Schlagwort: Handwerker

Pole-Position

„Mit uns sitzen sie in der ersten Reihe“ – so warben die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ab dem Ende der 80er Jahre für ihr Programm. Das hätte auch ein Slogan der Kirchen in vergangenen Jahrhunderten gewesen sein können. Damals war der Sitzplatz in der Kirche nicht frei wählbar. Es gab die Männer- und die Frauenseite und die reservierten Plätze, wie Pfarrer Martin Dubberke in einer kleinen Geschichte des Kirchengestühls festgehalten hat: „Für einen Sitzplatz in der Kirche musste man zahlen.“ In sogenannten „Stuhlregistern“ wurden Preis und Dauer einer Miete festgelegt. Das war sowohl in evangelischen als auch in katholischen Kirchen der Fall. Und Sitzplätze wurden auch vererbt bzw. waren an Hofstellen gebunden. Dabei waren Plätze möglichst vorne begehrt: von dort aus hatte man einen unverstellten Blick auf den Zelebranten und die Liturgie und auch beim Austeilen der Kommunion war man zuerst an der Reihe – in der „Pole-Position“.

In Odelzhausen, wo mein Foto entstand, zeigt die Anbringung der Schilder auch eine gesellschaftliche Rangordnung: in der ersten Reihe durften die Angehörigen der Gutsherrschaft sitzen, in der zweiten Reihe Kirchenvertreter wie der Benefiziat und der Expositus, daneben die Akademiker wie der Lehrer, der Arzt und der Tierarzt. In der dritten Reihe folgten dann die Bauern mit Grundbesitz und Vertreter des ortsansässigen Handwerks wie der Müller. Noch vornehmer hatte es der Hofmarksherr Franz Xaver Unertl in Schönbrunn: er saß nicht in einer Bankreihe, sondern hatte sich einen eigenen Platz in seiner Kirche bauen lassen. Er verfolgte in einem Oratorium, einer Art Logenplatz auf Emporenhöhe, sehr vornehm mit Fenstern und balkonartiger Brüstung, den Gottesdienst von oben.

An privilegierte Plätze in der Kirche  erinnern nur noch die teilweise vor Ort verbliebenen Namensschildchen. Heute herrscht freie Platzwahl, manche Kirchenbesucher haben über die Jahre ihre Lieblingsplätze gefunden und viele sitzen lieber ganz hinten. Der Platz in den ersten Bankreihen – die „Pole-Position“– scheint heute kein Thema mehr zu sein und ist nurmehr Geschichte.

 

Foto: Birgitta Unger-Richter, Namensschilder in der Kirche St. Benedikt in Odelzhausen

Mehr zur Kirche in Odelzhausen bietet Hans Schertls Webseite kirchenundkapellen. Er listet weitere Kirchen auf, in denen  Schildchen erhalten sind: „Solche Namensschilder sind auch noch in den Kirchen von Ainhofen, Altomünster, Dachau, Eglersried, Ebertshausen, Einsbach – Hl. Blut, Glonn, Langenpettenbach, Puchschlagen, Asbach und in der Taxakapelle erhalten.“ Im Kapitel „Strukturwandel“ schreibt Franz Keiner, Dorf- und Hofmark Odelzhausen, Landshut 1992,  S.270-275 über die Veränderungen in Odelzhausen um 1900, u.a die Zunahme der Gemeindeangehörigen, die „keinerlei landwirtschaftliche Tätigkeit ausübten…. zu diesem Personenkreis zählten neben den zwei Geistlichen und den beiden Lehrkräften neuerdings ein Arzt (seit 1892), ein Apotheker (seit 1891)…“.  Außerhalb des Landkreises Dachau fand ich die Forschungen zur Kirchenstuhlordnung im schwäbischen Gültstein sehr interessant. 

