Autor: Dr. Birgitta Unger-Richter

Dachauer Heimatkrimi(s)

„Am St. Johannitag, den 24. Juni, nachmittags, ertrank beim Baden in der Glonn bei Indersdorf der praktische Arzt Herr Dr. Heinrich Schmederer aus München, 30 Jahre alt, und wurde die Leiche am 25. Juni aus dem Wasser gezogen“. So lautete die Meldung im Amperboten vom 26. Juni 1880.

Der Arzt Dr. Schmederer hatte an diesem Tag beruflich im Distriktskrankenhaus in Indersdorf zu tun. Dort untersuchte er als Mitglied einer Münchner Kommission die Leiche des am 13. Juni erstochenen Röhrmooser Dienstknechts Raimund Fleischmann. Danach begaben sich die Herren zum Mittagessen in die Klosterbrauerei. Dr. Schmederer wollte sich nach dem Mahl bei einem Bad erfrischen und lud auch die anderen Herren ein, die jedoch ablehnten. „So ließ er sich allein zu der in nächster Nähe Indersdorf an der Glonnbrücke sich befindenden Brücke führen“, berichtete der Amperbote vom 27. Juni. Nach einer Stunde wurde Dr. Schmederer vermisst. Man fand zunächst nur seine Kleider und erst einen Tag später die Leiche des Verunglückten. Der Vorfall sprach sich wie ein Lauffeuer im Ort herum und zahlreiche Schaulustige verfolgten die Bergung und Überführung des Ertrunkenen. Als Erinnerung an den Unglücksfall ließ die Familie Schmederer am Unfallort ein Kreuz errichten.

Diese Begebenheit hätte durchaus das Potential für einen Heimatkrimi:  Ich sehe den Ermittler schon vor mir, wie er den Ausführungen der Angehörigen folgt, dass es sich um keinen Unglücksfall handeln könne, da der Tote äußerst gesund und ein ausgezeichneter Schwimmer gewesen sei. Der Klosterwirt widerspricht dem Verdacht, dass die Brotzeit schuld gewesen sei, weist aber mit verschwörerischer Miene darauf hin, dass der Mörder des Röhrmooser Dienstknechts noch immer nicht gefasst sei…

Aber an dieser Stelle breche ich ab –  schließlich schreibe ich (noch) keinen Heimatkrimi. Aber die Geschichte hat auch so noch eine spannende Fortsetzung, die mein hochgeschätzter Vorgänger Kreisheimatpfleger Alois Angerpointner festgehalten hat: „Vom Schmederer Kreuz“.

Angerpointner berichtet, dass bald nach dem Tod des Arztes das Gerücht aufkam, dass es beim „Schmederer-Kreuz“ spuke. Ein Geist sei erschienen hieß es oder auch ein großohriger Hund sei gesichtet worden. Bei einbrechender Dunkelheit meide man die Unglücksstelle und Schulkinder trauten sich nur in Gruppen die Brücke zu passieren. Das wurde mir auch von einer Indersdorferin bestätigt, die erzählte, dass man auch noch in den 50er Jahren den jungen Mädchen davon abriet, abends die Brücke beim „Schmederer-Kreuz“ zu passieren, weil einen sonst der „oide Schmederer holt“.

In Alois  Angerpointners gesammelte Sagen aus dem Dachauer Land werden häufig Begebenheiten mit historischem Kern erzählt, wie beim Schmederer-Kreuz, eingebettet in eine Spukgeschichte. Oft erscheinen Geister, mit oder ohne Kopf, feurige oder schwarze Hunde und der Teufel sucht sich eine immer wieder andere Gestalt, um den Menschen Verderben zu bringen. Für den Menschen scheinbar Unerklärliches wird erläutert, Frevel bestraft, gottgefälliges Leben belohnt. Eine wahre Fundgrube für historisch Interessierte und für Liebhaber spannender Geschichten – Geschichten, die viele Heimatkrimis in den Schatten stellen.

