Kategorie: Allgemein

Rücke vor bis zur Schlossallee!

So lautet eine der Botschaften auf einer Ereigniskarte bei „Monopoly“, der man immer gerne nachkommt. Nach dem Passieren dieser Straße wartet nämlich als Belohnung eine Auszahlung für die nächste Runde, die beim weiteren Kauf von Straßen und Immobilien äußerst nützlich sein kann.

Das 1904 erfundene Spiel wurde in Deutschland ab 1935 aufgelegt und erfreut sich bis heute größter Beliebtheit. Es gibt aber immer wieder auch Kritik, weil man Monopoly  (hergeleitet von Monopol) auch als Paradebeispiel für den Raubtierkapitalismus sehen kann, mit dem moralisch fragwürdigen Ziel, den Gegner in den Ruin zu treiben.

Als Heimatpflegerin finde ich das Spiel interessant, weil es auch ein Beispiel für die gängige  Wahl von Straßennamen darstellt. In der bis heute bekannten Version von 1953 gibt es die Benennung nach markanten Gebäuden, der Topografie, Städten oder klassischen Dichtern wie Goethe und Schiller – so wie es auch in Städten seit dem 19. Jahrhundert der Fall war.

Auf dem Land wurden Straßenbenennungen vermehrt erst nach dem 2. Weltkrieg eingeführt, als die Dörfer stetig wuchsen und die bisherige Hausnummerierung nicht mehr ausreichte. Neubausiedlungen erhielten dann oftmals thematisch zusammengehörende Bezeichnungen nach Blumen, Bäumen, Künstlern oder lokalen Persönlichkeiten.

In Haimhausen hat jetzt die dortige Heimatforschergruppe ein Buch mit Straßennamen zusammengestellt. Anläßlich des 1250-jährigen Gründungsjubiläums des Ortes machte sich das Autorenteam daran, die Geschichte hinter den Straßenbezeichnungen zu erforschen. Dabei entstand ein äußerst vergnügliches, gut lesbares Heimatbuch, bei dem man viel über die örtlichen Gegebenheiten und Personen erfährt. Besonders im Gedächtnis blieb mir die „Gräfin-Monts-Straße“: Gräfin Monts war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine der ersten Automobilbesitzerinnen im Landkreis Dachau. Und in der „Sonnenstraße“ wohnte der Maler Max Bergmann, der hier 1912 Besuch vom berühmten Künstler Marcel Duchamp erhielt, der als Erfinder des „Ready-mades“ gilt und seinem Freund auch ein solches schenkte.

Und dann ist da noch die „Alleestraße“ – wenn sie auf dieser Straße in den Ort fahren, kommen sie direkt zum Haimhauser Schloß. Geld erhalten sie dafür allerdings nicht. Dafür werden sie mit dem Blick auf ein barockes Juwel belohnt, das François Cuvilliés im 18. Jahrhundert entwarf.

Das Haimhauser Schloß ist heute eine internationale Schule und bei öffentlichen Veranstaltungen zugänglich. Das Straßenbuch ist über das Heimatmuseum Haimhausen erhältlich. Dass die Benennung von Straßen auch reichlich Konfliktstoff bieten kann, zeigt die Veröffentlichung des Deutschen Städtetages, der dazu eine Handreichung herausgegeben hat. Damit bezieht er auch Position zu Diskussionen um Benennungen von Straßen nach Persönlichkeiten, die heute kritisch hinterfragt werden.

FOTO: Birgitta Unger-Richter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was riecht bayerisch? – Frag den Heimatpfleger!

Diese Anregung machte der Landesverein für Heimatpflege, als die Frage nach dem Schutz eines „Sinneserbes“ im Landtag diskutiert wurde. Dabei ging es vor allem um ländliche Gerüche und Geräusche.

Hin und wieder hört man einen Ausruf, wie: „Hier riecht es aber nach Land!“ Damit ist meistens der durchdringende Geruch von frisch ausgebrachter Gülle auf den Feldern gemeint. Und der findet sich flächendeckend – nicht nur im Landkreis Dachau rund um den Ort mit dem sprechenden Namen „Odel-zhausen“. „Odelzhausen“ wurde aber nicht nach dem Geruch, sondern nach einem Otolt, der hier siedelte (Häuser des Otolt) benannt.

