Lebenswelt

Heimat in Serien

Vor Jahren erhielt ich eine Mail einiger Kolleginnen, die mir schrieben,  dass sie einen Ausflug nach Lansing unternehmen würden. „Lansing?“, schrieb ich stirnrunzelnd zurück: „Wo liegt denn Lansing?“

Sie wissen es sicherlich längst: „Lansing“  ist der Drehort der täglichen BR-Serie „Dahoam is Dahoam“ und das bereits seit 2007!

Früher wurde beim Format der „Serie“ wöchentlich eine Folge ausgestrahlt – so in den 80er Jahren die amerikanischen Familiensagas „Dallas“ und „Der Denver-Clan“, die das  Leben der Reichen und Schönen schilderten. In Deutschland entwickelte sich mit der „Lindenstraße“ eine wöchentliche Dauerserie, die das alltägliche Leben der Bewohner eines Mietshauses ohne Glamour schilderte.

Heutzutage muss man nicht mehr eine ganze Woche warten, um die Fortsetzung solcher Geschichten zu erleben. In sogenannten „daily soaps“ kann der Zuschauer täglich in fremde Welten eintauchen, sei es in Vorabendserien oder bei Streamingdiensten. Die zuletzt genannten ermöglichen sogar jederzeit den individuellen Zugriff auf Filme am heimischen Fernseher oder auch unterwegs auf dem Tablet oder Smartphone.

Diese Entwicklung geht weit über Walter Benjamins Analyse hinaus, der sich als einer der ersten in „Das Kunstwerk in den Zeiten der technischen Reproduzierbarkeit“ mit der Vervielfachung der medialen Kunstwerke auseinandergesetzt hatte. Mitte der 30er Jahre verglich er die neuen Medien der Fotografie und des Films mit Werken der bildenden Kunst und sprach den erstgenannten eine Aura ab –  sie hätten das Besondere und Einmalige verloren.

Um „Kunst“ geht es in den wenigsten Fällen bei den daily soaps, abgesehen von einigen preisgekrönten Produktionen, die einen hohen ästhetischen Anspruch erfüllen. Vielmehr soll der Zuschauer unterhalten und langfristig als Zuseher gewonnen werden. Schließlich geht es um Einschaltquoten und damit verbundene kommerzielle Interessen. Die Autoren und Filmemacher entwickeln dafür eine eigene Welt mit einer Geschichte in einem festgesteckten Umfeld mit Sympathieträgern, Helden und Anti-Helden. Die Geschichten bauen auf das Wiedererkennen und Mitfühlen der Zuschauer. Dieser ist mit der Lebenswelt der Handelnden vertraut, kennt die Umgebung in der sie leben, die Freunde, Verflechtungen, Charaktere. Sie bieten ihm eine mediale Heimat auf Zeit an.

So ist der Titel der BR-Serie „Dahoam is Dahoam“ meiner Meinung nach nicht nur der Titel für eine Daily Soap aus Lansing, das übrigens in Dachau liegt und auch immer wieder „Live“ besichtigt werden kann. Der Titel verweist darüber hinaus als treffende Charakterisierung auf eine besondere Form von „Heimat“, Heimat in daily soaps,  „Heimat in Serien“.

 

Die Collage auf dem FOTO befand sich auf dem Dachboden eines denkmalgeschützten Hauses.

Heimat – Lebenswelt

„Heimat ist, von wo man als Jugendlicher flüchtet und wohin man im Alter wieder sehnsuchtsvoll zurückkehrt“,  so wurde der Liedermacher und Komödiant Willy Astor in einem Radiobeitrag des Bayrischen Rundfunks in der letzten Woche zitiert. Als Heimatpflegerin wurde ich da natürlich hellhörig und auch nachdenklich.

Als Jugendliche wollte ich möglichst schnell der Heimat den Rücken kehren: es war die Zeit von Interrail, dem grenzenlosen Reisen, Abenteuerlust und Aufbruch. Doch die Reisen machten auch Lust auf andere Veränderungen: das Studium führte mich nach München, und Bayern wurde mir dann zur zweiten Heimat. Ob ich im Alter wieder ins „Ländle“ zurückgehen werde? Ich glaube eher nicht.

Vielleicht meinte Willy Astor ja auch nicht nur das physische dauerhafte Zurückkehren in die Heimat. Ich denke, dass man häufiger in der Erinnerung an besondere Erlebnisse, vor allem in der Kindheit, in die „emotionale Heimat“ zurückreist.

Dieses Erinnern und Nachdenken über das eigene Leben haben Schriftsteller literarisch in Autobiografien verwoben. Sie haben damit ihre vergangene und/oder aktuelle Lebenswelt festgehalten. Ihre persönlichen Lebenserfahrungen sind dabei häufig eng mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft.

Das war eine der Überlegungen, die mich dazu bewogen hatten das Thema des diesjährigen „Poetischen Herbst“ zu wählen: „Lebenswelt(en) – Autobiografien im Dachauer Landkreis“. Die Idee ist, mit persönlichen Textdokumenten eine poetische Brücke zum Landkreis Dachau zu bauen und den Blick auf verschiedene Zeiten und Umstände, auf politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen in unserer näheren Heimat zu lenken.

Was erlebten die Protestanten im katholisch geprägten nördlichen Dachauer Hügelland, als sie im 19. Jahrhundert ankamen? Wie lebt man als Dachauer im 20. Jahrhundert mit dem Wissen um das ehemalige Konzentrationslager in nächster Nachbarschaft? Wie steht es um das Rollenverständnis der Geschlechter? Wo steht die junge Generation? Wieviel Veränderung verträgt unsere Gesellschaft?

Gedanken dazu gibt es beim Poetischen Herbst 2016 . Wir laden sie herzlich dazu ein, ihre Heimat mit den Augen anderer neu zu sehen!

 

FOTO: Herbst im Schwarzwald.