 

 

Die Zitate stammen aus dem Amperboten, nachzulesen im Stadtarchiv Dachau. Die Sage „Vom Schmederer-Kreuz“ findet man bei: Alois Angerpointner: Altbairische Sagen. Geschichten und Legenden aus dem Dachauer Land (Teil 2), Dachau (Bayerland) 1980.

 

FOTO: Abendstimmung bei Fritzlar.

Go west

1927 bestieg ein junger Mann aus dem Schwarzwald ein Schiff der Hamburg-Amerika-Linie, um in Übersee sein Glück zu machen. In seinem Heimatort herrschte aufgrund der Wirtschaftskrise der 20er Jahre eine hohe Arbeitslosigkeit und Verwandte im fernen Amerika versprachen ihm eine bessere Zukunft.

Auch aus der Stadt und dem Landkreis Dachau machten sich in diesen Jahren viele Menschen auf den Weg nach Amerika. Ihre Namen, Abreisedaten, Alter und Berufe kann man im Archiv des Auswanderermuseums in Bremerhaven nachlesen.

Ab und an wurde  auch in den Dachauer Lokalzeitungen über Auswanderer geschrieben. Der Heimatforscher Hubert Eberl aus Bergkirchen wies mich dankenswerterweise auf einen Artikel hin, der am 30. August 1997 in den Dachauer Nachrichten erschien und über den Besuch von einem Verwandten der Familie Haas aus Bergkirchen berichtete. 1926 waren auf Vermittlung des damaligen Pfarrers Schöttl, der selbst in Amerika gewesen war, sieben junge Männer aus dieser Gemeinde ausgewandert. Einer dieser Auswanderer war Thomas Haas: „Im elterlichen Anwesen gab es nichts, was ihn hielt. Bei 13 Geschwistern konnte bei dem über 100 Tagwerk großen Hof nicht viel herausschauen. Es reichte gerade mal für das Essen.“

Ein weiterer Auswanderer aus Dachau nahm am 21. Oktober 1926 die „München“ von Bremen nach New York: der Malermeister Josef Bachmaier, der im März des gleichen Jahres zu den Gründungsmitgliedern des Trachtenvereins  „Schlossbergler“ gehört hatte, die sich weiterhin für den Erhalt der Gebirgstracht einsetzen wollten. Er blieb dem Verein auch in seiner neuen Heimat verbunden und ermöglichte durch mehrere Spenden, dass 1928 eine Tischstandarte in Dachau erworben werden konnte.

Zwei Schicksale aus unserem Landkreis unter vielen, die der Besucher des Auswanderermuseums in Bremen kennenlernen kann. Hier schlüpft er selbst in die Rolle eines Emigranten und durchlebt dessen Weg von der Einschiffung über die Reise bis hin zu Ankunft in Ellis Island. Er kann beim Abschied im Hafen die Ängste und Sorgen der Einwanderer erfahren, den schwankenden Boden im Schiff unter seinen Füßen spüren und sowohl die Enge und Strapazen der Überfahrt als auch die demütigende Prozedur der Registrierung nachvollziehen. Nach bestandenem Einwanderungstest darf er einreisen und gelangt dann zur Central Station. Er erfährt dann im weiteren Rundgang, wie es einzelnen Immigranten in ihrer neuen Heimat ergangen ist. Die Reise zurück nach Deutschland erlebt der Besucher dann aus der Perspektive eines Zuwanderers nach Deutschland in den Wirtschaftswunderjahren.

Übrigens: der eingangs genannte junge Mann kehrte bereits ein Jahr nach seiner Ankunft in den Staaten wieder nach Deutschland zurück. Sein Heimweh war stärker als seine Träume von einer goldenen Zukunft. Und so blieb die Reise meines Großvaters Emil eine Fußnote in unserer Familiengeschichte. Immerhin war sie der Anlass das Bremerhavener Auswanderermuseum zu besuchen, was ich jedem nur wärmstens empfehlen kann.

 

Die Postkarte mit dem FOTO der New York  befand sich im Nachlass meines Grossvaters.

