Allgemein

Heimat in Serien

Vor Jahren erhielt ich eine Mail einiger Kolleginnen, die mir schrieben,  dass sie einen Ausflug nach Lansing unternehmen würden. „Lansing?“, schrieb ich stirnrunzelnd zurück: „Wo liegt denn Lansing?“

Sie wissen es sicherlich längst: „Lansing“  ist der Drehort der täglichen BR-Serie „Dahoam is Dahoam“ und das bereits seit 2007!

Früher wurde beim Format der „Serie“ wöchentlich eine Folge ausgestrahlt – so in den 80er Jahren die amerikanischen Familiensagas „Dallas“ und „Der Denver-Clan“, die das  Leben der Reichen und Schönen schilderten. In Deutschland entwickelte sich mit der „Lindenstraße“ eine wöchentliche Dauerserie, die das alltägliche Leben der Bewohner eines Mietshauses ohne Glamour schilderte.

Heutzutage muss man nicht mehr eine ganze Woche warten, um die Fortsetzung solcher Geschichten zu erleben. In sogenannten „daily soaps“ kann der Zuschauer täglich in fremde Welten eintauchen, sei es in Vorabendserien oder bei Streamingdiensten. Die zuletzt genannten ermöglichen sogar jederzeit den individuellen Zugriff auf Filme am heimischen Fernseher oder auch unterwegs auf dem Tablet oder Smartphone.

Diese Entwicklung geht weit über Walter Benjamins Analyse hinaus, der sich als einer der ersten in „Das Kunstwerk in den Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit“ mit der Vervielfachung der medialen Kunstwerke auseinandergesetzt hatte. Mitte der 30er Jahre verglich er die neuen Medien der Fotografie und des Films mit Werken der bildenden Kunst und sprach den erstgenannten eine Aura ab –  sie hätten das Besondere und Einmalige verloren.

Um „Kunst“ geht es in den wenigsten Fällen bei den daily soaps, abgesehen von einigen preisgekrönten Produktionen, die einen hohen ästhetischen Anspruch erfüllen. Vielmehr soll der Zuschauer unterhalten und langfristig als Zuseher gewonnen werden. Schließlich geht es um Einschaltquoten und damit verbundene kommerzielle Interessen. Die Autoren und Filmemacher entwickeln dafür eine eigene Welt mit einer Geschichte in einem festgesteckten Umfeld mit Sympathieträgern, Helden und Anti-Helden. Die Geschichten bauen auf das Wiedererkennen und Mitfühlen der Zuschauer. Dieser ist mit der Lebenswelt der Handelnden vertraut, kennt die Umgebung in der sie leben, die Freunde, Verflechtungen, Charaktere. Sie bieten ihm eine mediale Heimat auf Zeit an.

So ist der Titel der BR-Serie „Dahoam is Dahoam“ meiner Meinung nach nicht nur der Titel für eine Daily Soap aus Lansing, das übrigens in Dachau liegt und auch immer wieder „Live“ besichtigt werden kann. Der Titel verweist darüber hinaus als treffende Charakterisierung auf eine besondere Form von „Heimat“, Heimat in daily soaps,  „Heimat in Serien“.

Tanzvergnügen

Am 21. Januar ist es wieder soweit: am Abend findet wieder eine Redoute im Renaissancesaal des Dachauer Schlosses statt. Häufig werde ich gefragt, was denn eine „Redoute“ sei? Im 1818 erschienenen Konversationslexikon ist dazu zu lesen: “ein mit Spielen und anderen Vergnügungen verbundener Maskenball“.

Die Redoute entwickelte sich aus dem Faschingsbrauchtum, höfischen Bällen (Bal paré) und auch Maskeraden zu der Festivität, die wir auch heute wieder feiern. Im Venedig des 18. Jahrhunderts bezeichnete ridotto „öffentliche Lokale, in denen während des Carnevals sonst verbotene Glücksspiele erlaubt waren“. Dorthin ging man maskiert, um unerkannt zu bleiben. In München bürgerte sich die französische Bezeichnung redoute wohl nach Max Emanuels Rückkehr aus dem französischen Exil 1715 ein.

Vor allem nach dem deutsch-französischen Krieg waren Redouten in München äußerst beliebt. Man feierte in den Sälen der großen Gasthöfe, Brauereien und im neu erbauten Deutschen Theater Kostümbälle mit Gesangs- und Theaterdarbietungen. Im Vordergrund stand jedoch das gemeinsame Tanzen.