Einen durchdringenden Geruch nehmen Spaziergänger und Radler auch im Mai wahr, wenn sie entlang gelbleuchtender Rapsfelder unterwegs sind. Am Waldrand und in vielen Gärten verströmen der blühende Flieder und der Holunder hingegen einen wunderbaren Duft.

Beim Bulldogtreffen in Indersdorf riecht die Luft nach Diesel, wenn die alten landwirtschaftlichen Gerätschaften in Schwung gebracht werden. Die eine oder andere Oldtimerrallye durch den Landkreis hinterlässt Schwaden von nicht katalysiertem Benzindampf.

Der Sommer scheint mir hingegen vom Holzkohlegeruch der Grillfans geprägt zu sein, der oftmals an den Wochenenden in der Luft hängt. Der Herbst riecht oftmals nach feuchtem Laub, bevor der Winter einen schnell ins Innere flüchten lässt – aber die zahlreichen Weihnachtsmärkte locken mit Glühpunsch-, Lebkuchen- und Bratwürstlduft. Ländliche Gerüche sind vielseitig….

Ob das aber alles als „Sinneserbe“ geschützt und gar als „bayerisch“ definiert werden sollte – da gehen die Meinungen sicherlich weit auseinander. Bewahren sollten wir uns allerdings unsere Rücksichtnahme und Toleranz (von allen Seiten) ; damit würden sich viele Konflikte und auch neue Gesetze erübrigen – meint die Heimatpflegerin aus dem Landkreis Dachau, wenn sie gefragt wird.

 

Und zum Thema „Geräusche“ gibt es sicher noch einen eigenen Beitrag… 

FOTO: Ein auf eine Kachel gemalter blauer Hund auf weißem Grund schnuppert in einem großen umgestürzten Topf. Entdeckt wurde er allerdings nicht in Bayern, sondern in Ham House, Großbritannien.

 

Ein Kamel, ein erwartungsvoller Hochzeiter und ein prämiertes Wirtshaus

Das sind drei meiner Highlights aus dem druckfrischen neuen Heimatbuch der Gemeinde Erdweg. Zu ihrem 50. „Geburtstag“ schenkt sich die Großgemeinde eine Chronik: 1972 entstand im Rahmen der Gebietsreform aus mehreren selbstständigen Altgemeinden eine Verwaltungsgemeinschaft mit Hauptsitz in Erdweg. Darüber wird in diesem Buch auch berichtet – neben vielem anderen.

40 Autoren und 57 Vereine haben dazu beigetragen: ehrenamtliche Heimatforscher, Ortskundige, Neubürger, regionale und überregionale Wissenschaftler, Vereinsvorstände, Vereinsmitglieder, Hobbyfotografen, Sammler und Heimatinteressierte. So bunt wie das Autorenteam, so sind auch die Beiträge, die ein breites Spektrum an Wissen mit vielen Bildern anschaulich vermitteln. Klassische Heimatforschung, Archivrecherchen und mündliche Überlieferungen sind hier bestens vereint.

Und um was geht es bei dem Kamel, dem erwartungsvollen Hochzeiter und dem prämierten Wirtshaus?

Das Wirtshaus am Erdweg ist das älteste Gasthaus im Landkreis Dachau, das an einer ehemaligen Römerstraße liegt und schon immer eine Versorgungsstation am Flussübergang der Glonn war. Es ist das Erkennungszeichen der Gemeinde Erdweg in deren Ortsmittelpunkt – ein markantes Baudenkmal und gleichzeitig Zeichen des bürgerschaftlichen Engagements, das glücklicherweise zu seinem Erhalt geführt hat. 2016 erhielten die IG Wirtshaus und die Gemeinde Erdweg deshalb die Bayrische Denkmalschutzmedaille.

Der erwartungsvolle Hochzeiter ist eine Geschichte aus dem Ortsteil Welshofen um 1900, als ein Bräutigam vor lauter Vorfreude auf seine Künftige auf den Kirchturm stieg, um ihre Ankunft im Dorf frühzeitig zu sehen.

Und das Kamel? Ja, das ist eine Erinnerung des Dachauer Malers und Schriftstellers Carl Olof Petersen, der mit seiner Jagdgesellschaft eines Tages auf ein Kamel im Wald nahe dem Petersberg stieß. Wie es dazu kam? Das möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten.