Mein Gartenzwerg

„Jeder Mensch hat einen eigenen Gartenzwerg“ – so eröffnete vor vielen Jahren meine Germanistikprofessorin die Abschlussprüfung und verblüffte mich damit dermaßen, dass mir zunächst keine Antwort einfiel. Hatte ich mich doch auf Fragen zu den Schriftstellern und der Literatur der Aufklärung eingestellt…

Daran erinnerte ich mich, als ich anlässlich eines Vortrags über Gartenbauvereine, Schrebergärten und Gartenstädte recherchierte.  Denn dabei stieß ich auf das Forschungsgebiet der „Nanologie“ – der Gartenzwergkunde, die sich wissenschaftlich mit Herkunft, Bedeutung und Wesen des Gnomen befasst. Als Wurzeln für die Zwerge hat diese unter anderem Sagen und Mythen ausgemacht, in denen Wichtel als fleissige Bergmänner erscheinen – als bekannteste Vertreter können hier die sieben Zwerge aus „Schneewittchen“ genannt werden.

Als steingewordener Gartenschmuck tauchten sie zunächst im höfischen Umfeld auf, so auch im berühmten barocken Mirabell-Garten in Salzburg. In die bürgerlichen Gärten schafften sie es erst im 19. Jahrhundert. Aufgrund der großen Nachfrage entwickelte sich eine industrielle Produktion von tönernen Zwergen, deren bekannteste Manufaktur seit 1874 bis heute in Thüringen besteht.

Soweit die Geschichte – aber wie steht es um das heutige Image des Gartenzwergs? Als Kind mochte ich die kleinen Männchen mit den roten Zipfelmützen, der Laterne oder einer Schubkarre. Besonders beeindruckend war, wenn sie in einer künstlichen erstellten Tuffsteinlandschaft standen, umgeben von weiteren Märchenfiguren – und dann fuhr da noch eine Eisenbahn durch diese Zauberwelt! Ich erinnere mich auch noch vage an zwei Exemplare, die ich als Kind selbst besaß, die meine Mutter aber in einen hinteren uneinsehbaren Gartenteil unseres Grundstücks verbannte – heute verstehe ich auch warum.

Denn bis heute gilt der Gartenzwerg als Inbegriff des Kitsches, des spießigen akkuraten Vorgartens, allgemein einer gewissen Beengtheit. Oder er wird gleich mit dem ungeliebten Bild des tumben deutschen Michels verschmolzen.

Vielleicht muss man dem Gartenzwerg aber eine Chance geben, seiner kleinen Welt zu entfliehen. Dazu fällt mir der Zwerg in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ ein, der mit einer Stewardess um die Welt reisen darf und von allen europäischen Großstädten Polaroidfotos an seinen Besitzer schickt und auf diese Weise sein Umfeld verändert. Oder mein Freund der Zwerg aus Schwabhausen, der lange Zeit an der Hauptstraße durch ein Loch in der Thujenhecke hinaus in die Ferne blickte. Seine Besitzer hatten ihm ein Fenster zur Welt geschnitten und ihn auf einen Sockel gestellt, weil er aufgrund seines Alters schon seine Füße eingebüßt hatte.

„Ja“,  würde ich heute auf die eingangs gemachte Feststellung antworten, „Vielleicht hat jeder Mensch einen eigenen Gartenzwerg – es kommt nur darauf an, was er daraus macht“. Und dann wären wir mitten in einer anregenden Diskussion, die sich weniger um Gartenschmuck als vielmehr um die menschliche Toleranz und den aufgeklärten Menschen drehen könnte – also um etwas, das gegenwärtig immer dringender gebraucht wird.

 

Die beiden Gartenzwerge, die selber bemalt werden können, habe ich für das FOTO in der Nachbarschaft ausgeliehen.

