Kitsch

Kuckuck – Kuckuck!

„Kuckuck, kuckuck ruft’s aus dem Wald“- die alte Volksliedzeile fiel mir ein, als ich morgens die Fenster öffnete, um die frische Frühlingsluft ins Haus zu lassen. Aus dem mehrstimmigen Vogelstimmenchor trat ein unaufhörliches „Kuckuck – Kuckuck!“ hervor. Da erinnerte ich mich, dass dieser deutlich vernehmbare Gast bereits schon im letzten Jahr sein Quartier in der Nähe unseres Hauses  aufgeschlagen hatte. Nach dem ersten freudigen „ein Kuckuck! – wie schön!“ – war schon bald ein genervtes „schon wieder der Kuckuck!“ geworden. Denn er, wie es so richtig im Volkslied heißt, „läßt nicht sein Schrein“.

Aber ich will mich heute nicht über mein Tierparadies mit schatzgrabenden Maulwürfen, ernteplündernden Amseln und laut schreienden Singvögeln beschweren – vielmehr ein paar Gedanken zum gesungenen Liedgut mit Ihnen teilen.

Was verbinden Sie mit „Volksliedern“?  Bei den älteren Lesern schleicht sich vielleicht ein gewisses Unbehagen ein, wurden diese Lieder doch von den Nationalsozialisten häufig instrumentalisiert und damit vielfach beschädigt. Was dann in den 50er Jahren in den Heimatfilmen gesungen wurde, gehörte oftmals dann einfach in das Genre „Kitsch“ und „Schmalz“. Als Grundschüler lernten wir zwar jahreszeitlich passende Lieder und begleiteten sie mit Orff’schen Instrumenten – doch als Teenager liebten wir es, die Schlager von internationalen Popgruppen auf englisch mitzusingen. Beim Schüleraustausch standen wir dann oftmals hilflos vor unseren Gasteltern und Gastschülern, wenn wir aufgefordert wurden, doch ein deutsches Lied zu singen. Singen war in unseren Augen altmodisch und peinlich. Noch heute erinnere ich mich mit Grausen an eine Musikstunde, in der wir unter den gestrengen Augen des Musiklehrers am Flügel begleitet das Kunstlied „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ singen mussten…

Nach vielen Jahren stelle ich aber fest, dass selber Singen doch Spass machen kann und bedauere, dass ich mit meinen Kindern nicht mehr gesungen habe. Dennoch – erst neulich hatten wir Besuch von einer italienischen Musikerin, die nach einem deutschen Lied fragte. Als unsere Tochter dann spontan „Drunt in der greana Au“ einstimmte, konnten wir alle mitsingen.

Jetzt las ich, dass sich die Gruppe Quadro Nuevo der Interpretation von Volksliedern angenommen hat. Das halte ich für eine schöne Idee. Aber mehr selber singen wäre vielleicht auch etwas? Es gibt vielerorts Angebote für offenes Singen, wo man zwanglos internationales Liedgut singt. Bayrische Lieder können auch im Rahmen des Volksmusikprojektes im Wittelsbacher und Dachauer Land gelernt und geübt werden, nicht nur in Kindergärten und Schulen, auch in anderen Runden.

Zurück zu meinem gefiederten Sänger: es gibt ja noch ein anderes Volkslied, das von einem Kuckuck handelt: „Der Kuckuck und der Esel“. Dort heißt es, dass die beiden Tiere einen Sängerwettstreit im Mai führten. Das Ende vom Lied ist ein  fortdauerndes  „Kuckuck, Kuckuck, i-a, i-a! Kuckuck, Kuckuck, i-a!“ Da habe ich ja mit meinem Solisten echt noch Glück gehabt….

 

P.S: Der Begriff des „Volksliedes“ wurde bereits 1773 von Gottfried Herder geprägt. Er wollte damit die moderne lyrische Dichtung gegen die aus seiner Sicht „künstliche“ Form der Barockliteratur abgrenzen. Interessanterweise lehnte er seinen Begriff an den englischen „popular song“  von Thomas Percy an – Pop und Volkslied sind doch enger miteinander verwandt als gedacht….