Eröffnet wurde traditionell mit einer Polonaise, danach wurde vor allem Walzer getanzt. Den Höhepunkt jeder Veranstaltung stellte die Münchner Française dar. Dieser Kontratanz, bei dem in Reihen getanzt wurde, entwickelte sich aus der französischen „Quadrille“. In München wurde und wird er von zwei sich gegenüberstehenden Paaren getanzt.

Auch in Dachau wird die „Française“ einer der Höhepunkt des glanzvollen Balls sein. Die in bäuerlicher, bürgerlicher und höfischer Gewandung kostümierten Tänzer werden sich in Reihen aufstellen, um die fünf Touren miteinander zu tanzen. Dabei wird es wohl nicht so turbulent zugehen, wie es der Schriftsteller Josef Ruederer 1906 in seiner Erzählung „Der Fasching“ beschrieb:

„Aber schon rufts zum nächsten Tanz, zur Française. Und da stürzt es wieder aus allen Ecken mit jener Hast, die fürchtet zu spät zu kommen. Man hebt kreischende Weiber über die Brüstung der Logen, man pufft nach allen Seiten, man drängt und schiebt ohne Rücksicht, ohne Pardon. Mit Not und Mühe stellen Tanzordner die einzelnen Schlachtreihen auf. Tönen aber die ersten Klänge, dann löst sich´s in Vorder- und Zurücktreten, in Komplimente und Kußhände, in Balancieren und Drehen. Immer lauter tönt der Jubel, immer kecker fliegen die Röcke – da, bei der vorletzten Tour hebt sich im rasenden Ringelreih das wiehernde Lachen zum bacchantischen Gebrüll… Alle die hochgehobenen Weiber mit fuchtelnden Armen und strampelnden Beinen erscheinen in diesem Augenblick wie ein ungeheures Ganzes, ein Riesenpolyp, der mit den Männern erst Fangball spielte, ehe er sie gänzlich verschlingt. Das ist der Höhepunkt, die eigentliche Sensation des Karnevalfestes!“

Im Dachauer Schloss wird es natürlich gesitteter ablaufen! Dafür wird der Tanzmeister Erich Müller schon sorgen. Ob er die Männer allerdings dazu animieren kann, ihre Tanzpartnerinnen (wie bei Ruederer geschildert) beim sogenannten „Karussell“ in die Höhe zu heben – das werden wir ja sehen….

 

 

Bei den Informationen zur Redoute berufe ich mich auf die Forschungen von Volker D. Laturell: Volkskultur in München – Aufsätze zu Brauchtum, musikalische Volkskultur, Volkstanz, Trachten und Volkstheater in einer Millionenstadt. Buchendorfer, München 1997.

 

Herbergssuche

Was würde ich tun, wenn morgen ein junges Paar in abgetragenen Kleidern, sie hochschwanger, an meiner Tür klingeln und um ein Nachtquartier bitten würde? Diese Frage haben sie sich vielleicht auch schon einmal gestellt, wenn sie an Weihnachten die Vorgeschichte zu Christi Geburt im Evangelium von Lukas gehört haben.

Die Suche nach einer Unterkunft wird auch heute im volkstümlichen Brauchtum als „Frautragen“ nachvollzogen, wenn symbolisch eine Marienstatue von Haus zu Haus getragen und jeweils für eine Nacht beherbergt wird. So auch in unserem Landkreis z.B. in Markt Indersdorf, wo Maria in der Adventszeit in den Häusern der künftigen Kommunionkinder zu Gast sein darf. Auch in den zahlreichen Krippenspielen, die Kinder in der vorweihnachtlichen Zeit oder auch an Hl. Abend aufführen, ist die Herbergssuche ein Bestandteil des Schauspiels.

Die Herbergssuche ist für viele Menschen aber auch eine reale und bittere Tatsache. Über 2.000 Menschen suchen einen bezahlbaren Wohnraum im Landkreis Dachau. Die Caritas Dachau weist unermüdlich auf diesen Notstand hin und versucht im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen: mit Informationen, Spendenaufrufen, mit Appellen an Wohneigentümer, ihren Wohnraum zu vermieten, an Bauherren und Gemeinden, neuen sozialverträglichen Wohnraum zu schaffen. Auch die Presse setzt sich dafür ein, diesen Missstand aufzuzeigen und Änderungen in die Wege zu leiten.