Jäger des verlorenen Schatzes

Wer kennt ihn nicht, den Archäologen Indiana Jones, der am liebsten abseits seines Schreibtisches auf der ganzen Welt im Dschungel oder in der Wüste unterwegs ist? Er schreckt weder vor Schlangen noch vor giftigen Riesenspinnen zurück, arbeitet sich durch Bergwerke und antike Tempelanlagen und kämpft mit großem Körpereinsatz für das Gute, das am Ende immer siegt. Oder Howard Carter, den Entdecker des Grabes von Tutanchamun? Oder Heinrich Schliemann, den Entdecker des sagenumwobenen Troja?

Sie alle prägen maßgeblich unser Bild des Archäologen. Dieser wird häufig klischeehaft und romantisch als Held, enthusiastischer Forscher und Entdecker kostbarer – bisher verlorener – Schätze verklärt. Nüchtern betrachtet sind Archäologen jedoch Anthropologen, die materielle Güter zur Erforschung der Geschichte der Menschheit wissenschaftlich auswerten.

Das ging mir durch den Kopf, als ich vor zwei Wochen an einer Sitzung des Archäologischen Vereins in Dachau teilnahm. Für Romantik und Schwärmerei war da kein Platz – es ging vielmehr um das pure Überleben eines Vereins, der verzweifelt nach Menschen sucht, die bereit sind Ehrenämter und damit Verantwortung zu übernehmen. Dabei wurde bis dato schon viel geleistet, nachdem der Verein unter großem Interesse und Unterstützung der Öffentlichkeit 2008 gegründet worden war: bereits 2010 erschien die erste Publikation, unterschiedliche Arbeitsgruppen verfolgten Projekte wie die Errichtung eines Keltengehöfts oder die Erforschung von Römerstraßen. Vorträge und Ausstellungen informierten über Funde im Landkreis Dachau – darunter spektakuläre, wie den Münzfund von Stetten oder die Grabungen auf dem GADA-Gelände in Bergkirchen.

Ich fragte mich, wo der Pioniergeist der Gründerzeit geblieben war, der sich in Seminaren, Feldbegehungen und Exkursionen geäußert hatte? An seiner Stelle hatte sich Resignation breit gemacht – anhand von gesetzlichen Beschränkungen, divergierenden Vorstellungen von archäologischer Arbeit und dem Vereinsalltag.

Wie es mit dem Archäologischen Verein weitergehen wird, werden wir im laufenden Jahr erfahren….

Einen Eindruck davon, wie spannend Archäologie sein kann, kann man künftig auf jeden Fall in der vor- und frühgeschichtlichen Sammlung des Huttermuseums bekommen, die momentan neu eingerichtet wird.

 

FOTO: Ein kleiner Feigenbaum wächst zwischen römischen Kapitellen und Friesen in Arles, Südfrankreich.

C+M+B – Die magischen Denkmalschützer

Am Wochenende sind sie wieder von ihrer Mission zurückgekehrt: die Sternsinger, die in der Zeit um den Dreikönigstag am 6. Januar unterwegs waren, um Gaben für arme und benachteiligte Kinder in der Welt zu sammeln. An vielen Orten zogen die Weisen aus dem Morgenland gewandet als Könige mit Krone und festlichen Kleidern von Tür zu Tür, um dort mit einem Lied oder Gedicht ihr Anliegen vorzutragen.

Dieses auch in unserer Region lebendige Brauchtum gehört zu den sogenannten „Heischebräuchen“, bei denen für Leistungen Geld oder Lebensmittel  verlangt oder gefordert werden („heischen“ wird im Duden mit „verlangen“ übersetzt, im mittelhochdeutschen stand „eischen“ für fordern ). Als Gegengabe übermitteln die Könige den Segen Gottes, den sie mit der Kreideschrift C+M+B und der Jahreszahl bildhaft werden lassen und dem Wohlgeruch des Weihrauchs unterstreichen. Die Kürzel bedeuten „Christus Mansionem Benedicat“- der Herr möge das Haus der Spender segnen und damit schützen.