Wer diese und andere Geschichten nachlesen möchte: bis zum 2. Juli bietet die Gemeinde das Buch zum Vorzugspreis von 50.- € im Rathaus in Erdweg an. Über die Gebietsreform informiert auch die aktuelle Sonderausstellung im Bezirksmuseum in Dachau „LebensRaumOrdnung“.

FOTO: Detail bearbeitet aus C.O.Petersen: Mein Lebenslexikon, München 1934.  

Chicken crossing

In Unterweikertshofen findet sich dieses einzigartige Schild: Vorsicht – hier queren Hühner die Straße!

Ich liebe dieses Schild, das immer für Schmunzeln und gute Laune bei allen sorgt, die es bemerken. Und es passt jetzt auch so gut in die österliche Zeit: schließlich gelten Hühner als Lieferanten der Eier, die für Ostern gekocht und gefärbt werden. Wobei dies nicht immer so gesehen wurde.

Da Hennen nur weiße oder braune Eier legen, wählte man zeitweise als Erklärung für die bunten Ostereier den Märzhasen. Der Chronist für Bräuche im 17. Jahrhundert, Doktor Georg Frank schrieb dazu 1682: „Man macht einfältigen Leuten und kleinen Kindern weis, diese Eier brüte der Osterhase aus und verstecke sie im Garten“. Schließlich würde er auf dem Feld, bevor er loshopple, eine Weile innehalten – dieser Moment sei der des Eierlegens. In manchen Gegenden Deutschlands war laut Volksglaube auch der Storch, Fuchs, Kuckuck oder Kiebitz unterwegs, um die Eier zu bringen. Letztendlich siegte aber der Hase, für dessen Popularität zahlreiche Grußkarten um 1900 und dann die  populäre „Häschenschule“, ein Bilderbuch von 1924, sorgten.

Im Dachauer Land hielt sich jedoch lange die Ansicht, dass der Gockel die Eier bringen würde. Kinder bastelten hier ein Nest, das ihn anlocken sollte. So ist aus Pellheim überliefert, dass ein Gockelnest aus im Boden gesteckten Weidenzweigen gebaut wurde, die oben zusammengebunden wurden. Zwei Seiten waren mit Fichtenreisig abgedeckt und die dritte Seite als Eingang offen gelassen. Der Boden wurde mit Moos bedeckt.

In Erdweg ließ sich der Gockel partout nicht in das vorbereite Nest locken, wie sich ein Zeitzeuge erinnerte – dennoch hätten die Kinder am folgenden Tag bunte Eier im Nest gefunden. In Wollomoos wurde sichtlich etwas nachgeholfen: „Der Gockel entledigt sich seiner Aufgabe sehr gerne, wird er doch von den Kindern schon längere Zeit vorher mit Eierschalen und Brot gefütter “, hielt der Ortspfarrer fest.

Inzwischen wurde in unserer Region der Gockel auch vom Osterhasen abgelöst – zumindest als Eierbote. Gelegt werden die Eier immer noch von den Hühnern – denn die haben ja schließlich Vorrang – zumindest in Unterweikertshofen.

 

FOTO: Schild in Unterweikertshofen, Richtung Langengern. Birgitta Unger-Richter.

 

Zu Osterbräuchen, nicht nur im Dachauer Land, gibt der Ausstellungskatalog des Bezirksmuseums in Dachau „Allerlei ums Osterei“ von 1996 Auskunft (hier auch das Zitat von Sebastian Frank). Im Mai 2022 erscheint die Chronik Erdweg mit einem Beitrag zu örtlichen Bräuchen von Annegret Braun. Dort wird auch der unwillige Gockel erwähnt. Zu Pfarrer Neureuthers Aufzeichnungen über den Gockel in Wollomoos  s. Chronik Altomünster. Hg. Wilhelm Liebhart für den Museumsverein Altomünster, Altomünster 1999, S. 537.

