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Kunst und Lebenskunst

Annemarie Kirchner-Kruse (geboren 1889) wollte Malerin werden! Kein einfacher Berufswunsch um die Jahrhundertwende. Die Akademien waren jungen Frauen damals noch verwehrt und eine Ausbildung erhielten angehende Künstlerinnen nur auf eigene Initiative in kostenpflichtigen privaten Malschulen. So machte sich auch Annemarie Kruse zusammen mit ihrer Mutter Anfang des 20. Jahrhunderts nach Paris auf, um an der Académie Matisse zu studieren. Dort lernte sie dann auch den Bildhauer Igor von Jakimov kennen, den sie mit 21 Jahren heiratete. Das Ende ihrer künstlerischen Karriere?

Annemarie Kirchner-Kruses beeindruckende Lebensgeschichte und ihr zeitweiliges Schaffen im Landkreis Dachau waren das Thema einer Lesung zum Internationalen Frauentag am vergangenen Wochenende. Wie sie Zeit ihres Lebens Kunst, Haushalt und Familie unter einen Hut brachte, nötigte allen Zuhörern und Zuhörerinnen großen Respekt ab. Nur ein paar Schlaglichter: während des 1. Weltkriegs verwaltete sie das Gut ihres russischen Ehemanns, bis er wieder aus dem Kriegsdienst heimkehrte. Nach der Flucht vor der Oktoberrevolution (mit zwei kleinen Kindern!) fand sie in Mariabrunn ein Heim im dortigen Roséschlösschen. Mit einfachsten Mitteln versorgte sie die Familie zu Beginn der 20er Jahre und zog nach der Trennung von ihrem Mann die drei gemeinsamen kleinen Kinder alleine groß.

Und die Kunst, die sie einst nach Paris geführt hatte zu Henri Matisse und Hans Purrmann, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband? Die Kunst war immer eine Konstante in ihrem Leben, wovon ihr noch erhaltenes Werk Zeugnis ablegt: impressionistische Gemälde von Mariabrunn bei Dachau, locker erfasste Ansichten des ehemaligen Gutes Jakimov, seelenvolle Porträts ihrer Kinder und Bekannten, stimmungsvolle Landschaften der Eifel. In ihrer Autobiografie berichtet Annemarie Kirchner-Kruse auch anschaulich über das Leben in Mariabrunn, wo zeitweilig eine kleine Künstlerkolonie bestand, zu der auch eine Weile die Schriftstellerin Regina Ullmann gehörte. Dort wurden Bilder gemalt und gezeichnet, Skulpturen geschaffen, Theaterstücke aufgeführt und Feste gefeiert. Kirchner-Kruses Werke, ihre schriftlichen Erinnerungen und erhaltenen Fotos zeigen die unglaubliche Kreativität der damals dort Lebenden, trotz finanziell schwieriger Rahmenbedingungen.

So zeigte die Lesung, dass Annemarie Kirchner-Kruse eine außergewöhnliche, emanzipierte und für die damalige Zeit moderne Frau war, die Berufung und Familie unter einen Hut brachte. Kunst und Lebenskunst gehörten bei ihr zusammen.

 

 

TITELFOTO: Kulturverein Röhrmoos, Lesung in Mariabrunn

links: Annemarie Kirchner-Kruse mit Familie um 1920 in Mariabrunn. Foto Archiv Dr. Julia Lehfeld.

 

 

 

 

 

 

Die lesenswerten Lebenserinnerungen Annemarie Kirchner Kruses hat Kristina Kargl 2025 im Allitera Verlag herausgegeben. Die Lesung mit der Herausgeberin fand in Mariabrunn im Atelier Vonholdt statt, nur ein paar Schritte vom ehemaligen Wohnort der Künstlerin entfernt. Sie war Teil 3 der Reihe des Kulturkreises Röhrmoos zum Internationalen Frauentag, bei dem schon die Biografien Viktoria von Butlers und der ehemaligen Generaloberin des Franziskanerordens in Schönbrunn, Benigna Sirl, vorgestellt wurden.