Als die Sternsinger an unserem Haus den Segen ganz modern in der Form eines Aufklebers angebracht hatten und weiterzogen, wünschte ich mir insgeheim, viele weitere Sternsinger, die segnend durch den Landkreis ziehen, um dort auch den Bauwerken Segen zu bringen, die es am dringendsten nötig haben.

Vor meinem inneren Auge schickte ich sie auf meine ganz persönliche Reise: zu einigen kleinen Bauernhäusern in Oberweilbach, Taxa und Ampermoching, nach Altomünster zur Klosterpforte, zum Gasthaus nach Sulzemoos, zu einer kleinen Hofkapelle im Hinterland, dann nach Dachau zum ehemaligen Gasthaus Hörhammerbräu, zur Holländerhalle auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei, den Gewächshäusern am Kräutergarten und dann weiter zur Ziegler-Villa und dem Seidl-Haus in der Augsburgerstraße.

Dabei stellte ich mir vor, dass der Haussegen sie dadurch vor dem weiteren Verfall bewahren würde. Denn er würde die Bewohner und/oder die Verantwortlichen daran erinnern, dass mit der Haussegnung das Prinzip des „do ut des“ verbunden ist: Jede Gabe muss mit einer Gegengabe vergolten werden.

Sollte dies gelingen, dann würden die drei Weisen, die auch als „Magier“ bezeichnet werden, zu magischen Denkmalschützern.

 

Der Stern der Kleinberghofener Sternsinger durfte aufs FOTO.

 

Staade Zeit

Auch im Kloster Altomünster ist fürs erste eine „staade Zeit“ angebrochen. Mit Beginn der adventlichen Zeit wurde auf Anordnung aus Rom mit der Auflösung der klösterlichen Gemeinschaft begonnen.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das Kloster auch schon früher umwälzende Veränderungen erlebt hat: vom benediktinischen Männerkloster zum Frauenkloster, dann ab 1485 Übernahme durch die Birgittinnen mit späterer Erweiterung um ein Männerkloster. 1803 sollte auch das Kloster Altomünster im Rahmen der Säkularisation aufgelöst werden. Wie Anton Mayr in der Chronik des Altolandes festhielt, verlief diese folgendermaßen: „Am 19.3. nachmittags erscheint der Landrichter von Rain, Tünnermann, im Kloster, erklärt das Kloster für aufgehoben, nimmt die Kasse, Archiv, Sakristei, Bibliothek und Getreidekasten in Beschlag, beläßt der Äbtissin zur Bestreitung augenblicklicher Ausgaben einen Beitrag von 115 Gulden 20 Kreuzer und legt das übrige Geld unter Siegel. Die Mönche müssen aus ihrem Gebäude ausziehen. Sie erhalten eine stattliche Pension. […] Für das Frauenkloster findet sich kein Käufer. Die Schwestern dürfen deshalb in ihrem Kloster bleiben.“

Ein Jahr später, 1804, wurde das Ende der Klosteradministration gemeldet. Die Abwicklung lief nicht reiblungslos, wie der Chronist weiter berichtete: „Die Äbtissin des Klosters kann sich mit der Aufhebung des Klosters noch nicht abfinden. Sie erteilt Aufträge für Reparaturarbeiten und schickt dann die Rechnungen an die kurfürstliche Landes-Direktion zur Bezahlung. Von dort erhält sie die Antwort, daß die Rechnungen diesmal noch beim Rentamt Aichach angewiesen wurden. In Zukunft hat sie sich aber dabei eigenmächtigen Ausgaben umso mehr zu enthalten, als man selbe sonst gewiß unbezahlt lassen wird.“

Das ist natürlich Geschichte des 19. Jahrhunderts, daher sind etwaige Parallelen zu heute wohl eher zufällig. Aber die Geschichte des Klosters Altomünster ist sicherlich noch nicht zu Ende. Alles hat und braucht seine Zeit (Koh / Pred 3). Die stille Zeit, die jetzt dort angebrochen ist, ist deshalb auch eine Chance für einen unaufgeregten Neubeginn –  für ein ganz neues Kapitel in der Geschichte des Klosters „im Sinne eines geistigen Orts der Begegnung“.