 

 

 

 

 

Auf der Alm daheim

Neulich schrieb mir Herr A. aus Nordhessen: als passionierter Schallplattensammler habe er eine Single aus den 70er Jahren erworben und wolle mehr über seinen Fund „Das Oaduttate Mensch“ vom Gesangsduo Kerscher – Spilk, wahrscheinlich aus Dachau, wissen. Er finde das Lied sehr merkwürdig und fragte, ob das mit dem ihm schwer verständlichen Dialekt zusammenhängen könne? Ich antwortete ihm, dass ich das nicht glaube. Vielmehr handelt es sich um ein mehr als seltsames Lied, das Frauen abschätzig als „das Mensch“ bezeichnet und dabei den abwertenden Begriff „Dutten“ für weibliche Brüste verwendet. Die „Oaduttate“ ist folglich eine Frau mit einer Brust. Und auf diese stößt im Lied der Lenz beim Fensterln auf der Alm und wundert sich…

Oh je! Da wären wir mal wieder beim scheinbar unausrottbaren Klischee Alm! Der Salzburger Brauchtumsforscher Karl Zinnburg stellte dazu sehr treffend fest, dass „über das Almleben … die Städter vielfach recht romantische Vorstellungen“ hätten und „Schnulzenfilme und Heimatromane … diese Auffassung nur bekräftigt“ hätten.

Das „wahre“ Leben auf der Alm schilderte 2012 die in Tandern geborene Drehbuchautorin Karin Michalke in ihrem Buch „Auch unter Kühen gibt es Zicken“. Ihr Beispiel zeigte, dass auch im 21. Jahrhundert wenig Freizeit, dafür viel körperliche Arbeit und Entbehrungen zum Almleben gehören. Dennoch gab und gibt es viele Sennerinnen, die das Leben in den Bergen nicht missen möchten, weil es ihnen eine gewisse Freiheit gab und gibt. Früher entzog es die Frauen der sozialen Kontrolle einer engen und reglementierten Dorfwelt, heute bietet es Distanz zum hektischen von Ökonomie geprägten Leben und Naturnähe. Diese Freiheit war natürlich auch immer Objekt für Spekulationen über die Freizügigkeit auf der Alm – viele Liedtexte thematisieren dies. Eine Sennerin erzählte dazu, dass man ihr angedichtet habe, dass sie jede Nacht Männerbesuch auf der Alm erhalten habe. Diese Verleumdung habe sie sehr verletzt.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Text des von Herrn A. angefragten Liedes umso fragwürdiger.

Schließen möchte ich deshalb mit einem anderen Blick auf die Alm, der von der Sennerin Anni Reiter stammt: „Ich war mit Leib und Seele auf der Alm. Und wenn du das einmal so lange machst, kannst du es nicht mehr lassen. Dann ist es einem einfach seine Heimat, da oben.“

 

FOTO: Tafel vom Altomünsterer Kunstweg 2020/21 im Altowald.

Mein heutiger Dank gilt meinem Fragesteller aus Hessen, der mich auf die singenden Schwestern aus Dachau aufmerksam machte und mich so zu diesem Blogbeitrag inspirierte. Er wies mich auch auf Youtube hin, wo das Lied zu hören ist.

Informationen zum Thema: Karl Zinnburg (1924-1994) wurde zitiert in Helga Maria Wolf: Verschwundene Bräuche, Wien 2015. Die Drehbuchautorin Karin Michalke (bekannt für die Vorlagen zu den Rosenmüller-Filmen „Beste Gegend“, „Beste Zeit“) schrieb ihre Erfahrungen zweier Almsommer in „Auch unter Kühen gibt es Zicken“ 2012 nieder. Porträts von Sennerinnen hat Annegret Braun in „Frauen auf dem Lande“, München 2010 auf S. 42-46 zusammengefasst. Dort auch das Zitat von Anni Reiter.

Basst!

Sicherlich sind sie ihnen auch schon aufgefallen, die leuchtenden elektronischen Tafeln, die vermehrt an Ortseingängen und vor 30er-Zonen stehen. Sie zeigen die gefahrene Geschwindigkeit an, häufig mit einem lachenden Smiley in grün oder einem mit heruntergezogenen Mundwinkeln in rot. Damit verdeutlichen sie, dass man mit dem „richtigen“ Tempo unterwegs ist oder etwas verlangsamen sollte. Manchmal animieren sie auch schon weit vor dem Ort zum Herunterbremsen, um einen dann mit dem Symbol des hochgestreckten Daumens bei der zweiten Tafel  zu belohnen.