Denn einen Ort zum Wohnen zu haben, bedeutet nicht nur einfach ein Dach über dem Kopf zu besitzen. Obwohl der moderne Mensch im weltweiten Netz zu Hause sein kann, ist die eigene Wohnung immer noch ein Ort für den persönlichen Rückzug, für Selbstbestimmung und Individualität. Die selbst gestaltete Umgebung kann für viele Heimat sein.

Zurück zu meiner eingangs gestellten Frage: die Unterbringung für eine Nacht wäre sicherlich ein Anfang, den ich auch leisten könnte. Aber erst wenn eine dauerhafte Wohnsituation geschaffen werden könnte, würde das Paar eine Heimat finden.

 

 

 

Echte Hits im Advent

„O wei, o wei – o Weihnachtszeit“ singt die A-cappella-Gruppe „6-Zylinder“ unnachahmlich im vertonten Kinderbuch „Der Schweihnachtsmann“. Als unsere Kinder klein waren, hat uns dieses Musical immer durch die Adventszeit begleitet. Ein echter „Schmarrn“- hilft doch ein Schwein als Weihnachtsmann aus und beschert die Kinder. Aber die Kleinen lieben solchen Unsinn, auch wegen der zahlreichen Lieder zum Mitsingen. „Plätzchen kommt von Platzen“ singen wir auch heute noch, wenn der erste Teller Selbstgebackenes auf dem Tisch steht und greifen dann kräftig zu.

„O wei“ bezieht sich aber auch auf die Hektik und die scheinbar ungebremste Betriebsamkeit, die sich im Advent entwickelt, der keine „staade Zeit“ mehr ist. Dazu gehört auch die omnipräsente Kaufhausberieselung à la „Jingle bells“, die das rege Klingeln der Registrierkassen wohl musikalisch untermalen soll.

Musik in der Adventszeit kann aber auch das Gegenteil sein, wie Veranstaltungen zeigen, die klassische Musik und auch Volksmusik in Kirchen und Säle bringen, die die Wartezeit auf Weihnachten bewußt machen und eine Auszeit aus der Hektik des Trubels bieten. Dazu gehören die zahlreichen Adventssingen im Landkreis, wie in Altomünster, Bergkirchen oder in Markt Indersdorf. Dazu gehört auch das Angebot des Volksmusikarchivs, das unter anderem auch Veranstaltungen zum aktiven Singen anbietet.

Hierzu zähle ich dieses Jahr auch ein besonderes Konzert, das am kommenden Freitag um 19.00 Uhr in der barocken Kirche St. Vitalis in Sigmertshausen stattfindet. Heinz Neumaier hat neue Lieder zur „Heiligen Nacht“ von Ludwig Thoma geschrieben. Sie werden von den Moosdorfegger Sängerinnen vorgetragen werden, musikalisch begleitet von der Gröbenbach Musi. Der Dachauer Claus Weber wird die Weihnachtsgeschichte in bairischen Dialekt vortragen. Die 1915 geschriebene Erzählung wurde schon oft gelesen und gehört schon traditionell zur Dachauer Adventszeit. In Sigmertshausen laden die Organisatoren ein, sie mit der von Heinz Neumaier komponierten Musik nochmals neu zu entdecken und zu erleben. Der Eintritt dazu ist frei. Spenden sind jedoch herzlich willkommen. Der Erlös wird dem Förderverein der Hofmarkkirche Schönbrunn zugute kommen, dessen (hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft)  sanierter Kirchenraum sich auch bestens für Konzerte eignen wird.

Ich freue mich auf ihren Besuch und ihre Unterstützung für eines der markantesten Denkmäler in unserem Landkreis!

 

 

 

 

Ladies first

Können sie sich noch an die Zeiten erinnern, als man als Frau mit dem Titel, Beruf und Namen des Ehemannes angesprochen wurde? Gefühlt ist das eine Ewigkeit her. Ich habe aber nicht vergessen, dass noch in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Studienfreundin eine diesbezügliche Erfahrung in den Staaten machte. Sie war zu einem Empfang in New York eingeladen und erhielt ein Namensschild mit „Mrs“, dem Titel, Vornamen und Namen ihres Mannes folgten. Sie nahm kurzerhand einen Filzschreiber, strich den Vornamen ihres Mannes durch und ersetzte ihn durch der ihren. Sie war die einzige Frau bei diesem Empfang, die ein korrigiertes Namensschild hatte. Das fand ich damals und auch heute mutig und richtig.