Dazu braucht es Ideen, ja Visionen – ganz im Sinne der Tradition der Ordensstifterin, der Hl. Birgitta.

 

Auf dem FOTO ist ein Blick ins Kloster Altomünster zu sehen.

Budenzauber

Pommes, Bratwurst, Glühwein und Tannenbäume – die Christkindlmarkt-Saison ist wieder eröffnet! Die in der Vorweihnachtszeit verstopften Innenstädte werden durch die vielen Buden noch voller, das Gedränge und die Hektik der Einkäufer noch stärker. Sie ahnen schon: ich bin kein Freund dieser Budenstädte, die häufig auch noch mit weihnachtlichem Kaufhausgedudel in wechselnder musikalischer Güte beschallt werden.

Aber dann lasse ich mich doch immer wieder hinreissen, um einen neuen Versuch zu wagen – vielleicht geht es auch anders?

Dass es durchaus anders geht, hat mir mein jüngster Ausflug ins Freilichtmuseum auf der Glentleiten gezeigt: ohne Parkplatzgedrängel gelangt man als Besucher über einen temporären Großparkplatz im Tal per Shuttle-Bus zum Museum und wird von gut gelaunten Menschen am Eingang begrüßt und betreut.

Und dann: hinein in die verschneite Welt oberhalb des Kochelsees mit Handwerk, Kunsthandwerk, kulinarischen Köstlichkeiten. Zum Aufwärmen laden geheizte Stuben mit Live-Musik und über das Areal verteilte Gastwirtschaften ein. Und obwohl viele Menschen dieses Angebot wahrnehmen, herrscht eine entspannte freundliche Atmosphäre vor.

Trotzdem blicke ich mit ein bisschen Wehmut über die Ansammlung von weihnachtlich geschmückten Bauwerken – die alten Gasthäuser, Bauernhäuser, Stallgebäude und die Kapelle aus den verschiedensten Gegenden Oberbayerns. Sie alle mussten ihre Heimat verlassen, weil sie dort nicht mehr erwünscht waren und dem sogenannten „Fortschritt“ Platz machen mussten. In diesen Wehmut mischt sich aber zumindest ein Lichtblick: diese Gebäude bilden die perfekte Umgebung für einen jener noch „echten“ Adventsmärkte, auf denen Plastikkrippenfiguren, fernöstlicher Christbaumschmuck und Fastfood keinen Platz haben. Für mich eine wirkliche Alternative.

Übrigens kann man auch im Landkreis Dachau an den Adventswochenenden kleine Märkte entdecken, die einen Besuch lohnen….

 

 

Aufs FOTO des verschneiten Biergartentisches (Glentleiten) durften ein Obstpunsch und Gebäck.

Was man nicht vergessen sollte…

„Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte“ schrieb Kurt Tucholsky 1926 in seiner bitterbösen Abrechnung mit dem oberflächlichen Bildungsbürgertum in: „Interessieren sie sich für Kunst-?“.

Beide Äußerungen sind meiner Meinung nach auch heute noch aktuell. Ein Blick über den Tellerrand sowohl geografisch, kulturell als auch zeitlich schafft schließlich die Distanz, die objektives Betrachten erst möglich macht und die letztlich die Voraussetzung jeder Wissenschaft ist, ob im Bereich der Natur- oder der Geisteswissenschaft.

In diesem Sinne erinnert die Heimatpflege im Rahmen ihrer Reihe „Gegen das Vergessen“ an drei Historiker, die enge Verbindungen zum Landkreis Dachau haben und sich um die Erforschung der Geschichte ihrer Heimat verdient gemacht haben. Bemerkenswert ist, dass gleich zwei der Wissenschaftler einer Familie entstammen, nämlich der Familie von Hundt: Friedrich Hector Graf von Hundt (1809 – 1881) und Wiguleus von Hundt (1514 -1588). Als dritter Historiker wird dieses Jahr Dr. Gerhard Hanke (1924 -1998) gewürdigt.