Inzwischen interessieren mich bei diesen Tafeln vor allem die Texte, die an einigen Orten zu finden sind:  „Danke“,  „Gute Fahrt“ gehören dazu oder „Guten Morgen“. Und bei all diesen ist mein persönlicher Favorit die Anzeigetafel am Ortseingang von Dachau, nach der Einmündung zum Krankenhaus. Dort erhielt ich bisher die kreativsten Botschaften. Zur Volksfestzeit rief sie zur Teilnahme auf mit „Auf geht’s“, während der Pandemie wünschte sie „Bleiben sie gesund“.  Neulich träumte ich in Gedanken versunken,  dass künftige Anzeigen persönliche Botschaften senden würden wie „Guten Morgen liebe Birgitta, gut geschlafen? Ich wünsche dir einen schönen Tag!“  Eine ähnliche Idee  hatte übrigens der Regisseur Mick Jackson in seinem Hollywoodfilm „L.A. Story“ von 1991. Ohne zuviel vorneweg zu verraten – dort spielte eine Anzeigetafel eine wichtige Rolle, weil sie einem Meteorologen, gespielt von Steve Martin,  zum Happy End in einer Liebesbeziehung verhalf.

Aber bis unsere Tafeln solche Botschaften senden, freue ich mich über weitere kreative Kurzbotschaften, so wie neulich in Oberroth: „Basst!“

 

Foto: Anzeigetafel in Dachau, Ortseingang von Günding kommend.

Übrigens ist im Februar Valentinstag – wäre das eine Idee für die Texter der Anzeigetafeln?

Schwein gehabt

Mit dem 21. Dezember, dem sogenannten „Thomastag“ wurden und werden nicht nur allerlei Orakelbräuche verbunden. Früher traf man an diesem Tag vor allem die Vorbereitungen für das Festmahl an Weihnachten. So wurde Früchtebrot gebacken und ein Schwein geschlachtet. Der Schlachttag auf dem Land war ein Ereignis, an dem auch die Kinder teilnahmen. „Dem aber, der sich aus Ekel oder Furcht vor dem blutigen Geschäft in der warmen Stube verkroch, dem konnte es passieren, dass ihm auf einmal ein blutiger Haxn durch die Tür entgegengestreckt wurde. Das war dann halt der bluadige Thamerl, der mit seinem blutbesudelten Hammer … einen vorübergehenden Schrecken einjagte“ (Gerald Huber). Die Nacht zum 22. Dezember galt als die erste der sogenannten „Raunächte“, in der auch die Perchten ihr Unwesen trieben.

Am 24. Dezember war dann der Spuk vorbei. Man feierte den christlichen Festtag der Geburt Christi. Nach der adventlichen Fastenzeit ohne Fleischgenuss  gab es ein üppiges Mahl: dann kamen nach der Christmette die frischen Blut- und Leberwürste als „Mettenwürste“ auf den Tisch und am 25. Dezember gab es im ländlichen Raum für Bauern und Gesinde Schweinebraten. Bis 1900 kam an Weihnachten nur Schweinefleisch auf den Tisch – erst dann bürgerte sich das Essen einer Weihnachtsgans ein.

Heutzutage geht der Trend auch zum fleischlosen Festtagsmahl. Das Schwein ist eher aus Schokolade oder Marzipan und soll zu Neujahr Glück bringen. So kann die eine oder andere leibhaftige Sau im Stall aufatmen: Schwein gehabt…

 

Foto: eine der Lichtinstallationen der Lightning Karschalls beim Poetischen Herbst 2021 in Bergkirchen, Hoftheater.

Zu Weihnachten und den dazu gehörenden Bräuchen informiert ausführlich Gerald Huber: 1200 Jahre Weihnachten. Ursprünge eines Festes, München (Volk Verlag) 2019. Das obige Zitat findet sich dort auf S. 170. Weiterhin Münchner Bildungswerk (Hg): Klaubauf, Klöpfeln, Kletzenbrot: Der Münchner Adventskalender, München 20163.

Das Gscheidhaferl

Worüber ich erst neulich wieder einmal gestolpert bin, ist das Wort „Gscheidhaferl“. Wir führten im Familienkreis eine lebhafte Debatte, bei der jeder das letzte Wort haben wollte. Ich war der „Gewinner“, was unsere Tochter mit der Bemerkung quittierte, dass ich manchmal schon ein rechtes „Gscheidhaferl“ sei, was alle mit großem Gelächter kommentierten.