Diese Episode fiel mir wieder ein, als ich mich im Rahmen der Reihe „Gegen das Vergessen“ mit zwei Frauen befasste, die genau so betitelt wurden. Frau „Emil Hörhammer“ und Frau „Oberinspektor Pitzenbauer“. Beides Frauen, die neben ihrer Tätigkeit als Hausfrau und Mutter keinen eigenen Beruf ausübten, deren ehrenamtliches Engagement aber einem Beruf gleichkam. Beide waren Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes in Dachau.

Die Gründung des Dachauer Frauenbundes war eng mit den Auswirkungen des 1. Weltkriegs verbunden. „Nach der Mobilmachung zum 1. Weltkrieg 1914 stellten sich Frauen aus der Bürgerschaft für soziale Aufgaben zur Verfügung. Sie bewirteten am Bahnhof die durchfahrenden Soldaten.“ Weiterhin strickten die Frauen für die Soldaten Handschuhe, Schals und Socken und stellten aus alten Leintüchern Verbandsmaterial her.

Die erste Vorsitzende war Frau „Emil Hörhammer“, Anna Hörhammer (1871-1939). Ihr Mann Emil Hörhammer war der erste Geschäftsführer der 1913 gegründeten genossenschaftlich organisierten „Gewerbe- und Landwirtschaftsbank Dachau und Umgebung“. Die Gründung dieser Genossenschaftsbank erfolgte in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage der Land- und Stadtbevölkerung und setzte sich als Ziel, die Gewerbevereine und der Landwirtschaft durch günstige Kredite zu unterstützen, also eine „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Eheleute Anna und Emil Hörhammer stellten sich jeder auf seine Weise in den Dienst der sozialen Sache.

Als am 27. März 1920 Emil Hörhammer an den Folgen eines Schlaganfalls starb, erhielt seine Witwe eine von der Bank bezahlte Rente zur sozialen Absicherung. Anna Hörhammer leitete bis 1926 weiterhin den Verein, obwohl sie als alleinerziehende Mutter mit drei kleinen Kindern sicherlich wenig Zeit hatte. „Die seit 10 Jahren bestehende Organisation der ´Kath. Frauenbund Dachau´ wurde unter dem Vorsitz der Frau Hörhammer zur Zufriedenheit aller geführt, bis ein Ereignis eintrat, das die Grundfeste der Organisatorin in seiner Eigenschaft als solche unterwühlte und den Zusammenbruch herbeiführte“, wurde in der Vereinschronik festgehalten.

Was war geschehen? Kardinal Faulhaber hatte sich bei der Firmung gegen das gemeinsame Baden beider Geschlechter im Freibad ausgesprochen, das im 1924 errichteten Familienbad ausgeübt wurde. Die Frage, ob dies nun schicklich sei oder nicht, spaltete den Frauenbund, was zur Neuwahl der Vorsitzenden führte.

So wurde 1926 Frau Oberinspektorin Maria Pitzenbauer (1890-1976) gewählt, die sich als neue Vorsitzende den drängenden Aufgaben der 20er Jahre stellte, die in Dachau durch besondere soziale Härte geprägt waren. Eine hohe Arbeitslosigkeit und Armut sind als die Zeit der „Dachauer Not“ (benannt nach einer so betitelten Denkschrift des ersten Bürgermeister Georg Seufert 1928) in die Stadtgeschichte eingegangen.

Der Frauenbund spielte jährlich Theater und spendete die Erlöse für caritative Zwecke: an Weihnachten erhielten arme Familien Pakete mit Lebensmitteln oder Kleidung, bei einem Kinderfest 1929 wurden 75 bedürftige Münchner Kinder mit Kaffee, Kuchen und Spielen im Unterbräukeller verwöhnt. Die Kinderbewahranstalten Dachaus und die ambulante Krankenpflege erhielten immer wieder Zuwendungen. Im Dezember 1931 wurde eine Nähstube errichtet „in welcher arbeitslose Frauen und Mädchen die geschenkten Bekleidungsstücke reparieren und umändern sollten. Die Gemeinde stellte einen leeren Schulraum, das Gesellschaftshaus und das Bezirksamt das Mobiliar zur Verfügung. Als Leiterin wurde Sr. Herminegild vom 3. Orden genommen. Es konnten dadurch über 40 Frauen und Mädchen an drei Tagen der Woche Beschäftigung finden“.

