Gartenzwerg

Grenz-Wertig

Der Begriff „Grenz-Wertig“ kann in zwei Richtungen interpretiert werden. Zum einen bezeichnet er Werte an einer geografischen Grenze und zum anderen stellt er eben diese Wertigkeit von Dingen in Frage. Deshalb habe ich diesen Begriff bewußt als Motto für meine Exkursionen gewählt, die die Teilnehmer einmal jährlich an die Grenzen im Landkreis Dachau führen soll.

Was die erste Bedeutung anbelangt: wir reisen zusammen entlang der Landkreisgrenze in Richtung Fürstenfeldbruck, Aichach-Friedberg, Pfaffenhofen, München. Dabei besuchen wir Baudenkmäler, interessante landschaftliche Abschnitte, historisch bedeutsame Orte. Es geht dabei nicht um ein landkreisweites „Sachschaun“ in Abgrenzung zu den Nachbarlandkreisen. Es geht vielmehr um Informationen zur Kultur- und Heimatpflege die zeigen, wie willkürlich die heutigen politischen Grenzen oftmals gesetzt sind. Drei Beispiele von vielen seien hier genannt: Pfarrverbände wie der in Haimhausen-Fahrenzhausen bilden eine Einheit über Dachau hinaus mit dem Freisinger Kreis. Die Kirche St. Dionysius in Pipinsried schlägt eine Brücke zwischen der Diözese München-Freising und dem Bistum Augsburg. Die Furthmühle trennen nur wenige Meter von der Gemeinde Pfaffenhofen. Heute gehört sie zum Landkreis Fürstenfeldbruck, während sie im 19. Jahrhundert Bestandteil der Besitztümer der Augsburger Familie von Lotzbeck war, der neben Schloss Weyhern auch die ehemalige Hofmark Eisolzried bei Bergkirchen gehörte.

Übrigens abseits der Denkmalpflege: es verläuft auch eine Art sprachlicher Grenze durch den Landkreis Dachau. Der Übergang vom Dialekt des Bairischen zum Schwäbischen manifestiert sich bereits in der Gegend um Altomünster. Auch Trachten, Musik und Brauchtum lassen sich nicht auf politische Grenzen reduzieren….

Aber zurück zum Begriff „Grenz-Wertig“, der im zweiten Sinne eine Kategorie ist, die die subjektive Geschmacksempfindung betrifft: hier treffen Anhänger von Toskanahäusern auf Liebhaber von Bauhaus-Würfeln, Freunde der neuen Ruinenarchitektur auf Gartenzwergidyllen, Tradition auf Moderne.

Kann man diese beiden Grenzwerte zusammenbringen? Ich denke schon. Der Blick auf Werte schärft den Blick für Qualität und beeinflusst den Geschmack. Und in diesem Sinne halte ich es mit Oscar Wilde, der sagte: „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“

Werte setzen sich durch – auch über Grenzen hinweg.

Mein Gartenzwerg

„Jeder Mensch hat einen eigenen Gartenzwerg“ – so eröffnete vor vielen Jahren meine Germanistikprofessorin die Abschlussprüfung und verblüffte mich damit dermaßen, dass mir zunächst keine Antwort einfiel. Hatte ich mich doch auf Fragen zu den Schriftstellern und der Literatur der Aufklärung eingestellt…

Daran erinnerte ich mich, als ich anlässlich eines Vortrags über Gartenbauvereine, Schrebergärten und Gartenstädte recherchierte.  Denn dabei stieß ich auf das Forschungsgebiet der „Nanologie“ – der Gartenzwergkunde, die sich wissenschaftlich mit Herkunft, Bedeutung und Wesen des Gnomen befasst. Als Wurzeln für die Zwerge hat diese unter anderem Sagen und Mythen ausgemacht, in denen Wichtel als fleissige Bergmänner erscheinen – als bekannteste Vertreter können hier die sieben Zwerge aus „Schneewittchen“ genannt werden.

Als steingewordener Gartenschmuck tauchten sie zunächst im höfischen Umfeld auf, so auch im berühmten barocken Mirabell-Garten in Salzburg. In die bürgerlichen Gärten schafften sie es erst im 19. Jahrhundert. Aufgrund der großen Nachfrage entwickelte sich eine industrielle Produktion von tönernen Zwergen, deren bekannteste Manufaktur seit 1874 bis heute in Thüringen besteht.

Soweit die Geschichte – aber wie steht es um das heutige Image des Gartenzwergs? Als Kind mochte ich die kleinen Männchen mit den roten Zipfelmützen, der Laterne oder einer Schubkarre. Besonders beeindruckend war, wenn sie in einer künstlichen erstellten Tuffsteinlandschaft standen, umgeben von weiteren Märchenfiguren – und dann fuhr da noch eine Eisenbahn durch diese Zauberwelt! Ich erinnere mich auch noch vage an zwei Exemplare, die ich als Kind selbst besaß, die meine Mutter aber in einen hinteren uneinsehbaren Gartenteil unseres Grundstücks verbannte – heute verstehe ich auch warum.

Denn bis heute gilt der Gartenzwerg als Inbegriff des Kitsches, des spießigen akkuraten Vorgartens, allgemein einer gewissen Beengtheit. Oder er wird gleich mit dem ungeliebten Bild des tumben deutschen Michels verschmolzen.

Vielleicht muss man dem Gartenzwerg aber eine Chance geben, seiner kleinen Welt zu entfliehen. Dazu fällt mir der Zwerg in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ein, der mit einer Stewardess um die Welt reisen darf und von allen europäischen Großstädten Polaroidfotos an seinen Besitzer schickt und auf diese Weise sein Umfeld verändert. Oder mein Freund der Zwerg aus Schwabhausen, der lange Zeit an der Hauptstraße durch ein Loch in der Thujenhecke hinaus in die Ferne blickte. Seine Besitzer hatten ihm ein Fenster zur Welt geschnitten und ihn auf einen Sockel gestellt, weil er aufgrund seines Alters schon seine Füße eingebüßt hatte.

„Ja“,  würde ich heute auf die eingangs gemachte Feststellung antworten, „Vielleicht hat jeder Mensch einen eigenen Gartenzwerg – es kommt nur darauf an, was er daraus macht“. Und dann wären wir mitten in einer anregenden Diskussion, die sich weniger um Gartenschmuck als vielmehr um die menschliche Toleranz und den aufgeklärten Menschen drehen könnte – also um etwas, das gegenwärtig immer dringender gebraucht wird.

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