut einer vertrauenswürdigen Quelle ein Pfälzer, Hofmetzger von Kurfürst Karl Theodor, der als Erster feingehacktes Schweine- und Rindfleisch in einer Brotform backte. Zu den Grundzutaten kamen später dann Schweinespeck und Gewürze dazu. Der namensgebende Anteil an Leber soll heute übrigens laut einer deutschen Verordnung mindestens 5% betragen. Ist dies nicht der Fall, so wird er als „Fleischkäse“ oder „Bayrischer Leberkäse“ bezeichnet. Käse ist nur im „Pizzaleberkäse“ zu finden.

Pizza esse ich allerdings lieber mit knusprigem Teigboden und im Holzofen gebacken – sie schmeckt nach Urlaub, Leberkäse pur nach Heimat. Darin sind sich mein Kollege und ich einig. Für eine Leberkassemmel  läßt er sogar (fast) jedes andere Gericht stehen – Leberkäse ist auch bei ihm „in“….

 

Die Herkunft der Bezeichnung „Leberkäse“ ist laut Online-Lexikon Wikipedia nicht ganz geklärt: “ Der Begriff setzt sich zusammen aus den Substantiven Leber und Käse. Im bairischen wird eine essbare Masse als „Kas“ bezeichnet. „Leber“ leitet sich aus „Laib“ ab, was auf die Form des Fleischkäses zurückzuführen ist. In einer anderen Erklärung erinnert die Form des Produktes an einen Laib Käse.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Fleischk%C3%A4se abgerufen am 27. Juli 2023).

Foto: Birgitta Unger-Richter, Die oben genannte Leberkäsbreze vor dem Verzehr.