Das gab den Anstoß dazu, über den Begriff einmal nachzuforschen. Laut Bayrischem Wörterbuch ist die Bezeichnung ein Synonym für „Besserwisser, Klugscheißer, Neunmalkluger, Klugschwätzer“ – allesamt Ausdrücke, die Wissen und Klugheit abschätzig bewerten. Auch im Schwäbischen, meiner ersten Dialektsprache, wird ein vermeintlich kluger Mensch eher spöttisch als „Obergscheidle“ bezeichnet. Er ist nicht „gscheid“,  sondern gesteigert „ober-gscheid“, also einer, der alles besser weiß oder zu wissen glaubt.

Oh je! Da hatte ich mir also kein Kompliment eingehandelt – aber ich tröstete mich damit,  dass unsere Tochter mit dem impulsiven Ausruf sicher nur ihre gefühlte Niederlage im Wortgefecht kompensieren wollte.

Woher die Verbindung mit dem „Haferl“, einer Tasse oder einem Gefäß kommt, konnte ich nicht einwandfrei klären. Da „Haferl“ wohl früher auch den „Nachttopf“  bezeichnete, könnte die Nähe zum Klugscheisser auf die negative Bedeutung hindeuten. Aber so sicher bin ich mir da nicht.

Falls sie mehr zum Thema wissen – gerne melden – Gescheidhaferl sind gefragt! Ich mache mir einstweilen ein Haferl Kaffee in Anlehnung an eine bayrische Rösterei. Diese hat nämlich den Begriff für sich gewendet und bietet einen „gscheiden“ Kaffee in einem Haferl an.

 

FOTO: Kaffeepause in einem Museumscafé.

Wer sich für Dialektausdrücke und ihre Herkunft interessiert, sei auch auf das schöne Buch von Dr. Norbert Göttler mit Fotografien von Paul Ernst Rattelmüller hingewiesen: „ausgesprochen bayerisch“ ist eine wahre Fundgrube für  Dialektliebhaber. Die digitale Ausstellung dazu ist ebenfalls sehenswert.

 

 

Cheeeeese

Nein – das ist nicht die neue Regierungsmannschaft, sondern mein ganz persönliches Küchenkabinett! Am Tag der Regionen (3. Oktober) kochten wir parallel zur Mitmach-Kochshow „Aufkoch´d weard“. Bei dieser auf You Tube übertragenen Show zauberten die Köche Christopher Schreiner und Christian Siegling mit verbaler Unterstützung des BR-Moderators Sascha Seelemann und Landrat Stefan Löwl in einer Restaurantküche ein dreigängiges Menü.

Mit Blick auf den Bildschirm stellten meine Assistenten und ich die benötigten Zutaten zusammen, schnibbelten, hackten, schmeckten ab – in unserer Küche ging es rund. Da wir nicht wie die Online-Köche alles vorgeschnitten hatten, kamen wir dabei richtig ins Rotieren. So kam der Vorschlag der Mitköche auf, dass die vorgesehene Kürbissuppe ja ein vollwertiges Essen sei und doch sicherlich auch erst unter der Woche gekocht werden könnte. Das wurde einstimmig angenommen. Angesichts des betörenden Duftes von gebratenem Speck, Pilzen und Zwiebeln fiel dann auch die Entscheidung gegen das Zubereiten der vegetarischen Pflanzl – diese würden ja auch am nächsten Wochenende schmecken.

So blieb uns viel Zeit, um in aller Ruhe das Kartoffel-Petersilienpüree und den lauwarmen Rotkohlsalat vorzubereiten, während die Rinderrouladen vor sich hin köchelten.  Ausserdem konnten wir entspannt den Ausführungen der Teilnehmer lauschen, gemütlich den Tisch im Freien decken, die passenden Getränke (Holunderlimo war der Favorit) wählen und über den Nachtisch am letzten „Sommertag“ diskutieren. Während dann die Profiköche Eier aufschlugen, um einen Teig für den geplanten karamellisierten Kaiserschmarrn zu rühren, wurde im Küchenkabinett bereits über die nächste Menü-Alternative abgestimmt: Kaiserschmarrn gibt’s nächste Woche nach den Quinoa-Pflanzl, wir schauen den Köchen zu wie es geht und gönnen uns an diesem letzten sonnigen Tag nochmals Eis! So wurde dem vierten Kabinettsmitglied die Fahrt zu nächsten Eisdiele aufgetragen, um dort regional hergestelltes italienisches Eis zu organisieren.