Nach der Fahnenweihe am 7. Mai 1933 nahmen die Tätigkeiten des Frauenbundes ab und am 24. Mai 1939 endet die Chronik. Vereine wurden mit wenigen Ausnahmen im Nationalsozialismus verboten oder wurden politischen Verbänden einverleibt.

Beide Vorsitzenden hatten bis dahin im sozialen Bereich Grosses geleistet – indem sie die Not der Zeit erkannt hatten und konsequent und ohne großes Aufsehen Hilfe organisierten: Anna Hörhammer und Maria Pitzenbauer.

 

 

 

Heimat – Lebenswelt

„Heimat ist, von wo man als Jugendlicher flüchtet und wohin man im Alter wieder sehnsuchtsvoll zurückkehrt“,  so wurde der Liedermacher und Komödiant Willy Astor in einem Radiobeitrag des Bayrischen Rundfunks in der letzten Woche zitiert. Als Heimatpflegerin wurde ich da natürlich hellhörig und auch nachdenklich.

Als Jugendliche wollte ich möglichst schnell der Heimat den Rücken kehren: es war die Zeit von Interrail, dem grenzenlosen Reisen, Abenteuerlust und Aufbruch. Doch die Reisen machten auch Lust auf andere Veränderungen: das Studium führte mich nach München, und Bayern wurde mir dann zur zweiten Heimat. Ob ich im Alter wieder ins „Ländle“ zurückgehen werde? Ich glaube eher nicht.

Vielleicht meinte Willy Astor ja auch nicht nur das physische dauerhafte Zurückkehren in die Heimat. Ich denke, dass man häufiger in der Erinnerung an besondere Erlebnisse, vor allem in der Kindheit, in die „emotionale Heimat“ zurückreist.

Dieses Erinnern und Nachdenken über das eigene Leben haben Schriftsteller literarisch in Autobiografien verwoben. Sie haben damit ihre vergangene und/oder aktuelle Lebenswelt festgehalten. Ihre persönlichen Lebenserfahrungen sind dabei häufig eng mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft.

Das war eine der Überlegungen, die mich dazu bewogen hatten das Thema des diesjährigen „Poetischen Herbst“ zu wählen: „Lebenswelt(en) – Autobiografien im Dachauer Landkreis“. Die Idee ist, mit persönlichen Textdokumenten eine poetische Brücke zum Landkreis Dachau zu bauen und den Blick auf verschiedene Zeiten und Umstände, auf politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen in unserer näheren Heimat zu lenken.

Was erlebten die Protestanten im katholisch geprägten nördlichen Dachauer Hügelland, als sie im 19. Jahrhundert ankamen? Wie lebt man als Dachauer im 20. Jahrhundert mit dem Wissen um das ehemalige Konzentrationslager in nächster Nachbarschaft? Wie steht es um das Rollenverständnis der Geschlechter? Wo steht die junge Generation? Wieviel Veränderung verträgt unsere Gesellschaft?

Gedanken dazu gibt es beim Poetischen Herbst 2016 . Wir laden sie herzlich dazu ein, ihre Heimat mit den Augen anderer neu zu sehen!

 

 

 

 

 

 

Souvenirs, Souvenirs …

Haben sie sich auch eine Erinnerung – ein Souvenir – aus dem diesjährigen Urlaub mitgebracht? Eine Schneekugel mit dem Eiffelturm, eine Venus von Milo aus Gips oder eine venezianische Miniaturgondel als Leuchtobjekt? Solche Souvenirs werden häufig in speziellen „Souvenirshops“ am Urlaubsziel angeboten. Die Bandbreite reicht dabei von eher qualitätvollen landestypischen Produkten bis hin zu industriellen Massenprodukten aus Fernost.

An dieser Stelle muss ich ihnen meine Schwäche für solche Souvenirgeschäfte verraten. Ich finde es immer hochinteressant und amüsant die überladenen Schaufenster der Anbieter anzuschauen! Was gibt es da nicht alles zu entdecken: praktische Alltagsgegenstände wie Kugelschreiber, Teller, Gläser, Tassen mit aufgedruckten Veduten, T-Shirts, die eine Liebeserklärung an den Ort mit „I love …“ beginnen, Trachtenfigürchen, Strandlaken mit mehr oder weniger lustigen Sprüchen, Trikots berühmter lokaler Fußballspieler…. Ein Panoptikum an Dingen, die selten dem an guten Design geschulten Blick standhalten, aber dafür einen hohen Unterhaltungswert haben.