Beim Jaga

In Altomünster in der Pipinsrieder Straße gibt es eines der seltenen Beispiele für eine Fassadenmalerei im Landkreis Dachau: ein Jäger mit angelegtem Gewehr und begleitendem Jagdhund vor einem Baum (s.u.). Das Bild erinnert daran, dass hier früher das Haus „Beim Jaga“ stand. Im 19. Jahrhundert schmückten die Fassade ein auf einen Hirsch schießenden Jäger – das Bild ist ebenfalls im Anhang. Dabei handelte es sich um Mörtelplastiken, die der in unserem Landstrich bekannte Maurer Bartholomäus Ostermair (1837-1899) geschaffen hatte. Bei der Sichtung seines Werks für einen Vortrag fand ich eine Abbildung des Hauses, die mich neugierig machte. Ostermair, der künstlerisch veranlagte Maurer aus Metzenried im Landkreis Schrobenhausen, hatte auf der Stör, d.h. als wandernder Handwerker, die umliegenden nahen und auch ferneren Dörfer bereist und dort Arbeit angenommen. Dazu gehörte neben der „klassischen“ Tätigkeit als Maurer auch das Anfertigen sogenannter „Mörtelplastiken“, die er aus einer Gipsmischung mithilfe von Gewebe und Holzleisten formte. Vor allem an Ställen sind seine Bauernheiligen und lebendig gestalteten Tiere noch zu sehen. Treuherzig schauende Kühe, munter ausschreitende Pferde, Fuhrwerke mit gemütlichem Kutscher, Heilige wie Florian, Leonhard oder Georg. Aber ein auf ein Reh zielender Jäger? An einem Haus in Altomünster? Leider ergaben die Nachforschungen, dass das Relief unwiederbringlich beim Neubau eines Hauses Mitte der 60er Jahre abgebrochen wurde. Und woher kam die Idee, einen Jäger auf der Fassade zu zeigen? Diese Frage ließ sich einfach lösen: der Sohn des Bartholomäus Ostermair hatte die Altomünsterer Jägertochter geheiratet, sodass der Vater wohl eine Plastik für deren Wohnhaus stiftete.

Am ehemaligen Jägerhaus ist auch heute noch der eingangs genannte Jäger auf der Pirsch dargestellt. Geht man ein paar Straßen weiter, trifft man auf eine weitere „Plastik“ (im wahrsten Sinne des Wortes aus Plastik), die in einem Privatgarten steht. Hier wird die Jägergeschichte fortgeschrieben: der Waidmann und sein Dackel scheinen nach getaner Arbeit auf dem Nachhauseweg zu sein. Der begleitende Igel hat sich bereits ein Pfeifchen angesteckt und das Reh mit Kitz im nahen Gebüsch schaut entspannt aus der Ferne zu. Es ist nicht in Gefahr. Hier herrscht neben einem großen einladenden Gartensessel schon Feierabendstimmung beim Jaga…

 

FOTOS: Birgitta Unger-Richter bis auf Jagahaus von 1912. Herzlichen Dank an den Besitzer der Jäger-/Igel-/Rehfiguren für die Erlaubnis die Fotos zu veröffentlichen. Das historische Foto verdanke ich Ernst Graf aus Altomünster, ebenfalls Zusatzinformationen von Alto Gruner zum Haus „Beim Jaga“. Vielen herzlichen Dank auch dafür!

Mehr über Bartholomäus Ostermair ist in der umfangreichen Monografie von Xaver Ostermair, erschienen 2020, zu erfahren. Dort finden sich zahlreiche Abbildungen der phantastischen und phantasievollen Darstellungen. Auch im Artikelarchiv des Amperlandes wird man fündig bei Josef Bogner: Bäuerliche Mauerplastiken in Amperland, 1967, S.71-75 und ders. in Amperland 1970, S. 17. Ein Standardwerk ist Robert Böck: Mörtelplastiken im nordwestlichen Bayern. In: Bayer. Jb. für Volkskunde, München 1959.

Das „Jagahaus“ in einer Aufnahme von 1912 (Archiv Ernst Graf) und heute. Das Reh mit Kitz befindet sich im gleichen Garten wie der gemütliche Jäger mit Igel.

 

Jaga Anwesen 1912
Mörtelplastik, Detail, 19. Jh.
Jäger auf der Pirsch am Neubau der 60er Jahre
Fassadenmalerei der 60er Jahre am heutigen „Jägerhaus“
Reh mit Kitz in einem Garten in Altomünster