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Fahnaweih

Fahnenweihen sind, wie es scheint, heute wieder beliebte Anlässe für Feiern. Viele Vereine laden in den nächsten Wochen dazu ein.

Um die Weihe haben sich lokale Bräuche entwickelt. So gibt es das Patenbitten, bei dem ein befreundeter Verein gefragt wird, die Patenschaft zu übernehmen. Das geschieht mancherorts kniend auf einem Holzscheit. Auch müssen Vereinsmitglieder Fragen beantworten und/oder lustige Aufgaben bewältigen, bevor die Patenschaft angenommen wird. Es gibt eine Fahnenbraut, Festdamen und eine Fahnenmutter, die sich um den Erhalt der Fahne – auch finanziell – kümmert und auch immer wieder Festbänder stiftet.

Der Brauch des Mitführens einer Fahne hat einen militärischen Ursprung. Die Fahne bot den Kämpfenden früher eine Orientierung in den Schlachten. Wenn sie geweiht wurde, wurde dies als Zeichen göttlichen Schutzes bei kriegerischen Auseinandersetzungen gesehen. Ab dem 19. Jahrhundert fanden Fahnen Eingang in die zivilen Vereine als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Die aufwendig gestickten kostbaren Textilien wurden zur Vereinsgründung hergestellt. In Pipinsried ist dokumentiert, dass der Burschenverein dafür eigens 1921 eine Haussammlung veranstaltete. Der Tanderner Burschenverein gab 1922 für seine Fahne 13.500 Reichsmark aus – eine stattliche Summe, die heute einem Gegenwert von etwa 67.000 Euro (!) entsprechen würde.

Manche der historischen Fahnen haben über die Jahrzehnte gelitten. 1934 sollten sie gemäß der Ablieferungspflicht der Nationalsozialisten abgegeben werden, woran sich aber viele Vereine nicht hielten. So wurden sie z.B. in Pipinsried im Wirtshaus versteckt und auch in Tandern im Verborgenen aufbewahrt. Sie haben sich bis heute erhalten und die dunkle Zeit mit ihren Parteifahnen überdauert.

Fahnenweihen werden heute oftmals auch mit Gründungsjubiläen kombiniert, wie dieses Jahr im Juni in Randelsried. Es sind mehrtägige Veranstaltungen mit Festzelt, Festzug, Party- und Kabarettabend. Für diesen Festmarathon wird häufig „trainiert“, wie der Burschen- und Madlverein des Ortes auf seiner Facebookseite anschaulich zeigt. Eine Fahne wird auch geweiht werden, zeitgemäß bei einer „Rockmesse“- ein Ausdruck dessen, dass sich Bräuche auch ändern dürfen. Aber es geht vor allem ums Feiern (natürlich auch mit viel Gerstensaft) und so wirbt voller Vorfreude der Schwabhausener Burschen- und Madlverein auf seinen Transparenten: Samma ehrlich – Fahnaweih is herrlich!

 

FOTO: Ausschnitt aus dem Schwabhausener Transparent 2026, Unger-Richter.

Für mich sind die konservierten Vereinsfahnen neben ihrer ästhetisch handwerklichen Qualität auch ein Hoffnungszeichen. Fahnen waren nicht nur im militärischen Kontext beheimatet, sondern auch ein Ausdruck von Freiheitswillen und Bürgerbeteiligung nach der Französischen Revolution. 1820 malte Eugène Delacroix das ikonische Bild „Die Freiheit führt das Volk an“, das heute im Louvre hängt. Eine weibliche Fahnenträgerin schreitet für die Freiheit voran. Und auch beim Hambacher Fest 1832 trugen viele Befürworter der Demokratie Fahnen in ihren Händen. Vereine sind demokratische Einrichtungen, die sich als Gemeinschaft mit gewählten Vorständen und Mitgliedern, die Ehrenämter wie Kassenwart oder Schriftführer übernehmen, organisieren. Sichtbar gelebte Demokratie, die gefeiert werden darf!

Zu den historischen Informationen in Pipinsried und Tandern s. den Artikel über den Pipinsrieder Verein vom 16./17.07.2022 von Gisela Huber „Fahnenweihe neu aufgerollt“ in den Dachauer Nachrichten. Ebenfalls dort ein Bericht über den Tanderner Verein am 23.04.2026 von Anton Ostermair: „Neustart nach über einem Jahrhundert“. Einen ausführlichen Aufsatz zur Historie und Bräuchen findet man u.a. beim Chiemgauer Alpenverband: https://chiemgau-alpenverband.de/sachgebiete/brauchtum/fahnenwesen/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grenz-Wertig

Der Begriff „Grenz-Wertig“ kann in zwei Richtungen interpretiert werden. Zum einen bezeichnet er Werte an einer geografischen Grenze und zum anderen stellt er eben diese Wertigkeit von Dingen in Frage. Deshalb habe ich diesen Begriff bewußt als Motto für meine Exkursionen gewählt, die die Teilnehmer einmal jährlich an die Grenzen im Landkreis Dachau führen soll.

Was die erste Bedeutung anbelangt: wir reisen zusammen entlang der Landkreisgrenze in Richtung Fürstenfeldbruck, Aichach-Friedberg, Pfaffenhofen, München. Dabei besuchen wir Baudenkmäler, interessante landschaftliche Abschnitte, historisch bedeutsame Orte. Es geht dabei nicht um ein landkreisweites „Sachschaun“ in Abgrenzung zu den Nachbarlandkreisen. Es geht vielmehr um Informationen zur Kultur- und Heimatpflege die zeigen, wie willkürlich die heutigen politischen Grenzen oftmals gesetzt sind. Drei Beispiele von vielen seien hier genannt: Pfarrverbände wie der in Haimhausen-Fahrenzhausen bilden eine Einheit über Dachau hinaus mit dem Freisinger Kreis. Die Kirche St. Dionysius in Pipinsried schlägt eine Brücke zwischen der Diözese München-Freising und dem Bistum Augsburg. Die Furthmühle trennen nur wenige Meter von der Gemeinde Pfaffenhofen. Heute gehört sie zum Landkreis Fürstenfeldbruck, während sie im 19. Jahrhundert Bestandteil der Besitztümer der Augsburger Familie von Lotzbeck war, der neben Schloss Weyhern auch die ehemalige Hofmark Eisolzried bei Bergkirchen gehörte.

Übrigens abseits der Denkmalpflege: es verläuft auch eine Art sprachlicher Grenze durch den Landkreis Dachau. Der Übergang vom Dialekt des Bairischen zum Schwäbischen manifestiert sich bereits in der Gegend um Altomünster. Auch Trachten, Musik und Brauchtum lassen sich nicht auf politische Grenzen reduzieren….

Aber zurück zum Begriff „Grenz-Wertig“, der im zweiten Sinne eine Kategorie ist, die die subjektive Geschmacksempfindung betrifft: hier treffen Anhänger von Toskanahäusern auf Liebhaber von Bauhaus-Würfeln, Freunde der neuen Ruinenarchitektur auf Gartenzwergidyllen, Tradition auf Moderne.

Kann man diese beiden Grenzwerte zusammenbringen? Ich denke schon. Der Blick auf Werte schärft den Blick für Qualität und beeinflusst den Geschmack. Und in diesem Sinne halte ich es mit Oscar Wilde, der sagte: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“

Werte setzen sich durch – auch über Grenzen hinweg.

 

Auf dem FOTO sehen sie einen Blick auf eine Straße zwischen Deutenhausen und Kreuzholzhausen. Im Hintergrund die Alpenkette.