Das Phänomen „Souvenir“ (aus dem französischen „se souvenir“ – sich erinnern) war auch bereits Bestandteil wissenschaftlicher Untersuchungen. Ein Ergebnis war, dass das Souvenir nicht nur ein Symbol von Urlaub und Reise sei, ein Sammelobjekt und exotischer Schmuck des eigenen Heims, sondern auch eine Projektionsfläche von Sehnsüchten, Werten und Normen.

Das mag im einen oder anderen Fall wohl zutreffen. So erwarb Johann Wolfgang von Goethe auf seiner Italienischen Reise Andenken, die seine Begeisterung für die antike Kunst widerspiegelten. Wallfahrer brachten früher und bringen auch heutzutage häufig religiöse Gegenstände wie geweihte Plaketten oder Kerzen mit nach Hause. Aber manchmal steckt hinter dem Erwerb weniger Tiefsinniges – aus eigener Erfahrung kann ich dies bestätigen. Mein Mann und ich verschenken seit Jahrzehnten kitschige Souvenirs an ein befreundetes Paar, das sich mit ebensolchen Gaben dafür revanchiert. Wir haben viel Spass dabei!

Zum Schluss stellt sich noch die Frage, was wohl Reisende aus dem Landkreis Dachau mitnehmen könnten? Frau Oberbauer vom Heimatmuseum in Karlsfeld erzählte mir, dass sie ihrem Enkel immer besonders klingende fremdsprachige Worte aus dem Urlaub mitbringe. Von jeder Reise eines. Diese Idee könnte man doch auch auf den Landkreis Dachau übertragen. Wie wäre es denn z.B. mit exotischen Ortsnamen (die unlängst auch teilweise Bestandteil einer Serie der Dachauer SZ waren): Sixtnitgern, Xyger, Himmelreich…

Resi – I hol di mit’m Traktor ab!

Nein – heute geht es nicht um volkstümliche Musik und die Rettung des wahren Liedguts – heute geht es ums Bulldogfahren! Ja – ich habe meine Liebe zum entschleunigten Fahren entdeckt!

Am vergangenen Samstag führte mich mein Weg nach Herrnrast bei Ilmmünster, wohin die „Bulldogfreunde Indersdorf e.V.“ ihre jährliche Wallfahrt unternahmen. Vor der idyllisch auf einem Berg inmitten von Bäumen gelegenen barocken Kirche waren die Schmuckstücke der Vereinsmitglieder aufgereiht: alle frisch gewaschen, poliert und mit Fähnchen geschmückt. Nach einem Gottesdienst wurden diese Fahrzeuge gesegnet und dann ging es – wie es sich für eine richtige Walllfahrt gehört – ins Wirtshaus.

Mit stolzen 17 km/h fuhren wir, nachdem wir langsam den Berg abwärts gerollt waren, im Konvoi in Richtung Ilmmünster. Es war ein sonniger Tag, der Himmel war weiß-blau und die frische Luft wehte einem um die Nase. Vom erhöhten Sitz aus blickte man weit in die Landschaft – da konnte ich gut mit meinen Gedanken spazierengehen.

So ist der 1997 eingetragene Verein der Bulldogfreunde einer der jüngeren Gründungen in unserem Landkreis. Als ältester Verein gilt die  „Königlich Privilegierte Feuerschützengesellschaft Dachau“ von 1796. Ich dachte an bestehende Schätzungen, wonach es in Deutschland an die 500.000 Vereine gibt. Sie setzen sich für gesellschaftliche, soziale und kulturelle Belange ein oder haben sich aufgrund von gemeinsamen Interessen oder Hobbies zusammengeschlossen.

Da saß ich also auf einem Eicher-Traktor, genoss die Fahrt und freute mich dabei als Heimatpflegerin, dass dieser Verein sich um die ganzen mobilen Denkmale kümmerte. Auch, dass sie so gut in Schuss waren und nicht irgendwo in einem Stadl vor sich hinrosteten. Vorneweg fuhr ein „Lanz“ von 1939, der ab und an schwarze Wölkchen hinter sich ließ, bis er in den Parkplatz vor dem Wirtshaus einbog.