FOTO: Unger-Richter, Bunter Vogel im Schwarzwald

 

 

 

 

Mein Gartenzwerg

„Jeder Mensch hat einen eigenen Gartenzwerg“ – so eröffnete vor vielen Jahren meine Germanistikprofessorin die Abschlussprüfung und verblüffte mich damit dermaßen, dass mir zunächst keine Antwort einfiel. Hatte ich mich doch auf Fragen zu den Schriftstellern und der Literatur der Aufklärung eingestellt…

Daran erinnerte ich mich, als ich anlässlich eines Vortrags über Gartenbauvereine, Schrebergärten und Gartenstädte recherchierte.  Denn dabei stieß ich auf das Forschungsgebiet der „Nanologie“ – der Gartenzwergkunde, die sich wissenschaftlich mit Herkunft, Bedeutung und Wesen des Gnomen befasst. Als Wurzeln für die Zwerge hat diese unter anderem Sagen und Mythen ausgemacht, in denen Wichtel als fleissige Bergmänner erscheinen – als bekannteste Vertreter können hier die sieben Zwerge aus „Schneewittchen“ genannt werden.

Als steingewordener Gartenschmuck tauchten sie zunächst im höfischen Umfeld auf, so auch im berühmten barocken Mirabell-Garten in Salzburg. In die bürgerlichen Gärten schafften sie es erst im 19. Jahrhundert. Aufgrund der großen Nachfrage entwickelte sich eine industrielle Produktion von tönernen Zwergen, deren bekannteste Manufaktur seit 1874 bis heute in Thüringen besteht.

Soweit die Geschichte – aber wie steht es um das heutige Image des Gartenzwergs? Als Kind mochte ich die kleinen Männchen mit den roten Zipfelmützen, der Laterne oder einer Schubkarre. Besonders beeindruckend war, wenn sie in einer künstlichen erstellten Tuffsteinlandschaft standen, umgeben von weiteren Märchenfiguren – und dann fuhr da noch eine Eisenbahn durch diese Zauberwelt! Ich erinnere mich auch noch vage an zwei Exemplare, die ich als Kind selbst besaß, die meine Mutter aber in einen hinteren uneinsehbaren Gartenteil unseres Grundstücks verbannte – heute verstehe ich auch warum.

Denn bis heute gilt der Gartenzwerg als Inbegriff des Kitsches, des spießigen akkuraten Vorgartens, allgemein einer gewissen Beengtheit. Oder er wird gleich mit dem ungeliebten Bild des tumben deutschen Michels verschmolzen.

Vielleicht muss man dem Gartenzwerg aber eine Chance geben, seiner kleinen Welt zu entfliehen. Dazu fällt mir der Zwerg in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ein, der mit einer Stewardess um die Welt reisen darf und von allen europäischen Großstädten Polaroidfotos an seinen Besitzer schickt und auf diese Weise sein Umfeld verändert. Oder mein Freund der Zwerg aus Schwabhausen, der lange Zeit an der Hauptstraße durch ein Loch in der Thujenhecke hinaus in die Ferne blickte. Seine Besitzer hatten ihm ein Fenster zur Welt geschnitten und ihn auf einen Sockel gestellt, weil er aufgrund seines Alters schon seine Füße eingebüßt hatte.

„Ja“,  würde ich heute auf die eingangs gemachte Feststellung antworten, „Vielleicht hat jeder Mensch einen eigenen Gartenzwerg – es kommt nur darauf an, was er daraus macht“. Und dann wären wir mitten in einer anregenden Diskussion, die sich weniger um Gartenschmuck als vielmehr um die menschliche Toleranz und den aufgeklärten Menschen drehen könnte – also um etwas, das gegenwärtig immer dringender gebraucht wird.

 

Die beiden Gartenzwerge, die selber bemalt werden können, habe ich für das FOTO in der Nachbarschaft ausgeliehen.