Der im 16. Jahrhundert lebende Wiguleus von Hundt schuf mit seinem „Bayrisch Stammen-Buch“ von 1585/86 ein grundlegendes Werk der Genealogie und gilt damit zu Recht als einer der bedeutendsten Historiker des 16. Jahrhunderts. Seinem Verwandten Friedrich Hector von Hundt verdanken wir nicht nur archäologische Erkenntnisse aus dem Dachauer Land, sondern auch die grundlegende Urkundenforschung für das Kloster Indersdorf. Mit Gerhard Hanke haben wir einen Vertreter der Geschichtsforschung des 20. Jahrhunderts. Der vielgeschätzte Dachauer Heimatforscher hat in zahlreichen Aufsätzen und Büchern die Kulturgeschichte des Dachauer Landes bearbeitet. Aus Nordböhmen gebürtig, fand er als Heimatvertriebener in Bayern eine neue Heimat. Bewusst entschied er sich für den Ort Dachau, dem er sich auch durch seine Studien annäherte.

So hatte er sich,  geprägt vom Verlust der ersten Heimat, durch die Geschichtsforschung eine neue Heimat erworben – weit davon entfernt in ihr Beschränkung oder gar Enge zu sehen.

 

Für das FOTO bin ich nach Berlin in die Alte Nationalgalerie gereist.

Heimatmuseen im Netz(werk)

1. November 2015: die kulturhistorischen Museen im Landkreis sind online! Seit dem ersten Treffen im Juli 2014 hat sich aus einer ersten Idee eine tatkräftige Arbeitsgruppe entwickelt, die gemeinsam in die Zukunft gehen will. Sie hat sich den Namen „MuseenDachauerLand“ gegeben und trifft sich zwei bis dreimal im Jahr in einem der beteiligten Museen. Themen wie Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlungsarbeit werden schwerpunktmäßig diskutiert oder auch Fachleute zu Referaten eingeladen. Der jeweilige Gastgeber stellt sein Haus und seine Sammlung vor und lädt bei einer gemeinsamen Brotzeit zum ungezwungenen fachlichen Austausch ein.

Die meisten der Landkreismuseen, die dem Verbund beigetreten sind, wurden durch private Initiativen gegründet und werden durch Ehrenamtliche weitergeführt: Haimhausen  (1986), Großberghofen (1989), Altomünster (1997) und Karlsfeld (2003). Neugründungen sind das Augustiner-Chorherrenmuseum in Indersdorf (2014) und das Schaudepot in Pasenbach (2015). Eine weitere Gruppe umfasst Einrichtungen, die in die Rubrik „Spezialmuseen“ gehören und sich dort bestimmten Themenbereichen widmen: das Bauernhofmuseum von Herrn Dr. Kammermeier in Ebersbach mit einer Sammlung an bäuerlichem Gerät und Alltagswerkzeug, das Bankmuseum der Volksbank in Dachau und das Brauereimuseum in Altomünster. Ein weiteres Mitglied ist das bereits 1905 gegründete Bezirksmuseum Dachau, das unter professioneller Führung  als kommunale Einrichtung zusammen mit der Gemäldegalerie Dachau und der Neuen Galerie Dachau als „Zweckverband Dachauer Galerien und Museen“ firmiert.

Vielleicht empfindet der eine oder andere den Begriff „kulturhistorische Museen“ als sperrig; man kann ja genauso gut auch von „Heimatmuseen“ sprechen, nachdem der Begriff der Heimat inzwischen positiv bewertet wird und Heimatmuseen nach und nach das Image des „Verstaubten“ ablegen. Noch 1981 kritisierte der Volkskundler Hans Roth  im Sonderheft 1 der vom Landesverein für Heimatpflege herausgegebenen Zeitschrift „Schönere Heimat“ das Heimatmuseum als „lediglich eine Anhäufung von Altväterhausrat, eine verstaubte Nostalgiesammlung, die Aufbereitung von Gegenständen einer ‚heilen Welt‘, die es seinerzeit wie heute nicht gab und gibt.“ 

Was ist dann heute ein zeitgemäßes Heimatmuseum?