Aber auch bei den Zutaten war kreativer Geist und Improvisationstalent gefordert: die Kartoffeln wurden angesichts des reduzierten Menüs als zu wenig empfunden – wir stockten die Zutatenmenge auf. Die Preiselbeeren in der Speisekammer erwiesen sich als zu „historisch“ um noch verwendet zu werden – wir wählten alternativ tiefgefrorene Johannisbeeren aus dem eigenen Garten. Und was machen wir mit dem „Zuviel“ an Rouladenfüllung? Lassen wir einfach in der Soße mitkochen.

So endeten die Verhandlungen im Küchenkabinett in einem harmonischen Miteinander und einem schmackhaften Mittagsmahl. Vielleicht finden die politischen Verhandlungen aktuell ja auch ein solches „Happy end“  und werden ebenfalls durch ein Selfie mit lachenden Gesichtern dokumentiert: „Cheeeeese!“

 

Foto Familie Richter

Wer am Erntedanksonntag und gleichzeitigem „Tag der Regionen“ keine Zeit hatte der Live-Kochshow zu folgen: hier kann man sie jederzeit nochmals aufrufen und mitkochen. Das Menü und die Zutatenliste sind auf der Webseite des Landvolkshochschule auf dem Petersberg zu finden. Und auf der Crowdfunding-Seite für das Projekt ist noch Luft nach oben. 

>>> und hier unsere Dessertalternative – wir nehmen wenn möglich immer eine eigene Schüssel mit, was Verpackung spart.

Es geht ans Eingemachte!

Vor einigen Jahren habe ich mich an dieser Stelle noch beklagt, dass die Amseln meine ganzen Johannisbeeren vertilgt und bei mir einen „Mittsommerblues“ verursacht hätten. Heuer kam ich ihnen zuvor und brachte eine reiche Ernte ein! Also ging es dieses Jahr ans Eingemachte, das Wesentliche  – wie es die gängige Redewendung so schön auf den Punkt bringt: was fange ich mit den geernteten Früchten an?

Dabei fiel mir wieder eine Methode ein, die vor einigen Jahrzehnten in Mode war: erinnern sie sich auch noch an die bauchigen Gefäße mit Früchtedekor oder der Aufschrift „Rumtopf“? In den 80er Jahren fand ich beim Einzug in meine WG in München einen braunen Topf aus Steingut im Besitz meiner Mitbewohnerin vor. In diesen Topf mit Deckel wurden je nach Saison die geernteten Früchte mit zusätzlichem Zucker geschichtet und dann mit Rum übergossen. Das Ganze ließ man für mindestens vier Wochen ziehen und schöpfte daraus nach Bedarf beschwipste Früchte zum Dessert wie Pudding oder Eis.

Ich dachte, dass diese Art der Haltbarmachung von Früchten inzwischen vergessen sei, bis ich im Internet auf Tipps, wie: „Machen Sie frische Früchte nach alter Art haltbar – Konservieren Sie Erdbeeren, Pfirsiche, Kirschen & Co. in einem Rumtopf und genießen Sie in der kalten Jahreszeit ein köstliches Dessert!“ stieß. Es gibt ihn also noch: den guten alten Rumtopf! Und ich hätte ihm einen würdigen Platz im Museum eingeräumt…

Selber habe ich das Experiment nie wiederholt und koche stattdessen lieber Marmeladen und Gelees ein. Aber ich werde diesen Beitrag zum Anlass nehmen, um meine ehemalige Mitbewohnerin anzurufen und zu fragen, ob sie einen Rumtopf angesetzt hat. Wenn ja, lade ich mich gerne ein und bringe ein passendes Dessert dazu mit…

 

Foto: Ein Teil der verarbeiteten Johannisbeerernte

Wenn sie jetzt Lust aufs Einmachen, Kochen oder Backen bekommen haben: die MuseenDachauerLand arbeiten gerade an einer Serie über Kochkultur im Dachauer Land, die ab Mitte des Monats in der Presse veröffentlicht wird. Und am Tag der Regionen am 3. Oktober können alle, die gerne essen und kochen ein saisonales und regionales Menü kochen, begleitet und angeleitet von jungen Köchen aus dem Dachauer Land bei einer Live-Kochshow auf Youtube. Oder sie können in einem Wirtshaus im Landkreis das Menü fertig gekocht bestellen und genießen. Näheres dazu unter https://www.der-petersberg.de/tag-der-regionen/.