Ich stieg vom Beifahrersitz herunter und bemerkte, dass ich die Fahrt wohl noch eine Weile spüren würde… Nichtsdestotrotz war die Teilnahme an der Wallfahrt eine wunderbare kleine Auszeit vom hektischen Getriebe der Woche.

Jetzt weiß ich nur nicht, ob ich meinen Mann davon überzeugen kann, als Drittfahrzeug einen Bulldog anzuschaffen. Denn damit könnte er mich gerne für eine Tour abholen – auch gerne zu einer Wallfahrt.

 

An dieser Stelle sei den Indersdorfer Bulldogfreunden nochmals herzlich gedankt für die spontane Mitnahme von zwei Passagier(inn)en!

Am „Tag des offenen Denkmals“ am 11. September 2016 können die Fahrzeuge der Bulldogfreunde in Ried bei Indersdorf begutachtet werden. Näheres dazu finden sie auf der Webseite des Vereins. 

 

 

 

 

 

Ist Mary Poppins eine Schirmherrin?

Haben sie sich auch schon einmal gefragt, wer eine „Schirmherrin“ ist und was sie tut? Welche der folgenden Antworten würden sie für richtig halten? Die Aufgaben einer Schirmherrin erfüllt: 1.) Mary Poppins; 2.) Patrona Bavariæ; 3.) keine von beiden.

Ich stellte mir die Frage erst neulich, als ich als scheidende Schirmherrin um ein Grußwort gebeten wurde. Da erinnerte ich mich an einen Schirm, den mir einst Kolleginnen schenkten, um eine meiner neuen Aufgaben als Heimatpflegerin erfüllen zu können.

Die Bedeutung des Wortes „Schirm“ läßt sich durch die Herkunft vom mittelhochdeutschen scirm = Schutz erklären. Damals war mit scirm „ein über den Schild gezogenes Fell“ gemeint. Heute verstehen wir darunter einen „meist runden, gewölbten Gegenstand, der vor bestimmten Dingen schützt“. Regen, Sonne und noch mehr.

Und ein Schirmherr? Laut Grimmschem Wörterbuch, das ab 1838 geschrieben wurde, ist ein Schirmherr ein „patronus“, der „den schutz über eine stadt, land und dergleichen oder über gewisse personen ausübt“. Die in Hessen beheimateten Brüder Grimm gingen nicht auf die Möglichkeit einer „Herrin“ ein – in Bayern jedoch verspricht die „patrona bavariæ“ schon seit Jahrhunderten dem Land und seinen Bürgern Schutz.

Gerade nach den verheerenden Schäden des Dreissigjährigen Krieges wandten sich die überwiegend der katholischen Kirche Zugehörigen an die Gottesmutter, von der sie sich Schutz, Hoffnung, Trost und Hilfe versprachen. Ein noch heute sichtbares Zeichen dafür ist die von Hubert Gerhard gestaltete Mariensäule, die den Mittelpunkt des Marienplatzes in München bildet. Die Schutzsuche der Zeit drückt auch ein 1640 komponiertes Kirchenlied aus, das mit „Maria breit den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus….“ beginnt.

Aber kann man Maria als „Schirmherrin“ bezeichnen?

Und Mary Poppins, das wohl berühmteste Kindermädchen der Literatur, das bei Ostwind mit aufgespanntem Schirm direkt vor die Haustür der Familie Banks segelt?

Wohl eher nicht. Denn der zweite Teil des Wortes (Schirm- ) Herrin wird heute mit Gebieterin oder Besitzerin gleichgesetzt; so spricht man auch von Hausherrin oder Schlossherrin. „Schirmherrin“ wird in unserer Zeit eher in einem übertragenen und ideellen Sinn verwendet und hat weniger, wenn nicht sogar überhaupt nichts, mit Besitz und Majestät zu tun. Schirmherren und -herrinnen begleiten und unterstützen Projekte, Ideen, Institutionen. Sie sind der gute Geist vieler caritativer oder kultureller Veranstaltungen und Veranstaltungsreihen – wenn auch der viel zitierte „Rettungsschirm“ einen negativen Klang mit sich gebracht hat.

So haben sie mit der anfangs vorgeschlagenen Lösung Nr. 3 richtig gelegen.