Es ist ein Museum für den Ort und seine Bürger, ein Aushängeschild für die Kultur des Ortes und Botschafter für dessen kulturelle Tradition – ein lebendiger Treffpunkt für alle Gesellschaftsgruppen zum Lernen, Begegnen und Austauschen. Ein Heimatmuseum kann Ausgangspunkt für ein Miteinander von Alt- und Neubürgern sein. Ein Heimatmuseum kann aber auch überregionale Besucher interessieren.

In diesem Sinne ist die Webseite der Heimatmuseen des Dachauer Landes gedacht. Aktuelles und monatliche Empfehlungen laden dazu ein.

Schauen sie doch mal rein: www.museen-dachauer-land.de.

 

Auf dem FOTO sieht man die Landkarte, die Bestandteil des neues Werbeflyers der Museen ist.

 

 

Ein Baum als Denkmal

„An apple a day keeps the doctor away“- lautet ein Sprichwort aus dem angelsächsischen Raum. Daran musste ich denken, als ich meine diesjährige Apfelernte betrachtete. Trug doch mein Apfelbaum dieses Jahr sogar zwei Äpfel! Aus einem wurde ein Apfelmus gekocht – natürlich verlängert durch geschenkte Äpfel aus Nachbars Garten. Den zweiten, ganz kleinen Apfel habe ich fürs vorweihnachtliche Paradeisl aufgehoben.

Soviel Wertschätzung für zwei Äpfel? Ja, denn die Ernte stammt nicht von einem x-beliebigen Baum, sondern von meinem besonders gehegten Apfelbaum, dem „Korbiniansapfel“, der Züchtung des Pfarrers Korbinian Aigner.

Korbinian Aigner (1885-1966) wirkte ab 1931 als Vikar und dann Pfarrer in Sittenbach. Neben seiner kirchlichen Tätigkeit hatte er großes Interesse am Obstbau. Aigner war ein politischer Mensch und dem Nationalsozialismus gegenüber kritisch eingestellt. Am 8. November 1939 kam es zum offenen Konflikt mit den Machthabern, als er anläßlich einer Predigt zum fünften Gebot („Du sollst nicht töten“) das Attentat Georg Elsers als Sünde in Frage stellte. Er wurde daraufhin verurteilt, kam erst nach Stadelheim, dann in die Konzentrationslager nach Dachau und Sachsenhausen. Ab dem 3. Oktober 1941 war er bis kurz vor Kriegsende als Häftling mit der Nummer 27.788 im sogenannten „Priesterblock“ im KZ Dachau. Dort gelang es ihm die vier Apfelbaumsorten KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4 zu züchten. Die heute noch existierende Sorte  KZ-3 wurde 1985 offiziell als „Korbiniansapfel“ bezeichnet.

Aigner züchtete aber nicht nur Äpfel, er dokumentierte auch unterschiedliche Obstsorten in 649 Zeichnungen von Äpfeln und 289 Zeichnungen von Birnen, die heute im Archiv der Technischen Universität München aufbewahrt werden.

Eine Auswahl der farbigen Zeichnungen bewunderte ich auf der Documenta 13 (2012) in Kassel. Ihre schlichte Schönheit und Ästhetik begeisterte mich und sprach meiner Meinung nach für ihren berechtigten Platz in einer der bedeutendsten internationalen Kunstausstellungen.

In Dachau erinnern übrigens als eine Art von Natur-Denkmal zwei Bäume im Industriegebiet und vor dem Landratsamt an den mutigen „Apfelpfarrer“ Korbinian Aigner. Aber sicherlich gibt es außer diesen und meinem kleinen Bäumchen noch weitere im Dachauer Land. Eine schöne Vorstellung.

 

Über das Leben Korbinian Aigners informieren Tafeln im Gewerbegebiet in Dachau und vor dem Landratsamt Dachau, wo das FOTO entstand.