 

 

 

Die Himmelfahrt der Heiligen von Schönbrunn

„Ja ist denn jetzt schon Himmelfahrt?“ – entfuhr es mir letzte Woche als ich in der Schönbrunner Hofmarkkirche war. Dort wurden die Skulpturen des Hl. Leonhard und Hl. Sebastian in eine Art Aufzug gestellt, fest verankert und mit einer Motorseilwinde in die zweite Etage einer hölzernen Kiste gezogen. Ein bisschen erinnerte mich dies an die Schilderung der Himmelfahrt Christi in der Bibel: „Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken“.

Die Heiligen sind ein Teil der Ausstattung der Kirche, die nach mehr als zehn Jahren Einlagerung aus einer Restaurierungswerkstätte am Chiemsee an ihren Heimatort zurückgebracht wurden. Dort warten sie jetzt zusammen mit anderen Skulpturen, Rahmen und Gemälden in einer riesigen verschlossenen Kiste auf die Wiederherstellung des Kirchenraumes, in dem sie eines fernen Tages wieder ihren angestammten Platz finden sollen.

So richtig zum Scherzen war mir bei diesem Besuch aber eigentlich nicht. Eher war es eine Art von Galgenhumor, mit der ich meine Enttäuschung darüber kaschierte, dass hochwertige barocke Kunst in eine staubige Baustelle verbracht wurde. Die in das Gerüst eingefügte Holzkonstruktion, Laderampen, Werkzeug, das alte Zifferblatt der Turmuhr, Fotos der lebensgroßen Passionsfiguren – alles zusammen ein trostloses Bild der Verwahrlosung. Kein schöner Empfang für eine erstklassige Kunst, an der der Zahn der Zeit genagt hat und die in ihrer Versehrtheit traurig macht.

Das außen wiederhergestellte Gebäude lässt die Qualität der ehemaligen Kirche des Hofmarkherren Franz Xaver von Unertl, 1723/24 erbaut, erahnen – im Innern fühlt man sich hingegen eher auf einem Abstellplatz, in einer Art von Rumpelkammer, einem Dachspeicher voll vergessener Schätze.

2014 war ich noch optimistisch und mit Enthusiasmus bei der Gründung des Fördervereins für den Erhalt dieser Kirche dabei: wir wollten mit unserem Vorsitzenden Gerhard Schmidbauer die Restaurierung der Kirche voranbringen, organisierten dazu Konzerte, knüpften Kontakte, bauten eine Webpräsenz auf, warben für Mitglieder und Unterstützer. Dann kam im Januar 2020 die klare Ansage des Ordinariates, dass die Kirche laut interner Priorisierung nicht genügend Punkte habe, um finanziell unterstützt zu werden. Das Ziel der äußeren Sicherung unter dem Stichwort „die Kirche ist unter Dach und Fach“ – lapidar gesagt es regnet nicht mehr hinein und die Kirche ist nicht einsturzgefährdet – sei erreicht. Die Gelder für die weitere Sanierung – geschätzte 5 Millionen € – müsse die Kirchenstiftung selbst aufbringen.

Mit der Rückkehr der nicht restaurierten Ausstattung in die Kirche ist nun ein neuer Tiefpunkt in der Geschichte dieser Kirche erreicht. Am 17. Mai trifft sich der Förderverein zur weiteren Beratung. Ans Aufgeben denken wir trotz allem nicht! Wir freuen uns über Unterstützung und auch neue Mitglieder sind herzlich willkommen. Und zu guter letzt: das Fest der Himmelfahrt ist ja nicht nur das „Verschwinden in den Wolken“,  sondern vermittelt die hoffnungsvolle Botschaft der Wiederkehr.

 

Das Foto entstand am 26. April in Schönbrunn. Einige weitere Eindrücke habe ich hier gesammelt:

Wenn sie den Förderverein unterstützen möchten, schauen sie doch einmal auf die Webseite mit Informationen und Kontaktdaten.