Übrigens beschloss ich als Folge dieser Überlegungen meiner Nachfolgerin als Schirmherrin des Seniorenstudiums des Dachauer Forums auch einen Schirm zu schenken. Er ist nach wie vor ein schönes Zeichen für eine Projekt-Patenschaft.

 

 

 

Diesen Beitrag widme ich meinen ehemaligen Kolleginnen Anni, Astrid, Birgit, Brigitte, Claudia, Gundi, Itti, Lydia, Marianne, Rosemarie, Sabine und Susanne. Ihr Schirm begleitete mich bisher nicht nur als Schirmherrin, sondern auch an vielen Regentagen.

 

Heimat kulinarisch: Wurstsalat

„Was kochst du denn für deine Gäste, die an deinem Geburtstag kommen werden?“, fragte mich unlängst eine gute Freundin aus meiner ersten Heimat. „Wurstsalat“ war meine Antwort, weil ich auf einen Biergartenabend hoffte. „Ja, das gab es an meinem Geburtstag auch“, lautete ihre Antwort. Was dann folgte war ein Austausch darüber, wie in Baden-Württemberg und Bayern der Wurstsalat zubereitet wird. Mal abgesehen von der Art die Wurst zu schneiden, in Bayern „Radl“ in Schwaben „Streifen“, unterscheiden sich auch die Zutaten: Lyoner, Stadtwurst, Göttinger ja auch Leberkäse fand ich bei meinen weit angelegten Testessen in bayrischen Gasthöfen, Biergärten und privaten Haushalten. In Baden-Württemberg, betonte meine Freundin, gehe es jedoch nicht ohne Schwarzwurst. „Aber die bekomme ich hier ja nicht“- seufzte ich, worauf meine Freundin versprach, bei einem der nächsten Besuche eine solche mitzubringen.

Das brachte mich darauf, darüber nachzudenken, was mir aus meiner ersten Heimat im Alemannischen fehlen könnte. Auf dem Kultursender „arte“ , der sich dem kulturellen Verständnis zwischen Deutschland und Frankreich widmet, gibt es dazu im Magazin „karambolage“ ein Format das heißt: „ce qui me manque“ – „was mir fehlt“.  Hier berichten Franzosen in Deutschland und Deutsche in Frankreich, was sie  – obwohl sie gut integriert sind –  in ihrer neuen Heimat vermissen. Bemerkenswert ist, dass es dabei häufig um Dinge rund ums Essen geht. Eine Deutsche vermisst in Paris ihren Eierpicker, eine aus dem Kamerun gebürtige Französin ihren afrikanischen Steinmörser, die Redakteurin der Sendereihe Claire Doutriaux kann sich ein Leben in Deutschland ohne Austern nicht vorstellen. Für die deutsche Journalistin Jeanette Konrad gehören zu Weihnachten selbstgebackene Weihnachtsplätzchen, für die glücklicherweise immer ihre Großmutter mit Päckchen sorgt.

Die kurzen Beiträge von etwa zwei Minuten Länge beginnen immer mit dem Namen und der Herkunft des Porträtierten und mit dem Zusatz, dass derjeinige nicht wirklich unglücklich sei, weil ihm schließlich nur eine Kleinigkeit zum perfekten Glück fehle.

In diesem Sinne würde mein Beitrag so anfangen: „Ich komme aus Baden-Württemberg und lebe seit einer gefühlten Ewigkeit in Bayern. Ich liebe die bairische und internationale Küche und koche gerne mit und für die Familie und Freunde. Aber die weichen schwäbischen Brezeln, nicht zu stark gebacken und mit eher teigiger und gleichzeitig luftiger Konsistenz finde ich nur selten in Bayern. Das ist aber nicht tragisch, weil ich immer wieder aus Baden-Württemberg Brezeln mitgebracht bekomme, zu denen ich dann häufig bayrische Weißwürste serviere.“

Um auf meine eingangs genannte Freundin zurückzukommen – sie meinte, dass sie in mein nächstes „care-Paket“ noch Schwarzwurst legen würde. Dann müssen wir uns nur noch einigen, wie wir die Wurst für den gemeinsamen Wurstsalat schneiden werden….

Haben sie auch Dinge, die sie vermissen? Die bei ihnen kulinarische Heimatgefühle erzeugen? Und auf die sie ungern verzichten? Schreiben sie mir doch…